Gegen den Konsumzwang – Free your Stuff Trier

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    Die Seite der Free your Stuff-Gruppe Trier.

    Bildquelle: Lars Eggers

    TRIER/LUXEMBRUG/BERLIN. „Free Your Stuff“ (FYS) – Facebook-Gruppe, soziales Konzept und eine gute Möglichkeit, all die Dinge abzugeben, die man selbst nicht mehr braucht. Verschenken liegt nicht nur voll im Trend – es ist eine Bewegung, die sich aktiv gegen Wegwerfkultur und Massenkonsum richtet.

    Im Jahr 2011 erdachte der rumänische Student Radu Burtescu in Luxemburg das Konzept des ökonomischen Verschenkens. Die Idee ist simpel: Wer etwas zu vergeben hat, das er nicht mehr braucht, meldet sich auf Facebook an, tritt der Free your Stuff-Gruppe seiner Stadt bei und stellt einen Post mit dem Präfix GIVE ein. Die anderen Gruppenmitglieder können den Post sehen und wer braucht, was angeboten wird, der meldet sich per Kommentar. Wer etwas sucht, der schreibt einfach NEED vor seine Anfrage.

    „Free your Stuff ist kein Verkaufsportal und auch keine Tauschbörse“, erklärt Andrea Kockler. Die 35 Jahre alte Triererin arbeitet im Regionalbüro des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und ist eine von zehn Moderatoren und Moderatorinnen der Trierer FYS-Gruppe. „Es ist uns ganz wichtig, dass klar ist: Ich bekomme für meine Sachen keine Gegenleistung.“ Es soll um Konsumverweigerung gehen – nicht einfach alles wegwerfen, was man nicht mehr braucht, sondern die Energie und Rohstoffe, die in die Produktion der Güter geflossen ist, so vollständig wie möglich ausnutzen. Vor allem ältere Elektrogeräte wie Röhrenfernseher und Stereoanlagen, schon lange aus den Regalen der Kaufhäuser und Fachgeschäfte verschwunden, finden bei Free your Stuff reißenden Absatz. Aber auch scheinbar wertlose Gegenstände, wie kaputte Kühlschränke oder halb aufgebrauchte Kosmetika, werden mit Erfolg verschenkt. Das Motto heißt: „Des Einen Müll, ist des Anderen Schatz.“

    Free your Stuff-Gruppen erfreuen sich seit Jahren großer Beliebtheit, es existieren unter anderem Gruppen in Metropolen wie Paris, Kopenhagen und Budapest, aber auch in vielen deutschen Städten, darunter Mainz, Berlin und Kaiserslautern, meist mit Tausenden von Mitgliedern. Trier ist eine wahre FYS-Zentrale geworden. In wenigen Jahren wuchs die Trierer Facebook-Gruppe auf über 11.000 Mitglieder. Zum Vergleich: Die Gruppe in Stuttgart zählt rund 3.700 Mitglieder, die der Hauptstadt Berlin, einer der aktivsten Gruppen, zählt 19.000 Mitglieder.

    Trierer Gruppe hat Aufnahme-Stopp

    Free your Stuff ist die Wirkung einer größeren Ursache – die Menschen zeigen deutlich, dass sie dem Wegwerfkonsum entgegenwirken wollen. Nicht jeder muss stets das Neueste besitzen und das Vorgängermodell in die Mülltonne verfrachten. Wie auch bei anderen Einrichtungen, zum Beispiel bei Car Sharing, zeigt sich hier eine aktive und bewusste Verweigerungshaltung der herrschenden Konsumströmungen gegenüber – ein Trend, der auch der Wissenschaft nicht entgangen ist. Die Heinrich-Böll-Stiftung sieht gemäß einer Studie aus dem Jahr 2012 im Konzept des ökonomischen Teilens das Potential, den Ressourcenkonsum eines Menschen zu senken und dabei die Lebensqualität zu halten oder gar zu steigern.

    FYS hat eine ganz eigene soziale Komponente, die eine Mischung aus online-Community und realen Begegnungen geworden ist, denn Free your Stuff findet nicht nur im Internet statt. Man holt die verschenkten Dinge persönlich ab, trifft die Menschen, die sie weggeben. „Da lernt man schon mal jemanden kennen, der das gleich Hobby hat, und trifft viele nette Menschen“, weiß Kockler zu berichten. Auch hat das Konzept mit den Free your Stuff-Märkten den Sprung in die reale Welt geschafft. Regelmäßig treffen sich die Mitglieder der FYS-Gruppen zu Flohmärkten, bei dem niemand etwas bezahlen muss.

    Wie es bei solch großen Unterfangen so oft ist, geht das Ganze aber nicht ohne Schwierigkeiten vonstatten. Wer derzeit der FYS-Gruppe Trier beitreten möchte, der wird feststellen, dass keine neuen Mitglieder akzeptiert werden.

    Den Keller ausmisten und etwas Gutes tun - das Prinzip von Free your Stuff.
    Den Keller ausmisten und etwas Gutes tun – das Prinzip von Free your Stuff.

    „Es gab und gibt Missverständnisse über den Gruppengeist, die Anti-Konsum-Idee“, erklärt Kockler die Schließung der Gruppe. „Häufigster Grund sind Kauf- oder Verkaufsangebote von gebrauchten Waren. Aber gerade um die Schnäppchenjagd geht es ja nicht. Es geht um Recycling im wahrsten Sinne des Wortes. Wir wollen die Dinge wieder in den Kreislauf bringen, die zuvor nur im Keller standen oder nicht gebraucht werden.“

    Was als kleine Gruppe, in der man sich persönlich kannte, begann, ist zu einer größtenteils anonymen Gruppe von über 11.500 Menschen geworden. Das, so Kockler weiter, führe dazu, dass immer wieder einzelne Mitglieder das gute Benehmen in der trügerischen Anonymität des Internets ablegten. „Ausnahmen, sicher, aber da uns an einer angenehmen Gruppenatmosphäre gelegen ist, müssen wir in solchen Fällen moderierend eingreifen und haben uns für einen Aufnahmestopp entschieden. Es geht uns genauso um ein menschliches Miteinander, wie um den Austausch von Waren.“

    Der menschliche Faktor ist es also, der dem noblen Konzept zu schaffen macht. Ob die Gruppe wieder für neue Mitglieder geöffnet wird, kann Andrea Kockler nicht mit Sicherheit bestätigen: „Momentan ist geplant, den Aufnahmestopp zum neuen Semester aufzuheben. Aber da wird es erst ein Treffen der Moderatoren geben, um zu klären, wie genau das vor sich gehen soll.“

    Probleme hin oder her – das Konzept „Free your Stuff“ hat sich offensichtlich bewährt. Die Einen bekommen etwas, das sie brauchen, die Anderen werden Dinge los, die ihren Keller zustellen. Solange man sich an die viel gerühmten „Nettiquette“ hält, eine lohnende Sache für alle Beteiligten. (LE)

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