Umjubelte Carmen – Wie die Motte in der Flamme

0
Mit Carmen und Kristina Stanek ist das Theater Trier in die neue Spielzeit gestartet.

Bildquelle: Theater Trier

TRIER. Die Premiere, mit der ein Theater in die neue Spielzeit startet, hat immer einen besonderen Stellenwert. Mehr als andere Premieren setzt sie ein Ausrufezeichen für die neue Saison. Das Stadttheater Trier startete mit der Oper Carmen in das Theaterjahr 2014/15 und gab damit zu der Hoffnung Anlass, dass diese Spielzeit eine glanzvolle sein wird.

Von Gerhard W. Kluth

Eigentlich wiederholt sich die Geschichte immer wieder. Die Menschen brauchen Helden, zu denen sie aufschauen können. Und die Helden brauchen die Menschen, die ihnen zujubeln. Das war bei den Römern schon so. Die Gladiatoren waren die Stars der damaligen Zeit, und das Volk lag ihnen zu Füßen. Zumindest solange sie erfolgreich waren. Zugegeben, das gegenseitige Abschlachten zum Amüsement des Volkes gibt es heute nicht mehr. Was es aber auch schon in der römischen Antike gab und sich bis heute gehalten hat, ist der Stierkampf. In seinem Umfeld spielt die Geschichte der Carmen und ihres Geliebten Don José eigentlich und jeder kennt die Story. Bizets Oper steht regelmäßig auf den Spielplänen aller Theater, sie gehört zum Bekanntesten, was dieses Genre zu bieten hat. Sie war umstritten, weil sie so verrucht war. Ihrer Uraufführung 1875 war nur ein zurückhaltender Erfolg beschieden. In Carmen wurde die personifizierte Sinnlichkeit gesehen. Jene Verlockung, die einen an sich braven bürgerlichen Mann in den allmählichen Verfall und letztendlich in den Ruin treibt. So etwas gehört nicht auf die Bühne. Trotzdem gab es in Paris 49 Aufführungen, weil Carmen doch auch den Voyeurismus bediente, der gerade bei schlüpfrigen Dingen in jedem von uns ein bisschen steckt.

Macho, Macho - Carlos Aguirre als Don José.
Macho, Macho – Carlos Aguirre als Don José.

Für die Trierer Bühne hat sich der 31-jährige Sebastian Welker Gedanken darüber gemacht, wie man die Geschichte der Carmen in unsere heutige Zeit transportieren kann. Wo findet man heute die Arenen, in denen das Volk den Helden zu Füßen liegt? Die Frage konnte eigentlich nur eine Antwort finden: im Fußballstadion. Don José mutiert an der Mosel von einem Soldaten zu einem Angestellten einer Securityfirma, die das Stadion des Vereins „Toreador Granada“ zu bewachen hat. Natürlich musste es noch ein paar andere Anpassungen geben. Aus dem kriminellen Umfeld, in das Don José und Carmen geraten, werden aus den Schmugglern, für die das Paar arbeiten soll, Wettbetrüger, die für das nächste Spiel den Schiedsrichter bestechen wollen.

Die Zigarettenfabrik, in der Carmen arbeitet, bekommt bei Welker einen Namen und wird auch gleich ganz Zeitgemäß zum Hauptsponsor des Fußballklubs. Während der ganzen Aufführung prangt das Firmenlogo „Amando.com“ auf der Bühne, und ein Schelm mag sein, wer sich dabei an den einen oder anderen Versandhändler aus dem Internet erinnert fühlt. Oder soll dieses Logo doch eher an den heute eher ungebräuchlichen Namen Amando erinnern, der übersetzt so viel bedeutet wie: Der, der geliebt werden muss? Seine Wurzel hat dieser Name im lateinischen amare, lieben. Praktischer Weise sind die Chefs dieser imaginären Firma auch gleich die Auftraggeber und Drahtzieher der kriminellen Machenschaften.

Mit Bierbank und Dixi-Häuschen

Es ist also eigentlich nicht viel, was Welker ändern musste, um Carmen ins 21. Jahrhundert zu transportieren. Die Brücke zum Original schlägt Welker dadurch, dass der Fußballklub einen Stierkopf als Logo erhält. Bei den Kostümen (Claudia Caséra) ist alles sehr schlicht gehalten und könnte als Straßenkleidung durchgehen. Das sehr spartanische Bühnenbild (Julia Przedmojska) des ersten und zweiten Aktes besteht aus einer Sitztribüne, wie sie in jedem Stadion zu finden ist. Hier spielt sich alles ab. Hier wird geliebt und gekämpft, hier wird gefeiert und gestritten. In den beiden Bildern des dritten Aktes rückt die Tribüne nach hinten, und in den Vordergrund kommen Bierbänke und eine große Leinwand fürs Publik Viewing. Hier wurde tatsächlich an alles gedacht, inklusive eines Dixi-Häuschens an exponierter Stelle und eines Bierstandes, dessen Zapfhahn nicht nur ein Stierkopf, sondern auch das Logo einer großen Brauerei aus der Eifel zierte. Am Ende dreht sich die Bühne, der Zuschauer blickt von hinten auf die Leinwand, auf der ein Spiel der Trierer Eintracht die Kulisse für den Mord an Carmen bildet. Gleichsam ein Blick hinter die Kulissen des modernen Arenabetriebs.

Kann man Carmen in jeder Frau finden?

In sich ist das, was Welker transportieren will, schlüssig, auch wenn er an ein paar Stellen über das Ziel hinaus schießt. Er transportiert die Carmen des 19. Jahrhunderts in unsere Tage und unterstreicht damit, dass es sich um eine Geschichte handelt, die alt und doch immer wieder neu ist. Eine Männerwelt, in der sich die Stars mit potenzgeladenem Machogehabe präsentieren und Frauen, die sich davon beeindrucken lassen, die das anzieht wie die Kerze die Motten. Manche Motten fliegen in die offene Flamme und kommen darin um. Soweit kann man zustimmen.

Ob aber die Aussage Welkers im Interview des Programmheftes zutrifft, mag bezweifelt werden. Er sagt: „Ich finde, man kann eine Carmen heutzutage in jeder Frau finden.“ Ob wirklich jede Frau sich im ausverkauften Trierer Theater auf der Bühne wieder erkannt hat, darf man wohl in Zweifel ziehen. Ebenso, ob es sich wirklich um Liebe handelt, die Carmen ihrem José entgegenbringt. Da stellt sich die Frage, was das eigentlich ist, Liebe? Ist es wirklich Liebe, wenn eine Person die andere kontrollieren will? Man kann Carmen auch in der Trierer Aufführung als den Vamp sehen, der sich vom Gehabe des Escamillo mehr beeindrucken lässt als von der wahren Zuneigung, die José empfindet. Der die Welt nicht mehr versteht und den Carmen am ausgestreckten Arm verhungern lässt. Ein solches Verhalten aber jeder Frau zuzuschreiben, erscheint doch ein bisschen gewagt.

Nicht ganz erschließen konnte sich die Tatsache, warum die Wirtin Lollas Pastias (Andres de Blust-Mommaerts) als Conchita Wurst auftreten musste. Wenn es als Gag gedacht war, kann man ihn nur als ziemlich platt bezeichnen. Bei Bizet wird Carmen am Ende der Oper erstochen. Bei Welker wird sie von José ziemlich blutrünstig zusammen geschlagen und getreten. Auch das ein Blick auf die heutige Realität? Einige Fragen, die offen blieben und sicherlich mit für die Buh-Rufe verantwortlich waren, als Welker nach der Vorstellung auf die Bühne kam.

Ein Energiebündel bis zur letzten Note

Ganz anders und in vollem Umfang berechtigt war der Applaus bei den Akteuren. An erster Stelle muss hier Kristina Stanek genannt werden, die eine restlos überzeugende Carmen gab. Die 29-Jährige bot eine Vorstellung, die nur noch staunen machte. Sowohl ihre sängerische wie auch ihre schauspielerische Leistung hatten die lauten Bravorufe voll und ganz verdient. Sie ist ein wahres Energiebündel, das bis zur letzten Note kraftvoll und gestalterisch der Rolle gerecht wird. Ein strahlendes Leuchten in den Höhen schaffte sie ebenso problemlos wie ein kraftvolles in die Tiefe gehen. Nach ein paar kleinen Startschwierigkeiten kann hier auch Carlos Aguirre mithalten, dem man den Don José mühelos glaubt. Brillante Höhen zeichnen ganz besonders seine Stimme aus, ebenso aber auch bei ihm seine schauspielerische Leistung. Seine Verzweiflung über die verlorene Liebe erscheint echt und wahr. Einen besonderen Genuss schenkte er seinem Publikum in der berühmten Blumenarie. Einen perfekten Gegenspieler fand er in Amadeu Tasca als Escamillo, der ebenfalls kaum einmal eine Schwäche erkennen ließ und von dem man nur hoffen kann, dass er im realen Leben nicht ein solches Machogehabe an den Tag legt.

Sie gaben eine restlos überzeugende Vorstellung: Kristina Stanek als Carmen und Carlos Aguirre als Don José im Trierer Stadttheater.
Sie gaben eine restlos überzeugende Vorstellung: Kristina Stanek als Carmen und Carlos Aguirre als Don José im Trierer Stadttheater.

Aber auch in den weniger exponierten Rollen zeigte das Trierer Theater, wie hochkarätig derzeit seine Besetzung ist. Allen voran Joana Caspar als Jugendfreundin Josés, Evelyn Czesla als Frasquita und Silvie Offenbeck in der Rolle der Mercedes. Nahtlos fügten sich die Bassisten Pawel Czekala und Carsten Emmerich als Wachleute Zuninga und Moralès ein und den Tenören Dmitriy Ryabchikov und Luis Lay als Dancairo und Remendado nahm man ihre Mitgliedschaft in einer mafiösen Gemeinschaft problemlos ab. Der Opernchor und der Extrachor (Einstudierung Angela Händel) konnten mit musikalisch hoher Präsenz glänzen und erweckten schauspielerisch den Eindruck, als wären sie regelmäßig Gast im Moselstadion. Ein bewundernswertes Gastspiel gab der Aufbauchor des Mädchenchores am Trierer Dom (Einstudierung Domkapellmeister Thomas Kiefer), der die Rolle der fußballbegeisterten Kinderfans übernommen hatte.

Konnte man auf der Bühne ein sehr engagiertes Ensemble erleben, so stand das Philharmonische Orchester der Stadt Trier unter der Leitung von Generalmusikdirektor Victor Puhl dem keinen Deut nach. Es war schlicht brillant, was sich da aus dem Orchestergraben Bahn brach. Präzise, mit großer Dynamik und bestechender Musikalität ließen die Musiker Bizets Komposition lebendig werden und waren ein absolut verlässlicher Partner für das Geschehen auf der Bühne. Alle zusammen setzten ein glanzvolles Ausrufezeichen an den Start der neuen Spielzeit, das man nur mit einem Wort beantworten kann: Bravo!

Die nächsten Termine: 20. und 23. September, 3., 10. und 12. Oktober.

Jetzt lokalo liken und keine News verpassen!

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Die Redaktion behält sich vor, Lesermeinungen zu kürzen. Es besteht kein Anspruch auf die Veröffentlichung Ihrer zugesandten Meinungen. Klarname ist nicht erforderlich. Eine E-Mail-Adresse muss angegeben werden, wird aber nicht veröffentlicht.