„Kunst & Politik – die Sammlung Friedel Drautzburg“

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Bildquelle: Hanns-Wilhelm Grobe

WITTLICH. Gut 170 Arbeiten von neuer, die junge Bundesrepublik ab den 1960er Jahren prägender und gewollt die damalige Generation verstörender Kunst sind seit vergangenem Sonntag in der Ausstellung „Kunst & Politik –die Sammlung Friedel Drautzburg“ in der Städtischen Galerie im Alten Rathaus Wittlich zu sehen. Je nach Geburtsjahr des Besuchers kennt er darin optisch und inhaltlich zitierte historische Ereignisse aus eigenem Erleben und Anschauung oder aus Geschichtsbüchern: z. B. Vietnamkrieg und die Studentenrevolte der 68er, den Wahlkampf mit Wahl des ersten sozialdemokratischen Bundeskanzlers Willy Brandt, die Olympischen Spiele 1972 in München, den Fall der Mauer im November 1989 mit Michael Gorbatschow und seine Rolle als Wegbereiter für die Wiedervereinigung Deutschlands. 

Künstlerische Außenseiter und Quereinsteiger, ob als Galerist oder auch als Kunstkritiker verstören Kunsthandel und Kunstkritik des Establishments der noch jungen Bundesrepublik, haben Erfolg und wirken mit Verzögerung bis in die Museen hinein. Alle verbindet: Sie bringen Begeisterung für Kunst und die unmittelbare Begegnung mit den Künstlern mit. 1968 öffnet Friedel Drautzburg die Galerie Argelander in Bonn und zieht später nach Berlin um. Er sammelt mit wachem Auge bis heute.

Die gezeigte Auswahl der Sammlung Drautzburgs ist oft provozierend, verwirrend, aggressiv. Vordergründiges erschließt sich schnell durch Kurztexte am Werk. Hintergründiges und Doppeldeutiges erst durch die zur Ausstellung geplanten Führungen (immer freitags im Wechsel durch Kulturamtsleitern Elke Scheid und durch den Leihgeber Friedel Drautzburg) und durch den für Herbst geplanten Katalog zur Ausstellung.
Die Räume reichen nicht aus, alles zu hängen, zu verdichten und zu arrangieren, woran das Herzblut des 76-jährigen Drautzburg hängt und was er in seiner Heimat Wittlich gerne zeigen würde. Sein Lieblingsobjekt, die Sandmühle mit einem Durchmesser von vier Metern, hat Drautzburg nur als Bild dabei. Gezeigt wird sie als Leihgabe in den Räumen von Schloss Güstrow.

Werke und Rahmen sind so unterschiedlich wie deren Künstler. Sie haben Macken, angeschlagene Ecken und Kanten. Dutzende gerahmte Bilder stehen in jedem Raum zusätzlich bewusst als Bilderstapel auf dem Boden und laden dazu ein, selbst zu blättern und auch einen vorsichtigen Blick auf die Rückseiten der Rahmen zu werfen. Eines der Bilder trägt sogar noch den Verkaufspreis von einst: 90 D-Mark. Heute 90.000 Euro und mehr wert.
Zusammengetragen mit wachem Blick für das Thema, die Schöpfer und die Machart hat sie der in Wittlich geborene Friedel Drautzburg. In den ersten sechs Jahren in Duisburg groß geworden, dort bei einem Bombenangriff verschüttet und zeitweise taubstumm, wächst er zwischen sechs und 18 in Wittlich auf. Er arbeitet nebenbei, um das Schulgeld fürs Gymnasium zu verdienen, auf das ihn die Eltern zuerst nicht schicken wollten. Erste künstlerische Impulse bekommt der spätere Jurist mit Prädikatsexamen beim Wittlicher Kunsterzieher Rudolph Schöfer und zieht mit der Staffelei an die Lieser. In den 50er Jahren beeindruckt ihn nachdrücklich das Picassobild „Guernica“ und dessen politische Aussagekraft. Picasso ließ es bis zum Zusammenbruch der Franco-Diktatur nicht in seiner spanischen Heimat zeigen.
Mit Günter Grass zieht Drautzburg im VW-Bus durch bundesdeutsche Lande, um für Willy Brandt Wahlkampf zu machen. Dessen Sohn Lars wird am 30. Oktober, 19 Uhr, in der Städtischen Galerie zum öffentlichen Gespräch mit dem Künstler kommen, um auch über die in der Galerie gezeigten sechs Brandt-Portraits zu sprechen. Im jüngsten SPIEGEL erschien ein zweiseitiges Essay von Lars Brandt. O-Ton Friedel Drautzburg in Wittlich: Es liest sich, als hätte er die Wittlicher Ausstellung schon gesehen.

Politisch pointierte Plakatkunst von Klaus Staeck (heute Professor und Präsident der Akademie der Künste, Berlin, er eröffnete die Ausstellung persönlich in Wittlich im Beisein des Leihgebers) findet sich genauso in Drautzburgs Sammlung wie Karikaturen und daraus für Wahlkampf weiter entwickelte Plakate des früheren Chef-Karikaturisten der Wochenzeitung ZEIT, Murschetz: Willy Brandt erhält auf einem Easy-Rider-Motorrad als „Eastern-Rider“ Walter Scheel als Sozius und Franz-Josef Strauß mit einer Jagdbüchse im Hintergrund mit Ladehemmungen an die Seite gestellt.
Nicht nur Leihgeber, Kurator und erste Besucher sind berührt, wie aktuell die Themen der Sammlung geblieben sind angesichts Ukraine-, Gaza- und Israelkonflikt. Menschen und Menschenrechte werden auch 2014 mit Füßen getreten.

In den drei Räumen im Erdgeschoss, die vor allem den biografischen Friedhelm „Friedel“ Drautzburg und seine Wittlicher Heimat beleuchten, schlägt der mit eigenem rotem „Oldtimer-Volvo“ aus Berlin angereiste Drautzburg gleich wieder den Bogen zur Weltpolitik. Nur wenige Flugstunden von Wittlich und Deutschland entfernt seien Schrecken und die Ächtung der Menschenrechte: „Für einige der hier gezeigten Darstellungen mit künstlerischer Freiheit zu Frau und Kirche würde ich in Russland gefoltert, für die 20 „Farphalli“-Darstellungen von Tony Munzlinger (Kurator Hüttel nennt sie Munzlingers Pimmel-Parade, farphalli als Wortspiel auf die italienischen Nudeln in Schmetterlingsform und auf das männliche Geschlechtsteil) würde ich in Sudan mehrere Jahre ins Gefängnis gehen“.

Drautzburg wäre nicht Drautzburg, wenn er nicht mit einem schelmischen Lächeln einen optisch und gedanklich bereicherten und nachdenklichen Besucher mit einer Fotografie von Tim Ulrich aus der Galerie verabschieden würde und dem Text: Ich kann keine Kunst mehr sehen.

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