Geschichten aus der Basketball-Welt

0
Johannes Herber bei seiner Lesung in der Mayerschen Buchhandlung.

Bildquelle: Helmut Thewalt

TRIER. In diesem Jahr feiern die Trierer Basketballer ihr silbernes Jubiläum: 25 Jahre 1. Bundesliga. Einen der ersten Beiträge zu diesem historischen Ereignis lieferte mit Johannes Herber ein ehemaliger Nationalspieler, der auf Einladung des Clubs und der Mayerschen Buchhandlung gekommen war, um aus seinem Buch „Almost Heaven“ zu lesen. 35 Zuhörer waren gekommen, die Joe nach 90 Minuten mit viel Beifall für seine interessanten und oft amüsanten Geschichten dankten.

Herber ist erst 31 Jahre alt und trotzdem schon seit zwei Jahren weg vom Fenster. In einem Alter, in dem andere noch die vier fünf besten Jahre ihrer Karriere vor sich haben, hat er die Basketballstiefel schon längst an den berühmt-berüchtigten Nagel gehängt. Zwei in kurzem Abstand erlittene Kreuzbandrisse und eine hartnäckige Fersenentzündung bedeuteten das Ende seiner sportlichen Laufbahn. Der Darmstädter, der schon in seiner aktiven Zeit für Basketballfachblätter lesenswerte Kolumnen schrieb, ist zur schreibenden Zunft gewechselt. Dass sein Buch „Almost heaven“ heißt, hat, so gestand er am Dienstag, vor allem damit zu tun, dass der Verlag früh auf einen Titel drängte, um sein Werk bewerben zu können. Sein Lektor gab dem Roman dann diesen Titel, weil er so schön zu seiner Zeit am College in West Virginia passte. Denn die Hymne dieses Landstrichs heißt „Country Roads“ – gesungen von John Denver. Und wie lautet deren erste Zeile? Richtig: „Almost heaven, West Virginia.“

„Dem Himmel nah“, so die deutsche Übersetzung des Buchtitels – Herber untertitelt es mit „Geschichten aus der Basketballwelt“ – fühlte sich Johannes Herber, der mit zwöf Jahren im Traditionsstandort Langen beim dortigen Turnverein begonnen hatte, Basketball zu spielen, als er mit 19 Jahren ein Stipendium für die Uni in den USA bekam. Kaum dort angekommen, bekam er eine regelechte Depression. „Ich habe mich erstmals auf Video gesehen. Und auf Video sah ich nicht gut aus“, erzählt er. „Die Arme schlenkerten, die Knie waren nicht durchgedrückt, und ich lief auf Plattfüßen.“ Dabei war das ein Video aus Deutschland, vom Derby der zweiten Liga zwischen Langen und Heidelberg. Ein Highlightvideo. Nicht nach Ansicht seines Coachs. Gleich mehrfach musste er sich diese Passagen ansehen. Und mit jeder Minute schwand das Vertrauen ins eigene Können. Vielleicht wäre er doch besser nach Frankfurt gewechselt. „Für einen Vierjahres-Vertrag hat man mir so viel Geld geboten, dass ich mir davon ein kleines Eigenheim hätte kaufen können.“ Dass er doch dem Lockruf des „Big Dance“ des Finalturniers der Universitäten folgte, hat er nie bereut. Denn Joe biss sich durch und nennt noch heute die Spiele im legendären „Madison Square Garden“ in New York die schönsten und damit unvergesslichsten Momente seiner gesamten Karriere.

„Ich habe dort am meisten gelernt“, sagt er im Rückblick, „basketballerisch“, fügt er hinzu. Und dass es im College-Basketball nur volle Arenen mit bis zu 70.000 Zuschauern gibt und immer gute Stimmung herrscht. Aber auch, dass er nicht Allen Iverson ist. Unbewusst hatte er ihn nachahmen wollen. Einen der Besten, den die NBA in den 90er-Jahren und danach gesehen hat. Damit es auf keinen Fall zur Selbstüberschätzung kommen konnte, gab ihm sein Coach noch mit auf den Weg, dass er keinesfalls in die Fußstapfen dieses Allen Iverson treten könnte.

Auf dem Laufband, auf dem Holzweg

Das wusste „Joe“, wie ihn seine Kumpels bis heute nennen, aber auch ohne den Hinweis seines Coachs. Nachdem er das Studium und die Basketball-College-Karriere beendet hatte, landete er bei ALBA Berlin. Zu dieser Zeit wurde der Serienmeister von Henrik Rödl trainiert, der in Trier seine zweite Heimat gefunden hat. Leider nicht lange. Als Nachfolger kam Luka Pavicevic. Einer der Trainer, die mit kleiner Rotation spielten. Dieser Philosophie fielen Herber und sein Leidensgenosse Philipp Zwiener zum Opfer. Alles drehte sich meist um fünf Buchstaben, die in den Spielberichten standen: DNP – CD. Übersetzt: Hat nicht gespielt, Entscheidung des Coachs. Entweder, weil die Mannschaft hinten lag und man den beiden „Ergänzungsspielern“ nicht zutraute, bei der Aufholjagd von Nutzen zu sein, oder weil man in engen Spielen auch lieber auf die Erfahrung anderer baute. Seit Herber, ein echter Dreierspezialist, mit Pavicevic zu tun hatte, weiß er auch: „Gesund zuschauen zu müssen, ist schlimmer, als verletzt zuschauen.“ Seit der Reha, die auf den ersten Kreuzbandriss folgte, wundert er sich aber, warum der Hersteller des Laufbands, auf dem er Kilometer um Kilometer fraß, ausgerechnet „Woodway“ (Holzweg) heißt. Da sage noch einer, das sei nicht symbolisch gemeint.

Warum Herber einige Jahre später, als Rödl nach Trier ging und Zwiener mit an die Mosel brachte, nicht auch auf Rödls Wunschzettel stand, weiß er nicht. „Er hat mich nie gefragt.“ Auch die Lesung in Trier brachte in dieser Frage keine Klärung, weil Henrik Rödl noch nicht von der China-Reise mit dem A-2-Nationalteam zurück war.

Die Gesänge des Rekordnationalspielers

Auch ein weiterer Weggenosse früherer Jahre, Dragan Dojcin, konnte ihm nicht die Hand schütteln. Der Serbe, der auch mit Rödl von der Spree an die Mosel zog, ist auf Trainerfortbildung. Er wird von Herber aber gelobt, als einer der wenigen großen Spieler, der nicht zu langsam war, das Spiel kapiert hatte, nicht immer falsch stand und gute Pässe spielen konnte. „Und alle zwei Wochen sogar mal einen Dreier.“

Der Zuhörerraum in der Mayerschen Buchhandlung war gut gefüllt.
Der Zuhörerraum in der Mayerschen Buchhandlung war gut gefüllt.

Hohes Ansehen unter den „Big Men“, wie die Basketballer die Langen nennen, die in Brettnähe zuhause sind, genießt auch Patrick Femerling, der deutsche Rekordnationalspieler. Eigentlich, so stellt Herber in seinem Buch fest, das, wenn auch nicht beabsichtigt, wie er versichert, eine Autobiographie eines Lebensabschnitts ist, braucht dieses Spiel, das er so liebt, keine Center. Sie sind eher kontraproduktiv. „Sie sind zu langsam, haben den Sinn nicht verinnerlicht, stehen immer falsch und sind nicht in der Lage, vernünftige Pässe zu spielen.“ Patrick konnte das alles, „war einer der erfolgreichsten deutschen Basketballer überhaupt, weil er fast alles gewonnen hat, was es zu gewinnen gibt“. Als Außenstehender kann man über eine Marotte des Mannes nur schmunzeln oder den Kopf schütteln. Der Mann, der als Erster in Deutschland immer mit Thrombose-Strümpfen (ganz in weiß) spielte, hatte im Mannschaftsbus seinen Stammplatz ganz hinten. Und dort, so versichert Herber glaubhaft, hat er immer gesungen. Sein Repertoire bestand nur aus drei Titeln, schreibt Herber. „Anita“ von Costa Cordalis, „I’ve been looking for freedom“ von David Hasselhoff und „Dupscheck“ von Otto Waalkes. Letzteres ist weniger ein Lied, als ein Sing-Sang. Aber Herber ahmt nach, also wird es wohl stimmen: „Dupscheck, Dupscheck, Dupschek… Mao Tse Tung, Mao Tse Tung…“ und muss dabei schmunzeln.

Ein weiterer Langer, der ein ganz Großer ist, saß im Bus oft hinter ihm: Dirk Nowitzki. „In den Länderspielen mit ihm hatten wir es immer einfach. Du hast ihm den Ball gegeben, und dann konntest du kurz danach Beifall klatschen.“ Nach dem Spiel hattest du immer Ruhe, denn alle, ob Fans oder Reporter, wollten definitiv nichts von dir, sie wollten nur was von Dirk.“ Kein Wunder, denn der Würzburger „macht Körbe gegen ein, zwei, drei oder vier Gegenspieler, im Rückwärts- oder Seitwärtsfallen“, und das ist Herbers größte Bewunderung, „er beherrscht sogar den Flamingo-Shot“. Wer weiß, dass diese Vögel nie auf zwei Beinen stehen, kann sich ausmalen, wie Nowitzkis Wurf aussieht. Und, der beste deutsche Basketballer aller Zeiten „war und ist geerdet“. Die außergewöhnlichste Regung, die er nach Spielen schon mal zeigte, war, dem Busfahrer zuzurufen: „Mach‘ doch das Licht aus, wir sitzen ja hier wie im Aquarium.“

Ja, es war ein netter, amüsanter Abend mit Joe, einem sympathischen Anfangs-Dreißiger, der dennoch schon sehr viel und das sehr kurzweilig zu erzählen hat. Auf die Frage ganz am Ende seines 90-minütigen Besuchs, ob er sich vorstellen kann, einmal als Trainer zu arbeiten, antwortet er: „Ich glaube nicht, ich bin nicht autoritär genug. Und als Trainer musst du autoritär sein.“ Mehr oder weniger. „Henrik Rödl war damals in Berlin vielleicht nicht autoritär genug“, sagt er. Dennoch, oder vielleicht gerade deswegen, schätzt er den früheren Weggenossen. „Henrik und Thorsten Leibenath von Ulm sind die Trainer, mit denen ich mich am ehesten identifizieren kann. Sie zeigen Emotionen am Spielfeldrand und kommen dem Begriff ‚Players Coach‘ noch am nächsten.“

35 Zuhörer waren gekommen. Sie alle waren zufrieden, wie auch die Leitung der Buchhandlung. Am Ende waren auch 35 Exemplare von „Almost Heaven“ über den Ladentisch gegangen. Und in jedem Buch stand eine Widmung von Johannes Herber, der übrigens seine Länderspielpremiere in Trier feierte. Gegner im Jahr 2004 war Estland.

Zur Person:

Johannes Herber

Spitzname: Joe

Geburtstag: 17. Januar 1983

Geburtsort: Darmstadt

Größe: 197 cm

Position: Shooting Guard

Stationen: TV Langen, West Virginia University, ALBA Berlin, Walter Tigers Tübingen, Skyliners Frankfurt

Größte Erfolge: WM-Teilnehmer mit Deutschland (2006), 74 Länderspiele, 2008 Deutscher Meister mit ALBA Berlin, lbdr

Beruf: Bachelor-Abschluss in Politologie, Schriftsteller

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Die Redaktion behält sich vor, Lesermeinungen zu kürzen. Es besteht kein Anspruch auf die Veröffentlichung Ihrer zugesandten Meinungen. Klarname ist nicht erforderlich. Eine E-Mail-Adresse muss angegeben werden, wird aber nicht veröffentlicht.