Musik eines virtuosen roten Priesters

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Brachten italienisches Temperament an die Mittelmosel. Das Ensemble Venice Baroque und der Solist Giuliano Carmignola (mitte) im Kloster Machern.

Bildquelle: Gerhard W. Kluth

BERNKASTEL-WEHLEN. Einen italienischen Abend veranstaltete das Mosel Musikfestival, bei dem es zwar keine Pasta oder Pizza gab, dafür aber Musik von Antonio Vivaldi. Interpretiert wurde es stilgerecht vom venezianischen Ensemble Venice Baroque, das das Temperament der Lagunenstadt an die Mittelmosel brachte.

von Gerhard W. Kluth

Vivaldi wurde 1678 in Venedig geboren. Sein Vater war Barbier und spielte im Orchester der Kathedrale von San Marco Violine. Sein Leben lang hatte Vivaldi gesundheitliche Probleme. Er litt an einer chronischen Krankheit, wahrscheinlich Herzschwäche oder einer Form von Asthma. Sein musikalisches Talent trat früh hervor. Schon als Kind sprang er gelegentlich im Orchester von San Marco für seinen Vater ein. Hier geriet er auch in den Zauberbann venezianischer Musik, die ihn später bei seinen eigenen Kompositionen so sehr beeinflussen sollte. Im Alter von 14 Jahren trat Vivaldi in die Priesterlaufbahn ein, für die ihn der Vater bestimmt hatte. Mit 25 wurde er zum Priester geweiht. Zu seinen Hauptpflichten gehörte das Zelebrieren der Messe, wobei er jedes Mal fast eine Stunde lang singen musste. Wegen seiner Erkrankung gab er diese Tätigkeit nach einem Jahr wieder auf.

Von weitaus größerem Interesse war für ihn seine Tätigkeit als Violin-Lehrer am Ospedale della Pietà in Venedig, in dem verwaiste und unehelich geborene Mädchen erzogen wurden. Vivaldi brachte ihnen das Geigenspiel bei. Er komponierte auch neue Stücke, die die Mädchen einmal die Woche bei ihren Konzerten vortrugen. Wahrscheinlich sicherte ihm seine Priesterwürde diese Tätigkeit, da man von einem Priester erwartete, dass er die Grenzen der Schicklichkeit wahrte. Vivaldi verbrachte 12 glückliche Jahre am Ospedale. Den jungen Mädchen gefiel seine galante, charmante Art, und da von Natur aus extrovertiert, genoss Vivaldi seinerseits die Aufmerksamkeit, die ihm entgegengebracht wurde. Der Spitzname „Roter Priester“ passte nicht nur zu seiner Haarfarbe, sondern auch zu seinem sprühenden Temperament. Die Konzerte, bei denen er seine Kompositionen dirigierte, waren musikalische Höhepunkte im venezianischen Kulturleben. Kaum ein Besucher der Stadt ließ sich ein Vivaldi-Konzert entgehen. Und heute?

Lange Zeit war die Musik des Venezianers bis auf wenige Ausnahmen nicht sehr geschätzt. Die Anzahl der von ihm verfassten Concerti ist gewaltig, jedoch waren viele Musikfreunde der Meinung, dass sie alle zu ähnlich seien. Nicht selten bekam man zu hören: wenn du ein Violinkonzert von Vivaldi kennst, kennst du die anderen auch. Das aber stimmt nicht. Zumindest stimmt es heute nicht mehr, wie man jetzt beim Mosel Musikfestival im Kloster Machern erleben konnte. Zu Gast waren das italienische Ensemble Venice Baroque und der Geiger Giuliano Carmignola. Auf ihrem Programm fanden sich ausschließlich Werke von Vivaldi. Zwei Concerti und eine Sinfonia für Streichorchester sowie fünf Konzerte für Solo-Violine und Streicher. Vor fast ausverkauftem Haus zeigten die Italiener, wie quicklebendig und vor allem auch wie abwechslungsreich die Werke des roten Priesters sind.

Auch bei diesem zweiten Konzert im Festsaal des ehemaligen Zisterzienserinnenklosters herrschten tropische Temperaturen, verbunden mit einer sehr hohen Luftfeuchtigkeit. Aber auch ohne diese Umstände kam man, wenn man die Musiker beobachtete, leicht ins Schwitzen. Die Virtuosität, mit der sie bei den Ecksätzen zu Werke gingen, war schlicht atemberaubend. Sie zauberten dabei Klänge aus ihren historischen Instrumenten, die staunen machten. Nichts mehr von der gleichförmigen Art, wie man es von früher gewohnt war. Wo jedes Motiv in der immer gleichen Art gespielt wurde. Hier konnte man erleben, was Klangrede im Barock ist. Dann gab es aber auch die langsamen Sätze, die fast schon poetisch waren.

Bei Venice Baroque konnte man auch erleben, was denn das italienische Temperament ist. Ganz besonders galt das für den zweiten Teil des Abends, bei dem der Zyklus „Die vier Jahreszeiten“ auf dem Programm stand. Da gingen an manchen Stellen Carmignola schon ein wenig die Pferde durch. Wenngleich seine Technik bewundernswert ist, es einem schwindlig werden konnte, wenn man seine Finger beobachtete, gab es doch ein paar Stellen, die von sich aus belegten, dass es hier des Guten zu viel war. Wenn bei einer Geige die Töne nicht mehr richtig ansprechen, weil der Akteur nur noch über die Saiten huscht, dann sollte die Frage nach dem Tempo gestellt werden. Andererseits aber war es eine große Freude, zu sehen, wie sich Ensemble und Solist gegenseitig anfeuerten und ihre Begeisterung für die Musik scheinbar keine Grenzen kannte. Der Winter in den vier Jahreszeiten brachte keinerlei Abkühlung. Das aber schmälerte die Begeisterung, mit der sich das Publikum bei den Akteuren bedankte, kein bisschen. Recht so.

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