Musik, die nicht zum Einschlafen gedacht ist

0
Im Liegestuhl genoss das Publikum das Spiel von Lilit Grigoryan

Bildquelle: Veranstalter

ÜRZIG. 34 verschiedene Spielorte weist der Katalog des Mosel Musikfestivals in diesem Jahr aus. Kirchen und Klöster, ehemalige Synagogen und Innenhöfe für die Open-Air Veranstaltungen sind vertreten. Und seit einigen Jahren auch immer wieder einmal Weingüter. In Ürzig allerdings konnte man jetzt einen besonderen Abend erleben, der etwas aus dem Rahmen fiel.

Gerhard W. Kluth

Konzerte veranstalten ist heute nicht mehr ganz so einfach, wie es früher einmal war. Ab und zu muss man sich schon etwas einfallen lassen, um das Publikum zu locken. Außergewöhnliche Programme können da eine Möglichkeit sein oder auch außergewöhnliche Spielstätten. Die Goldberg-Varationen, BWV 988, sind etwas Besonderes, aber sie sind im Rahmen eines Musikfestivals nichts Außergewöhnliches. Es sei denn, sie werden in der Produktionshalle eines Weingutes gespielt und den Konzertbesuchern wird als Sitzgelegenheit ein Möbel angeboten, das man normalerweise eher vom Strand kennt. „Bach im Liegestuhl“ hieß das Konzert, zu dem das Mosel Musikfestival in Kooperation mit dem Weingut Rebenhof eingeladen hatte. Solistin war die junge armenische Pianistin Lilit Grigoryan.

Winzer Johannes Schmitz, Inhaber der Rieslingmanufaktur, wie er sein Weingut nennt, hatte keine Mühe gescheut, dem Publikum einen gemütlichen Abend zu bereiten, bei dem es getreu dem Motto des MMF 2014, mit allen Sinnen genießen konnte. Für Auge und Zunge hielt er Feines aus Küche und Keller parat, die Augen wurden durch die Landschaft der Mittelmosel verwöhnt, die ungewöhnliche Bestuhlung sorgte dafür für den körperlichen Wohlfühleffekt und für die Ohren war dann die Pianistin am Flügel zuständig. Bei manch einem der Gäste war dann zu hören, die Goldberg-Variationen seien ja auch als Einschlafmusik von Bach gedacht. Hier aber irrten einige. Die „Aria mit 30 Veränderungen“ wie Bach die Komposition selbst benannt hat, ist im besten Sinne Unterhaltungsmusik für den Grafen Kayserling, der häufiger nicht schlafen konnte und für die durchwachten Nächte Zerstreuung suchte. Den Titel „Goldberg-Variationen“ erhielt das Werk, das Bach als vierten Teil in seine „Clavierübungen“ einreihte, weil der Cembalist des Grafen, der ihm in den schlaflosen Nächten vorspielen musste, Johann Theophilus Goldberg hieß.

Viele Pianisten haben sich schon des monumentalen Zyklus angenommen, den der Thomaskantor eigentlich für ein Cembalo mit zwei Manualen, also zwei Tastenreihen, konzipiert hat. Das bringt technische Schwierigkeiten mit sich, die nicht zu unterschätzen sind. Da das Klavier nur über ein Manual verfügt, kommen sich gelegentlich die Finger der beiden Hände ganz schön in die Quere. Ein Problem, das man meistern kann, wie in Ürzig Grigoryan unter Beweis stellte. Mit Eleganz und Leichtigkeit ging sie das Werk an, spielte sehr durchsichtig und mit großer Sicherheit. Dadurch gewannen natürlich vor allem die verschiedenen Kanons, mit denen die Variationen durchsetzt sind, die Heiterkeit und der Humor, den Bach hier einbrachte, konnten sich voll entfalten. Insgesamt gestalteten sowohl die Pianistin als auch der Gastgeber einen anspruchsvollen Abend, der dem Festivalmotto in vollem Umfang gerecht wurde. Was will man mehr?

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Die Redaktion behält sich vor, Lesermeinungen zu kürzen. Es besteht kein Anspruch auf die Veröffentlichung Ihrer zugesandten Meinungen. Klarname ist nicht erforderlich. Eine E-Mail-Adresse muss angegeben werden, wird aber nicht veröffentlicht.