Auf eine letzte Caipi mit Alexander Brittnacher

1
Fotomontage

Tchau Brasil 2014, bem-vindo Rio 2016

Hier geht es zu den vorherigen Kolumnen

Das war sie also, die FIFA-Weltmeisterschaft in Brasilien, die uns bereits Monate vor Beginn in Spannung versetzt hat: Die Stadien wurden tatsächlich fertig, wenn auch mal eine Überdachung fehlte. Das befürchtete und prognostizierte Verkehrschaos an Flughäfen und Bus-Terminals blieb aus. Eins können sie, die Brasilianer, improvisieren! Dies ist ihnen leider in taktischer und spielerischer Hinsicht nicht gelungen. Erschreckend, was Sie gegen ein zugegebenermaßen starkes, deutsches Team auf dem Platz zeigten. Die Zeiten der großen Individualisten (Neymar ausgenommen) ist vorbei. Insgesamt scheint der Weltfußball näher zusammen gerückt zu sein, nur die afrikanischen Teams haben mich persönlich ein wenig enttäuscht.

In Brasilien werden derzeit immer noch die Wunden geleckt. Man ist regelrecht sprachlos was das Abschneiden des eigenen Teams betrifft. Das „Jogo Bonito“ (schönes Spiel) war nur noch selten zu sehen und sollte dem Erfolg untergeordnet werden. Aber selbst der blieb aus. Nur Platz 4 bei der WM im eigenen Land. Tatsächlich wurde die Schmach vom Finale 1950 vergessen gemacht: Nun denkt man nur noch an die Blamage des 7:1 im Halbfinale gegen Deutschland. „A Tristeza voltou“, schwer zu übersetzen, am ehesten mit Gram, Trauer, Schwermut oder einfach nur Traurigkeit.

Kommen wir zu den positiven Dingen dieser Weltmeisterschaft: Bis auf wenige Ausschreitungen, insbesondere nach dem Ausscheiden der Gastgeber, verlief die WM relativ friedlich. Die Brasilianer zeigten sich als gute Gastgeber, wenn auch bis zum Schluss (für die Brasilianer das Halbfinale) keine wirkliche Stimmung aufkommen wollte. Das habe ich vor den Derbys Flamengo Rio de Janeiro gegen Fluminense oder Botafogo Rio de Janeiro anderes auf den Straßen rund um den Zuckerhut erlebt.

Trotzdem waren es schöne Wochen und ich möchte mich für die vielen Leser und die positive Resonanz bei Ihnen bedanken. Ich hoffe, ich konnte Ihnen Brasilien als Land ein wenig näher bringen, und glauben Sie mir, es gibt hier noch viel mehr zu entdecken, z.B. die Wasserfälle Foz de Iguaçu, den Nordosten mit seinen Traumstränden, das Pantanal und vieles mehr.

Wir schauten zurück auf die vom Rassismus und Militär geprägte Zeit der „Seleçao“ und ich erklärte Ihnen die Bedeutung des Fußballs für die brasilianische Gesellschaft und stellte Ihnen Arthur Friedenreich vor, den ersten farbigen Nationalspieler Brasiliens, der sich vor den Spielen Arme und Beine mit Maismehl einrieb, um nicht aufzufallen.

Wir lachten über die Eskapaden der brasilianischen Kicker in der Bundesliga, die nie um eine Ausrede verlegen waren, um ihre verspätete Rückreise aus Brasilien zu erklären.

Wir besuchten Rio de Janeiro, die Traumstadt am Zuckerhut, wo wir trotz verfehlter Ordnungspolitik (Ordnungsschock) heimlich eine Kokosnuss und einen Garnelenspieß am Strand verzehrten, ohne dass uns ein Ball auf den Kopf fiel.

Wir zogen weiter in den Norden des Landes, ins wunderschöne und geheimnisvolle Amazonien, der grünen Lungen unseres Planeten. In Manaus waren wir zu Gast beim größten Fußballturnier der Welt: Dem Peladão, wo nicht nur die fußballerische Stärke, sondern auch das Aussehen ihrer Schönheitskönigin über Erfolg und Misserfolg des jeweiligen Teams bestimmt.

Dann verbrachten wir einen Tag am Ipanema. Mit einer frischen Maracuja-Caipi betrachteten wir die Schönheitsrituale der brasilianischen Frauen und ich stellte Ihnen „The Girl from Ipanema“, Helo Pinheiro vor, der Antonio Carlos Jobim 1962 gleichnamiges Lied widmete.

Zu guter Schluss ging es in den Süden in den Bundesstaat Santa Catarina, wo wir den Spuren deutscher Auswanderer aus den verschiedenen Regionen folgten und letztendlich auf dem Oktoberfest in Blumenau landeten und zu deutschem Liedgut mit einem nach deutschem Reinheitsgebot gebrauten Bier anstießen, bevor wir noch unseren saarländischen Nachbarn in São Vendelino einen kurzen Besuch abstatteten.

Die Weltmeisterschaft in Brasilien ist vorbei, die Olympischen Spiele in Rio 2016 stehen vor der Tür. Große Bauprojekte werden in den kommenden Monaten angestoßen, die Bucht muss entmüllt werden und leider stehen viele Umsiedlungsmaßnahmen an. Wieder müssen Favelas für Stadien und Parkplätze Platz machen, und wieder wird die untere Schicht der Gesellschaft für die Postkarten-Idylle Rios weichen müssen. Aber vielleicht glaubt die Bevölkerung Rios an seine Stärke und geht erneut auf die Straße und hoffentlich bleibt es friedlich. Knapp 30 Jahre nach Ende der Militärdiktatur ist es Zeit für die Stärkung der Zivilgesellschaft.

Abschließend möchte ich Ihnen noch ein Projekt eines guten Freundes vorstellen: The Favela Brass Project (www.favelabrass.org). Tom Ashe ist Engländer und lebt seit vielen Jahren als Musiker (Trompete) in Rio. 2010/2011 war er mein Mitbewohner in unserem Haus im Künstlerviertel Santa Teresa, bevor er vor zwei Jahren in eine Favela zog, ein Haus mietete, um dort kostenlos mit seinen Helfern Musikunterricht für Kinder aus armen Familien anzubieten. Brasilien braucht Bildung, und Musik ist wie auch der Fußball eine Möglichkeit, Kinder von der Straße zu holen um ihnen eine Perspektive zu geben. Mit nur 3 Euro für einen Favela Brass Sticker können Sie Tom und sein Projekt unterstützen, damit weitere Percussions und Instrumente angeschafft werden können!

Obrigado e até logo! Danke und bis bald!

[td_text_with_title custom_title=“Zur Person“]Foto Alexander Brittnacher-1Alexander Brittnacher, 35, geb. in Trier. Studium in Frankfurt/Main und Trier, Jurist mit Schwerpunkt Kriminologie, zwecks Praktikum und Forschungsaufenthalten lebte er insgesamt zwei Jahre in Brasilien. Er erforscht die Zusammenhänge zwischen sozialem Ungleichgewicht und Kriminalitätsentwicklung in Rio de Janeiro. Im Vorfeld der Weltmeisterschaft hat er den DFB als Brasilienexperte in Sicherheitsfragen beraten.

Jetzt lokalo liken und keine News verpassen!

[/td_text_with_title]

1 KOMMENTAR

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Die Redaktion behält sich vor, Lesermeinungen zu kürzen. Es besteht kein Anspruch auf die Veröffentlichung Ihrer zugesandten Meinungen. Klarname ist nicht erforderlich. Eine E-Mail-Adresse muss angegeben werden, wird aber nicht veröffentlicht.