Auf eine Caipi mit Alexander Brittnacher – Die lokalo-WM-Kolumne # 6

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Brasilien und Deutschland: So fern, und doch so nah!

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Nun ist es tatsächlich soweit! Mein Traumfinale steht an, leider eine Runde zu früh! Deutschland gegen Gastgeber Brasilien. Ganz ehrlich, es schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Klar gönne ich Jogis Jungs den vierten Titel, aber auf der anderen Seite ist der Titelgewinn Brasiliens eine große Chance, dass die durch WM und verfehlte Politik zerrissene brasilianische Gesellschaft wieder näher zusammen rückt. Ein Sommermärchen wie 2006 in Deutschland, wo ein dritter Platz der Heim-Mannschaft gefeiert wird, wird es in Brasilien nicht geben. Es zählt nur der Titel und nur der Titel könnte zumindest die moderaten Kritiker milde stimmen und die Schmach von 1950 vom verlorenen Finale gegen Uruguay im legendären Maracaña vor 200.000 Zuschauern vergessen machen.

Die Proteste gegen die Machenschaften der FIFA, die Geldverschwendung und Korruption der nationalen Politik sind extrem abgeschwächt. Ob es tatsächlich zu einer Stärkung der Zivilgesellschaft kommt, mag ich bisher nicht beurteilen. Ich befürchte jedoch, dass man sich in vielen Metropolen des Lands wieder den wichtigen Dingen zuwendet, nämlich Körperkult, Schönheits-OPs, Fußball und Telenovelas…

Der Süden Brasiliens: Deutscher als Deutschland

2006 lernte ich im Zuge eines Sprachaustauschprogramms an der Uni Trier meine damalige brasilianische Tandem-Sprachpartnerin Carla kennen. Bereits unser erstes Treffen machte mir klar, dass ich mein Bild von Brasilien, welches ich mir bei meinem ersten längeren Aufenthalt gemacht hatte, schleunigst überdenken sollte. Carla war groß, blond und hatte blaue Augen, und selbst ihr Nachname Diehl-Jungbluth verriet nichts über ihre wirkliche Herkunft. Ihre Vorfahren, fünf Generationen vor ihr, wagten den Sprung und wanderten wie viele andere auch aus dem Hunsrück in den Süden Brasiliens aus. Pioniergeist und die Flucht vor der unsicheren politischen und wirtschaftlichen Situation in Europa waren die Motive für den Start in ein neues Leben.

Alex und Carla in Blumenau, Brasilien.
Alex und Carla in Blumenau, Brasilien.

Während die Versuche einiger weniger Auswanderer, im Norden und Amazonien Fuß zu fassen, scheiterten, kamen ihnen die klimatischen Bedingungen im Süden entgegen. 2011 hatte ich dann endlich die Gelegenheit Carla in ihrer Heimat in Florianópolis (kurz Floripa) im Bundesstaat Santa Catarina zu besuchen. Es war meine erste Reise südlich von Rio und ehrlich gesagt, reizten mich bisher Rio, die Traumstrände des Nordostens, das Pantanal und die Schönheit Amazonien mehr, als der europäisch geprägte Süden Brasiliens.

Die Entfernung zwischen den Hauptstädten Brasilia und Berlin beträgt 9.431km Luftlinie, aber im Süden Brasiliens gibt es eine Stadt mit ca. 300.000 Einwohnern, in der man sich mehrfach die Augen reibt und sich fragt, ob man sich tatsächlich in Südamerika oder mitten im Schwarzwald befindet: Die Stadt Blumenau!

Die Stadt, die 1850 von deutschen Einwanderern unter Leitung des Apothekers Hermann Blumenau gegründet wurde, ist neben Joinville und Brusque eines der drei Zentren der deutschen Kolonisation in Santa Catarina. Blumenau liegt etwa 50 Kilometer von der Küste des Atlantiks entfernt zwischen Joinville im Norden und der Hauptstadt Florianópolis im Süden im Tal des Itajaí. Selbst gut 160 Jahre nach der Gründung Blumenaus sind die Wurzeln unverkennbar: Hier findet man nicht nur deutsche Küche, auch das Bier der heimischen Brauerei mit dem Namen Eisenbahn wird streng nach dem deutschen Reinheitsgebot gebraut und in den Sorten Pils, Helles, Dunkles, Bock, Weizen, Kölsch und Weihnachtsbier angeboten.

Fachwerkhäuser, Kuckucksuhren, Kaufhäuser mit deutschen Namen und viele blonde Kinder auf den Straßen schaffen eine Atmosphäre, wie in einem Vergnügungspark, in dem man versucht, ein von Klischees belegtes Bild Deutschlands zu zeichnen. Aber hier wird nichts vorgespielt, die deutsche Kultur wird hier tatsächlich gelebt. Und so hört man auf den Straßen immer wieder deutsche Dialekte, wie sie vor gut 150 Jahren in den verschiedenen Regionen Deutschlands gesprochen wurden und sich seitdem kaum verändert haben.

Highlights des Jahres in Blumenau: Das Oktoberfest mit seinen mehr als 600.000 Besuchern aus aller Welt ist nach dem Karneval in Rio das größte Volksfest Brasiliens und nach München das zweitgrößte Oktoberfest der Welt! Natürlich gehört auch in Blumenau die Wahl einer Miss Oktoberfest dazu, die Brasilianer finden immer einen passenden Anlass, die Schönheit ihrer Damen zu prämieren. Aber die Kandidatinnen, die hier gegeneinander im Dirndl antreten, haben alle eins gemeinsam: Sie sind blond!

Heute haben fast 10% der brasilianischen Bevölkerung deutsche Vorfahren, und auch wenn man in Blumenau die deutschen Wurzeln am deutlichsten erkennen kann, gibt es weitere kleine deutsche Kolonien, die vor mehr als 100 Jahren von Auswanderern aus verschiedenen Regionen Deutschlands gegründet wurden, so z.B. Nova Friburgo mit Auswanderern aus dem Rheinland, Sachsen und der Schweiz, Petropolis mit Auswanderern aus Kastellaun, Mosel und Bingen.

Selbst die Auswanderer aus unserem benachbarten Saarland gründeten ihre neue Heimat im kleinen São Vendelino, dem brasilianischen St. Wendel. Ob es hier eine echte Lyonerpfanne gibt, weiß ich nicht, aber wenn Sie es mal herausfinden, können Sie es mir gerne bei einer Caipirinha oder einem UrPils erzählen…

[td_text_with_title custom_title=“Zur Person“]Foto Alexander Brittnacher-1Alexander Brittnacher, 35, geb. in Trier. Studium in Frankfurt/Main und Trier, Jurist mit Schwerpunkt Kriminologie, zwecks Praktikum und Forschungsaufenthalten lebte er insgesamt zwei Jahre in Brasilien. Er erforscht die Zusammenhänge zwischen sozialem Ungleichgewicht und Kriminalitätsentwicklung in Rio de Janeiro. Im Vorfeld der Weltmeisterschaft hat er den DFB als Brasilienexperte in Sicherheitsfragen beraten.

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