Mit allen Sinnen Musik erfahren

0
Ein grandioser Blockflötist. Stefan Temmingh beim Mosel Musikfestival.

Bildquelle: Gerhard W. Kluth

TRIER. „Endlich ist es wieder soweit!“ Mit diesen Worten begrüßte die Rheinland-Pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer das Publikum in der Trierer Basilika St. Paulin zur Eröffnung des Mosel Musikfestivals (MMF) 2014. Die Überschrift der diesjährigen Spielzeit lautet „Mit allen Sinnen“ und nimmt besonders das Zeitalter des Barock in den Fokus.

von Gerhard W. Kluth

Als das Konzert zu Ende und die Musik von Johann Sebastian Bach, Antonio Vivaldi, Georg Philipp Telemann und dem ältesten Bachsohn Wilhelm Friedemann verklungen war, konnte man eines mit dem Brustton der Überzeugung sagen: der fulminanteste Auftakt einer Saison seit vielen Jahren. Viele Variationen hat Intendant Hermann Lewen beim MMF schon ausprobiert. Es gab schon Kammermusik und auch schon Sinfoniekonzerte. Alles gleichermaßen beeindruckend, aber das, was der Blockflötist Stefan Temmingh, die Sopranistin Dorothee Mields, die Cembalistin Wiebke Weidanz und die Mitglieder der Akademie für Alte Musik (Akamus) aus Berlin hier boten, war einzigartig. Zugegeben, es ist auch eine Geschmacksfrage, ob man die Barockmusik mag oder nicht. Aber auch, wenn man nicht unbedingt ein Fan dieses Stils ist, den großen Respekt vor alleine schon der technischen Leistung der Musiker konnte niemand verweigern.

Ließ die Musik mit allen Sinnen erleben. Die Sopranistin Dorothee Mields.
Ließ die Musik mit allen Sinnen erleben. Die Sopranistin Dorothee Mields.

Da gab es zunächst einmal die Orchestersuite Nr. 2 in h-Moll, BWV 1067, des Thomaskantors. Ausgeführt auf der Blockflöte und nicht, wie im Original, mit Traversflöte. Es gibt nicht wenige Musiker, die von dieser Version behaupten, das geht nicht. Temmingh zeigte, dass es geht und wie es geht. Nach dem Konzert meinte er: es ist nicht einfach, aber gerade darum hat es mich besonders gereizt. Sichtbar, oder besser hörbar wurde dabei, dass diese Suite ein Ensemblewerk ist und nicht, wie es oftmals verkauft wird, ein Konzert für Flöte und Orchester. Mit einem perfekten Zusammenspiel deuteten Akamus und Temmingh die Musik aus, ließen den Affekten freien Lauf und versprühten tatsächlich barocke Lebensfreude. Frei von allen romantischen Anwandlungen, mit denen oftmals die langsamen Sätze gespielt werden, interpretierten die Musiker die einzelnen Tänze lebendig und mit viel Esprit. Kein halten für das Publikum gab es natürlich nach der beschließenden Badinerie, dem wohl berühmtesten Satz der Suite.

Zweiter flötistischer Höhepunkt war das G-Dur Konzert, RV 443, von Vivaldi, das mit so viel überbordender Freude Raum griff, dass es schon nach dem ersten Satz begeisterten Applaus gab. Hierbei handelt es sich tatsächlich um ein Solokonzert. Temmingh verstand sich aber trotzdem als ein Ensemblemitglied, das in einem musikalischen Dialog mit den anderen Musikern stand. Immer wieder spielte er die einzelnen Streicher an. Gerade so, als ob er ihnen ein Argument vorlegte und auf eine Antwort wartete, die dann auch prompt kam. Eine alte Weisheit sagt, dass das Auge immer mithört. Dies galt für dieses Konzert in ganz besonderem Maße. Die Interaktionen zwischen den Akteuren machten das Geschehen bei aller Virtuosität, mit der sie musizierten, zusätzlich noch zu einem Erlebnis. Es war ein leichtes, zu erkennen, wieviel Vergnügen sie an der Musik hatten. Und diese Freude übertrug sich in Windeseile auf die Zuhörer. Joachim Reidenbach, ehemaliger Organist an St. Paulin nannte in der Pause Temmingh einen „Paganini der Blockflöte“.

Bachs ältester Sohn stellt in der Musikgeschichte ein wenig den Stiefsohn der komponierenden Bachfamilie dar, obgleich er offensichtlich überaus talentiert war. Sein Charakter scheint nicht einfach gewesen zu sein. 1999 fand man in Kiew einen wahren Schatz an Kompositionen aus seiner Feder, der davor als verschollen galt. Hier gibt es also noch vieles zu entdecken und schon deshalb musste man Akamus und der Cembalistin Wiebke Weidanz dankbar dafür sein, dass sie das f-Moll Konzert im Programm aufgenommen hatten. Abgesehen davon aber glänzte Weidanz als eine beeindruckende und technisch sehr versierte Solistin, deren Spiel sich durch grazile Leichtigkeit auszeichnete. Auch hier galt die Zusammenarbeit zwischen Ensemble und Solopart als oberstes Gebot.

Mit Dorothee Mields hatte das MMF eine Sopranistin verpflichtet, die in der Region keine unbekannte Größe mehr ist. Sie hatte Arien vom Thomaskantor sowie von dessen Freund Telemann in ihrem Reisegepäck. Die Barockmusik will die unterschiedlichsten Gemütsregungen der Menschen ansprechen und dies wurde von Mields in ganz besonderem Maße erreicht, in dem sie thematisch sehr kontrastierende Werke interpretierte. Hier die Arie „Schafe können sicher weiden“ aus der Jagdkantate, BWV 208, oder die Schlussarie aus der Hochzeitskantate „Weichet nur, betrübte Schatten“, BWV 202, dort die Arien „Brecht ihr müden Augen“ aus einer Trauerkantate und „Mein Heiland, Herr und Fürst“ aus der Brockes-Passion von Telemann. Barock mit allen Sinnen erleben heißt auch, mit allen Gefühlen. Mields, mit traumhaft schöner Stimme, wusste die ganze Bandbreite anzusprechen. Hier wurde tatsächlich der ganze Mensch mit all seinen Emotionen angesprochen. Und das Publikum ließ sich ansprechen. Davon zeugte deutlich der jubelnde Applaus.

Jetzt lokalo liken und keine News verpassen!

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Die Redaktion behält sich vor, Lesermeinungen zu kürzen. Es besteht kein Anspruch auf die Veröffentlichung Ihrer zugesandten Meinungen. Klarname ist nicht erforderlich. Eine E-Mail-Adresse muss angegeben werden, wird aber nicht veröffentlicht.