Auf eine Caipi mit Alexander Brittnacher – Die lokalo-WM-Kolumne # 5

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Fotomontage

Bildquelle: WIKIMEDIA Commons, privat

Der Strand hat seine Regeln: Der Gringo und das Mädchen vom Ipanema

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Olha que coisa mais linda, mais cheia de graça
É ela menina que vem que passa
num doce balanço caminho do mar.
Moça do corpo dourado do sol de Ipanema,
O seu balançado é mais que um poema.
É a coisa mais linda que eu ja vi passar.

„Schau, was für ein schöner Anblick, so voller Anmut,
ist dieses Mädchen, welches dort wiegenden Schrittes auf ihrem Weg zum Meer vorübergeht.
Das Mädchen, deren Körper die Sonne vom Ipanema vergoldet hat,
ihr Gang ist vollendeter als ein Gedicht,
sie ist das Schönste, das ich je vorbei gehen sah!“

 

Helo_e_Ticiane_PinheiroGehört haben wir es bestimmt schon alle einmal, das Lied vom Mädchen vom Ipanema (port. Garota de Ipanema, engl. The Girl from Ipanema), welches Antonio Carlos Jobim 1962 schrieb, inspiriert von einer jungen Dame, die fast täglich entlang einer kleinen Bar namens „Veloso“ im Stadtteil Ipanema zum Strand ging, wo Jobim seinen Café trank. Und es gibt dieses Mädchen tatsächlich: Helô Pinheiro, inzwischen 70 Jahre alt, aber immer noch eine Ikone der brasilianischen Strandkultur.

Tatsächlich bin ich ihr selbst einmal am Strand vom Ipanema begegnet und in der Tat umgibt sie eine gewisse Aura, dass man sich vorstellen kann, warum Jobim vor 52 Jahren so sehr in Ihren Bann gezogen wurde. Heute besitzt sie innerhalb Brasiliens noch eine gewissen Berühmtheit- so ließ sie sich beispielsweise gemeinsam mit ihrer Tochter für die brasilianische Ausgabe des Playboys ablichten. Brasilien tickt eben manchmal etwas anders…

Der Strand vom Ipanema ist die weniger berühmte kleine Schwester der Copacabana. Und während die Touristen gerne die weltberühmte Copacabana aufsuchen, gehört der Ipanema den Einheimischen Rios. Hier verschwimmen die Grenzen, die sonst in der brasilianischen Gesellschaft doch allzu deutlich werden.

Wer einmal in seinem Leben die Möglichkeit hat, einige Stunden im glühend heißen Sand des Ipanema zu verbringen, wird schnell feststellen, dass das Leben hier etwas anders läuft als an anderen Stränden dieser Welt. Wenn man einsame Strände sucht, ist man am Ipanema an der falschen Stelle. Ein Wirrwarr an Stimmen, die Rufe von Strandverkäufer und das Rauschen der Wellen bilden in Kombination eine Art Symphonie, die gemeinsam mit einer frisch am Strand zubereiteten Caipirinha eine sehr beruhigende Wirkung auf einen hat. So kann man Alltag und Sorgen ganz einfach hinter sich lassen. Vielleicht sieht man deshalb am Ipanema nur glückliche Menschen…

Aber es spielen sich hier auch merkwürdige Dinge ab, zumindest, wenn man sie aus den Augen eines Mitteleuropäers betrachtet. In einem Ratgeber mit dem schönen Namen „How to be a Carioca“ (Cariocas nennt man die Einwohner Rios), widmet der Autor sein größtes Kapitel der Frage, wie man sich an den Stränden Rios zu verhalten hat, ohne gleich aufzufallen und sich als GRINGO zu outen. Gringo, das ist die leicht abwertende aber irgendwie auch liebevolle Bezeichnung für Ausländer, die sich dementsprechend verhalten. Aber glauben sie mir, dafür muss man nicht mit Socken in den Sandalen über den Sand laufen, den Titel „Gringo“ verdient man sich in Rio viel schneller:

Ein Brasilianer würde NIEMALS überhaupt den Sand seiner geliebten Strände mit Schuhen oder Sandalen betreten! Und ist der Sand auch noch so heiß- Schmerz weglächeln und den Weg zum Meer suchen! Während die Dame ihr Strandlaken (canga) auf dem Sand ausbreitet, welches sie zuvor noch gekonnt als Kleid um ihren Körper wickelte, steht der Mann am Strand oder leiht sich einen der Klappstühle, welche gegen eine kleine Gebühr angeboten werden. Niemals würde er sich in den Sand legen! Schließlich muss der Körperkult gelebt werden, und im Stehen lassen sich nun mal besser die Muskeln präsentieren, schließlich hat Rio die weltweit höchste Dichte hat Fitness-Studios.

Nach einem ausgiebigen Bad in den Wellen des Atlantiks stellt sich der Brasilianer in die Sonne und wartet bis er von ihr getrocknet wird. Handtücher nehmen nur Gringos mit an den Strand! Leicht verstört beobachtete ich, wie sich junge Damen scheinbar viel zu dick mit Sonnenmilch eincremten, und anschließend ca. eine Stunde mit abgespreizten Armen fast wie Vogelscheuchen in der Sonne standen. Eine brasilianische Freundin klärte mich dann auf, dass es sich hierbei um ein durchaus gängiges Ritual handelt, in dem sich die Damen ihr meist dunklen Härchen an Armen und Beinen mit einer Blondierungscreme hell färben. Nach der entsprechenden Einwirkzeit wird das Ganze dann im Meer abgewaschen! Wieso auch nicht? In der Bucht Rios werden ja traurigerweise eh die meisten Abwässer auf direktem Weg ins Meer geleitet. Eine Brasilianerin ist bei einem 8 stündigen Strandbesuch ungefähr die Hälfte der Zeit damit beschäftigt, sich um ihr Aussehen und Körperpflege zu kümmern! So wird eine Pflegekur aufs Haar aufgetragen, stundenlang die Nägel gefeilt, Härchen blondiert, Beine rasiert und Bikinistreifen gezüchtet!

Ja, tatsächlich Bikinistreifen, denn diese gelten in Brasilien als sexy! Die reiche, weiße Gesellschaft liebt es zwar ebenfalls sich zu bräunen, aber man zeigt beispielsweise beim Tragen eines Kleides gerne die echte Hautfarbe, womit man sich gesellschaftlich wieder leichter von der zumeist dunkelhäutigen, armen Schicht abgrenzen kann. So achten die Mädels beim Sonnen penibel darauf, dass die Träger des Bikinis immer an der gleichen Stelle anliegen.

Und warum das Ganze? Warum werden diese Pflegerituale nicht im heimischen Bad durchgeführt? Hierfür gibt es tatsächlich soziologische Klärungsansätze: In Rio leben auf 100 Frauen nur 86 Männer, bedingt durch die zunehmende Landflucht. Während viele Männer im Landesinneren in der Land- bzw. Forstwirtschaft arbeiten, zieht es die Frauen an die Küstenmetropolen in der Hoffnung, dort ihr Glück zu finden. Durch den hohen Frauenüberschuss in Städten wie Rio haben sich Rituale entwickelt, mit denen Frauen den Männern zeigen möchten, wie viel Wert sie auf ihr Äußeres legen. Und um dies so gut wie möglich zu verdeutlichen, werden diese Rituale unmittelbar vor den Augen der männlichen Strandbesucher durchgeführt, denn aufgrund der Geschlechterverteilung muss hier die Frau die Initiative im Liebes(vor)spiel ergreifen.

Ich für meinen Teil hatte mich bei meinen Strandaufenthalten schnell damit abgefunden, ein Gringo zu sein. Warum stundenlang in der Sonne stehen, wenn man es sich mit einer leckeren Maracuja-Caipi auf dem Sand gemütlich machen kann und dabei das bunte Treiben und die merkwürdigen Rituale beobachten kann? Und vielleicht kommt ja „The next Girl from Ipanema“ mal wieder vorbei…

Bis zur nächsten Caipirinha!

[td_text_with_title custom_title=“Zur Person“]Alexander BrittnacherAlexander Brittnacher, 35, geb. in Trier. Studium in Frankfurt/Main und Trier, Jurist mit Schwerpunkt Kriminologie, zwecks Praktikum und Forschungsaufenthalten lebte er insgesamt zwei Jahre in Brasilien. Er erforscht die Zusammenhänge zwischen sozialem Ungleichgewicht und Kriminalitätsentwicklung in Rio de Janeiro. Im Vorfeld der Weltmeisterschaft hat er den DFB als Brasilienexperte in Sicherheitsfragen beraten.[/td_text_with_title]

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