Klaus Jensen im Interview – „Ich war nie auf Populismus aus“

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Triers Oberbürgermeister Klaus Jensen (SPD).

Bildquelle: Eric Thielen

TRIER. Er selbst sagt von sich, er sei ein Macher. Seine Kritiker hingegen werfen ihm Führungsschwäche vor. Er habe die Stadt in den sieben Jahre seiner Amtszeit nicht weiterentwickelt, heißt es immer wieder. Im großen Interview mit lokalo widerspricht Triers Oberbürgermeister Klaus Jensen dem energisch. Der 62-jährige Sozialdemokrat, der noch bis zum April kommenden Jahres als Stadtoberhaupt amtiert, sagt: „Ich war nie auf Effekthascherei oder Populismus aus, sondern auf Nachhaltigkeit und strukturelle Reformen.“ Für ihn waren die letzten sieben Jahre gute Jahre für Trier – trotz Finanzkrise und hoher Schulden. Dafür hat er viele Argumente. Eric Thielen sprach mit Klaus Jensen.

Herr Oberbürgermeister, Sie haben lokalo nach der Pressekonferenz in Trier-West scharf angegriffen – wegen unserer Analyse im Vorfeld der konstituierenden Sitzung des Rates. Sie haben aber auch andere Trierer Medien kritisiert: Ihre Erfolge würden zu wenig gewürdigt. Fühlen Sie sich ungerecht behandelt − von der Öffentlichkeit, von Ihren Kritikern, von den Medien?

Jensen: Mir geht es nicht darum, als Person gewürdigt zu werden. Das möchte ich nicht. Mir geht es um die Kenntnisnahme der Tatsachen und Fakten. Wir, OB, Stadtvorstand und die ganze Verwaltung, haben in den letzten sieben Jahren meist gemeinsam mit dem Rat viele positive Entwicklungen initiiert und zahlreiche Projekte realisiert. Es bewegt sich vieles in Trier. Ich lade diejenigen, die zuweilen wider besseren Wissens von Stillstand reden, gerne einmal zu einer Tasse Kaffee ein, um dabei aufzulisten, was für unsere Stadt alles umgesetzt werden konnte. Leider kommt die belegbare gute Entwicklung sehr oft zu kurz − auch in der Berichterstattung.

Wie fällt denn die Bilanz von Klaus Jensen über Klaus Jensen aus?

Jensen: Insgesamt überlasse ich das anderen, über meine Arbeit und mich als Person zu urteilen. Ich selbst bin mit den Ergebnissen zufrieden. Richtig ist, dass die Gestaltungsmöglichkeiten der Stadt wegen der geringen finanziellen Mittel sehr eingeschränkt sind. Ich möchte nur ein Beispiel nennen: Ich habe in meinem Wahlkampf das Projekt „Stadt am Fluss“ thematisiert. Da ist einiges passiert, aber eben nicht so viel, wie ich mir selbst vorgestellt hatte. Wenn ich aber vor der Entscheidung stehe, eine mit Schimmel befallene Schule zu sanieren oder das Moselufer zu verschönern, dann entscheide ich mich immer für die Schule. Ich habe mich mit viel Kraft insbesondere den Bereichen Bildung, Wohnen und Arbeit gewidmet. Ein Beispiel ist die Stärkung der Gesundheitswirtschaft in Trier. Dort zählen wir inzwischen 7.500 Arbeitsplätze − eine gewaltige Zahl für Trier. Das ist eine wichtige und nachhaltige Entwicklung für die Stadt. So konnte ich einen Beitrag leisten in Zusammenarbeit mit der Universität, der Hochschule, den Trierer Krankenhäusern und dem von mir initiierten Europäischen Forum für Gesundheitswirtschaft, neue Studiengänge, Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen und Investitionen Trier in seiner größten Branche zukunftsweisend zu stärken. In der Öffentlichkeit hat das bisher jedoch kaum Beachtung gefunden. Leider.

Und doch stehen Sie nach sieben Jahren Amtszeit so stark in der Kritik wie nie zuvor. Die CDU spricht von Führungsschwäche im Rathaus − und meint damit auch Sie. Die Grünen, die Sie einst unterstützten, sind längst von Ihnen abgerückt. Auch in Ihrer eigenen Partei sind nicht alle mit Klaus Jensen zufrieden. Ist Ihnen Trier gerade in den letzten knapp zwei Jahren entglitten?

Die Sanierung des dritten Kasernenblocks in der Gneisenaustraße wird demnächst beginnen. "Ein Millionen-Projekt für Trier", sagt Jensen.
Die Sanierung des dritten Kasernenblocks in der Gneisenaustraße wird demnächst beginnen. „Ein Millionen-Projekt für Trier“, sagt Jensen.

Jensen: Keineswegs. Aus allen Parteien kommen – jenseits leider üblicher Rituale der Kritik − positive Rückmeldungen. Vor allem aber aus den vielen Institutionen, Vereinen und Initiativen. Man kann durchaus sagen, dass die Menschen, die meine Arbeit schätzen, in der Mehrheit sind. Ein Beispiel ist das Projekt „Lernen vor Ort“, das unter meiner Führung erfolgreich durchgeführt und gerade erst in Berlin ausgezeichnet wurde. Da schaut die ganze Republik auf Trier – auf unsere Alphabetisierungskampagne und was wir damit angestoßen haben. Das ist das, was ich in meiner Rede in der ersten Sitzung des neugewählten Rates mit dem „Innenleben“ der Stadt ausdrücken wollte. Sehr vieles hat sich − neben den baulichen Maßnahmen − entwickelt, was für die Menschen nicht unmittelbar sichtbar ist. Dazu gehört auch das Bündnis für Familie und Beruf, durch das die Vereinbarkeit der beiden Aspekte einen neuen Stellenwert erhalten hat. Aber auch „Buntes Trier“ und der Kampf gegen Rechts, Integration von Migranten und Migrantinnen, das Thema Inklusion, die Eingliederung von Menschen mit Behinderung − insgesamt ließe sich eine ganz lange Liste zusammenstellen. Das alles ist sehr wichtig für die Kultur in unserer Stadt, für das Zusammenleben der Menschen und die Heraushebung von Minderheiten. Auf diese meine Initiativen bin ich besonders stolz.

Seit über einem Jahr ist Ihre Frau Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz. Manche sehen da einen Interessenkonflikt. Hätten Sie nicht zurücktreten müssen, als Malu Dreyer Landeschefin wurde, um dadurch Mutmaßungen über einen solchen Konflikt zu vermeiden?

Jensen: Ich wüsste nicht, wieso. Es gibt doch keine Sippenhaft in Deutschland. Nein, jetzt im Ernst: Es gibt keinen Interessenkonflikt. Früher wurde kritisiert, dass Trier nicht am Mainzer Kabinettstisch vertreten ist. Dann kam meine Frau – erst als Ministerin und jetzt als Ministerpräsidentin. Dass nun eine Triererin das Land regiert, ist für die Stadt nicht von Nachteil. Wir haben jetzt das 25-Millionen-Projekt Stadtumbau für Trier-West vorgestellt. Vor einigen Jahren, als während der Finanzkrise die Konjunkturpakete verabschiedet wurden, haben wir gemeinsam dafür gekämpft, Geld nach Trier zu holen. Das ist uns gelungen. 40 Millionen Euro sind damals nach Trier geflossen. Damit wurde unter anderem das marode Gebäude J der Berufsbildenden Schule saniert. Wäre ich zurückgetreten, hätte ich der Stadt einen Bärendienst erwiesen. Ich habe die Verpflichtung, meine Arbeit bis zum Schluss gut zu machen.

Wie muss man sich das vorstellen? Sie sitzen abends mit Ihrer Frau vor dem Fernseher und schauen Fußball. Dann beginnt der Streit ums Geld. Sie wollen mehr, ihre Frau kann als Landeschefin nicht mehr geben. Und schon hängt der Haussegen schief. Ist das nicht eine sehr verzwickte Situation?

Jensen: Würde es sich so abspielen, wäre es wirklich unhaltbar. Wenn meine Frau und ich zusammen Fußball schauen − was leider viel zu selten möglich ist −, dann gucken wir Fußball und reden nicht über Geld. Nein, das ist kein Problem. Ich habe vor einem Jahr den Vorsitz des Städtetages niedergelegt, weil das tatsächlich unvereinbar mit der Situation gewesen wäre. In meiner Funktion als Vorsitzender des Städtetages habe ich dazu beigetragen, dass wir nun durch höhere Landeszuweisungen unser Finanzierungsdefizit von 70 Millionen Euro auf zehn bis 15 Millionen Euro gesenkt haben. Dadurch hat sich die prekäre finanzielle Situation unserer Stadt entspannt. Und ich hoffe darauf, dass sich etwa durch die Übernahme der Eingliederungshilfen durch den Bund noch weitere Freiräume ergeben werden.

Sind Sie deswegen in letzter Zeit so oft in Mainz? Wie man hört, häufen sich die Termine in der Landeshauptstadt inzwischen…

Jensen: Ja, ich bin viel in Mainz, aber auch in Berlin. Ich führe im Mainzer Innenministerium Verhandlungen im Interesse der Stadt. Dadurch ist beispielsweise die Gründung der Gesellschaft Kommunale Netze in der Eifel, eine Kooperation zwischen den Stadtwerken Trier und dem Kreis Bitburg-Prüm, geglückt. Ich verhandele aber auch mit dem Finanzminister über Geld für den Sozialen Wohnungsbau. Für den OB einer Stadt wie Trier ist Mainz ebenso wichtig wie die Stadt selbst. Dort sitzt das Geld, das wir in Trier dringend nötig haben. Im Übrigen kommt mir dabei meine Erfahrung aus sechs Jahren als Staatssekretär zugute. Ich kenne die Strukturen und habe immer noch sehr gute Kontakte. Das nutzt der Stadt.

Apropos Termine: Auch das halten Ihre Kritiker Ihnen vor − dass Sie nämlich zum Weltbürgerfrühstück gehen, zum Europafest, dass Sie beim Stadtradeln an der Spitze fahren, dass Sie überall dort auftauchen, wo der Sozialpolitiker Klaus Jensen gefeiert wird. Oder, wie Sie das vor Jahren einmal scherzhaft formuliert haben: Wo man Ihnen huldigt. Man wirft Ihnen aber vor, dass Sie eben nicht das Zurlaubener Heimatfest, das Fest der Trierer, eröffnen − und dass Sie auch nicht zur Jubiläumsveranstaltung der „City Initiative“ gehen. Dorthin also, wo das Geld für Trier und das Rathaus verdient wird und wo Sie wahrscheinlich auch mit Kritik konfrontiert werden. Setzen Sie da als Oberbürgermeister der Stadt nicht falsche Prioritäten, um der Kritik auszuweichen?

Jensen will die Anwohner in den westlichen Stadtteilen nicht alleine lassen - auch nicht bei der Reaktivierung der Westtrasse.
Jensen will die Anwohner in den westlichen Stadtteilen nicht alleine lassen – auch nicht bei der Reaktivierung der Westtrasse.

Jensen: Das ist ein völlig falscher Eindruck, der sehr oft in der Öffentlichkeit kolportiert, durch die dauernde Wiederholung aber auch nicht wahrer wird. Die Realität sieht ganz anders aus. Ich habe sehr viele Termine bei Unternehmen, bei den Kammern, beim Einzelhandel und mit anderen Vertretern der Wirtschaft, auch international. Diese Termine stehen jedoch meist nicht im Licht der Öffentlichkeit. Klar ist, dass ich nicht alle der über 2.000 Terminanfragen im Jahr erfüllen kann. Ich habe auch nie versprochen, allgegenwärtig zu sein. Man kann es nicht allen recht machen. Beim Jubiläum der City-Initiative war die Stadt allerdings durch den zuständigen Wirtschaftsdezernenten sehr gut vertreten. Und was das einmal im Jahr stattfindende Weltbürgerfrühstück angeht: Auch das gehört mit dem fairen Handel durchaus zum Thema Wirtschaft. Apropos Prioritätensetzung bei der Terminauswahl nach dem möglichst geringsten Kritikpotential: So einfach ist mein politisches Weltbild nicht gestrickt. Kritik ist natürlich wichtig und ich setze mich selbstverständlich damit auseinander. Ich bin ja nicht beratungsresistent − ganz im Gegenteil.

Gehen wir gemeinsam ins Rathaus − in die obere Etage. Ihre Stellvertreterin heißt Angelika Birk. SPD, Grüne und FDP haben die grüne Politikerin 2010 ins Amt gehievt. Im Dezember 2013 wurden die teils chaotischen Zustände im Dezernat Birk über ein Trierer Online-Magazin erstmals öffentlich gemacht. SPD und CDU haben im Kommunalwahlkampf mehr oder weniger offen den vorzeitigen Abgang der Bürgermeisterin gefordert. Nach unseren Informationen haben Sie persönlich eingegriffen und Mitarbeiter aus dem Dezernat in andere Abteilungen versetzt, weil sie sich weigerten, mit Birk noch länger zusammenzuarbeiten. Es heißt, Sie hätten inzwischen selbst die Leitung des Dezernats übernommen und Birk damit quasi entmachtet. Zu all dem haben Sie bisher beharrlich geschwiegen. Glauben Sie nicht, dass es an der Zeit ist, die Triererinnen und Trierer darüber aufzuklären und die Karten offen auf den Tisch zu legen?

Jensen: Ich kann bei dieser Frage bestätigen, dass es grundsätzlich unsere Aufgabe als Verwaltung insgesamt ist, in jedem Dezernat wichtige Projekte schnell und erfolgreich umzusetzen. Das ist dann auch meine Aufgabe − etwa beim sozialen Wohnungsbau. Und diese Aufgabe habe ich immer übernommen. So habe ich jetzt dafür gesorgt, dass die Skater eine neue Halle bekommen. Das war ein wichtiges Anliegen, das wir realisieren mussten. Richtig ist ferner, dass sich mein Einfluss auch auf andere Dezernate bezieht. Wenn es notwendig ist, schalte ich mich ein. Und das ist auch gut so.

Wenn Ihre Kritiker Ihnen Führungsschwäche vorwerfen, dann ist damit auch gemeint, dass es Ihnen nicht gelungen ist, den unübersehbaren Graben zwischen den Dezernentinnen Birk und Kaes-Torchiani zu überbrücken. Würde man konstatieren, die Chemie zwischen den Beiden stimme nicht, so wäre das extrem untertrieben. Der Begriff „Eiszeit“ trifft den Ist-Zustand wohl besser. Für Trier heißt das: In existentiellen Fragen blockieren sich die beiden Dezernate, obwohl sie im Interesse der Stadt konstruktiv zusammenarbeiten müssten. Warum haben Sie als urgewählter Oberbürgermeister nicht auf den Tisch gehauen und die beiden Dezernentinnen zur Räson gebracht? Oder haben Sie das getan?

Jensen: Ich kenne kein Projekt, das nicht umgesetzt wurde, weil die Chemie nicht gestimmt hat. Was wir uns vorgenommen haben, ist gemeinsam auch angegangen worden. Wir haben alle Maßnahmen auch zur Umsetzung gebracht. Ob und wie ein OB bei Meinungsverschiedenheiten und Unstimmigkeiten reagiert, ist immer auch eine Frage des Charakters. Der eine haut gerne auf den Tisch, der andere sucht die Vermittlung. Ich habe beides getan, gebe aber der zweiten Lösung die Präferenz.

Sie haben in Trier-West erklärt, die Fäden für „Soziale Stadt“ und Stadtumbau liefen in Ihrem Büro zusammen. Ferner, dass die Förderung nicht an administrativen Schwierigkeiten in der Verwaltung scheitern werde. Was ist denn nun mit den Projekten für die „Soziale Stadt? Gib es inzwischen ein zuschussfähiges Projekt, damit die 700.000 Euro für 2013 rückwirkend doch noch abgerufen werden können? Und vor allem: Welche Projekte sind für 2014 vorgesehen? Immerhin stehen wieder ein paar Millionen im Topf − für Trier-West, für Ehrang und für Trier-Nord.

Jensen: Es geht auch um die 700.000 Euro, aber eben nicht nur. Viele Projekte stehen auf der Agenda, die wir jetzt auch angehen werden. Demnächst wird mit der Sanierung des dritten Blocks in der Gneisenaustraße in unmittelbarer Nähe zu Don Bosco begonnen. Das wird ein Millionen-Projekt für die Stadt und Trier-West. Auch für Trier-Nord und Ehrang stehen Projekte auf der Agenda. Bis vor kurzem mussten wir ja noch davon ausgehen, dass die Förderung in der „Sozialen Stadt“ für Trier-Nord und Ehrang eingestellt wird − noch unter der alten Bundesregierung. Das hat sich jetzt geändert. Jetzt werden wir konkrete Projekte beantragen. Wichtig ist für mich dabei auch, dass das Quartiersmanagement in den Stadtteilen fortgesetzt wird.

Kurzer Schwenk ins andere Dezernat: Warum eigentlich werden alle Erschließungen nur noch mit der Entwicklungs-Gesellschaft Petrisberg (EGP) abgewickelt? Castelnau, Bobinet, Burgunderviertel und jetzt wahrscheinlich auch die Jäger-Kaserne. Werden so nicht private Investoren Schritt für Schritt verprellt, da sie sowieso keine Chance haben, in Trier Entwicklungsflächen für den Wohnungsbau zu bekommen?

Jensen: Das ist so nicht ganz richtig. Die Entscheidung, wer die Jäger-Kaserne entwickelt, ist noch völlig offen. Außerdem ist die EGP keine reine Tochter der Stadt − da gibt es auch andere Teilhaber. Es ist aber so, dass die EGP gezeigt hat, dass sie in sehr kurzer Zeit sehr viel Entwicklungsarbeit leisten kann – und das auf hohem Niveau. Von daher gibt es keinen Grund, da irgendetwas zu kritisieren. Wichtig ist, dass wir am Ende des Jahres den Flächennutzungsplan verabschiedet haben. Und dann, da bin ich mir sicher, wird nicht nur die EGP sehr viel Entwicklungsarbeit für Trier leisten müssen. Da kommen dann auch andere zum Zug.

„Trier wurde strukturell weiterentwickelt“

Damit der Kreis sich schließt: zurück zu Klaus Jensen. Angetreten sind Sie mit dem Vorsatz, für mehr Transparenz, für mehr Offenheit, für mehr Bürgernähe zu sorgen. In den westlichen Trierer Stadtteilen wirft man nicht nur Ihnen, aber auch Ihnen, nun vor, Sie hätten dieses Versprechen nicht nur nicht erfüllt, sondern längst über Bord geworfen. Das Projekt „Reaktivierung der Westtrasse“ beispielsweise sei ohne jede Bürgerbeteiligung in aller Eile durchgepeitscht worden. Warum? Weil Mainz und damit der kleine Koalitionspartner es so wollten?

Jensen: Das ist kompletter Unsinn! Noch nie war die Transparenz im Rathaus so groß wie unter meiner Führung. Wir haben den Bürgerhaushalt, „Trier mitgestalten“ und ein umfängliches Bürgerinformationssystem realisiert. Die Anzahl der Bürgerinformationsveranstaltungen und -gespräche kann ich schon gar nicht mehr beziffern. Mir mangelnde Transparenz vorzuwerfen, ist völlig absurd. Zur Westtrasse: Wir wollten dieses Projekt, das Land hat es uns nicht aufgezwungen. Wir müssen und wollen den ÖPNV stärken, um unsere Straßen zu entlasten und um die Anbindung an Luxemburg zu verbessern. Wir haben auch dieses Projekt diskutiert und besprochen − in den verschiedenen Gremien. Richtig ist allerdings, dass wir die Entscheidung nicht den Anwohnern überlassen können, weil wir die Interessen der gesamten Stadt berücksichtigen müssen. Was aber nicht heißt, dass wir die Sorgen der Anwohner nicht ernst nehmen. Wir werden über mögliche Lärmschutzmaßnahmen an der Strecke weitere Gespräche führen − mit dem Land, mit der Bahn und auch mit den Anwohnern. Wir werden die Bürgerinnen und Bürger ferner einbeziehen, wenn es um die Realisierung der Haltepunkte geht. Im Übrigen wird es wesentlich weniger Güterverkehr geben. Die Personenzüge werden erheblich leiser sein als das jetzige Zugmaterial.

Dafür haben Sie als Oberbürgermeister die Projekte „Nord- und Westumfahrung“ inzwischen begraben. Und das, obwohl selbst ein Gutachten im Auftrag des Mainzer Innenministeriums zu dem Schluss kommt, dass die Trierer Verkehrsprobleme alleine durch mehr ÖPNV nicht in den Griff zu bekommen sind. Außerdem würde der Bund die Kosten ja wohl übernehmen. Zumindest die Westumfahrung, also der „Moselaufstieg“, sowie der Ausbau der B52 zwischen Ehrang und der A64 seien dringend nötig. Nicht nur bei der CDU, sondern auch bei Befürwortern in Ihrer eigenen Partei heißt es, Trier brauche eine Stadtumfahrung. Haben Sie abmoderiert, um den Koalitionsfrieden in Mainz nicht zu gefährden − haben Sie die Trierer Interessen den Interessen der Landesregierung geopfert?

Jensen plädiert dafür, keine Luftzschlösser zu bauen. Er hält "Moselaufstieg" und "Meulenwaldautobahn" für unrealistisch.
Jensen plädiert dafür, keine Luftschlösser zu bauen. Er hält „Moselaufstieg“ und „Meulenwaldautobahn“ für unrealistisch.

Jensen: Ganz sicher nicht, weil die Behauptung so auch nicht stimmt. Es gibt einen Stadtratsbeschluss, der zur Westumfahrung auch die Umgehung von Zewen zwingend vorsieht. Natürlich vertrete ich diesen auch als Oberbürgermeister. Persönlich halte ich beide Großprojekte für unrealistisch. Man muss das Kind doch einmal beim Namen nennen: Die Meulenwaldautobahn führt durch hochsensibles Gebiet und würde inzwischen 300 bis 400 Millionen Euro kosten. Das steht doch in keinem Verhältnis zum Nutzen. Was wir brauchen und wofür ich mich besonders eingesetzt habe, ist der vierspurige Ausbau der B52 in Richtung Luxemburg. Das wird auch kommen, weil das Land die Realisierung zugesagt hat. Dadurch gewinnen wir zudem eine bessere Anbindung an das Autobahnkreuz Schweich. Wichtig ist mir, dass wir trotz Stadtratsbeschlüssen keine Luftschlösser bauen − auch nicht, was die Westumfahrung, also den Moselaufstieg angeht. Ich halte es für einen Fehler, wie die Debatte hier geführt wird. Wir sollten uns am Machbaren orientieren. Also: Stärkung des ÖPNV, Ausbau der B52 und Sanierung der Ehranger Brücke.

Ihr Nachfolger, beziehungsweise Ihre Nachfolgerin wird am 28. September gewählt. Werden Sie dafür sorgen, dass er, respektive sie nicht sofort mit einem Doppelhaushalt für die Jahre 2015 und 2016 konfrontiert und so in der Bewegungsfreiheit eingeschränkt wird?

Jensen: Ich werde auf jeden Fall mit meiner Nachfolge konstruktive Gespräche über den Haushalt führen. Der Doppelhaushalt wird erst Anfang 2015 verabschiedet − von daher bleibt genügend Zeit für sie oder ihn, Einfluss zu nehmen. Im Übrigen: Ich habe auch mit einem laufenden Haushalt begonnen. Das ist überhaupt kein Problem. Wir haben so viele Projekte in Arbeit − etwa die Sanierung des AVG oder auch die IGS −, dass die Nachfolge sich freuen kann, dass all das schon auf dem Weg ist, auch im Haushalt.

Sie haben noch rund zehn Monate als Stadtchef vor sich. Danach sind Sie nur noch der „First Gentleman“ des Landes. Was wollen Sie in der kurzen Zeit noch erreichen?

Jensen: Also, zunächst einmal bin und bleibe ich immer noch Klaus Jensen. Trotz der Kürze der Zeit habe ich noch viel vor. Ich will das Bündnis für bezahlbaren Wohnraum zum Erfolg führen. Erste Erfolge haben wir durch harte Arbeit erreicht. Dadurch bekommt der soziale Wohnungsbau einen enormen Schub. Dann will ich mit meiner Kollegin den Flächennutzungsplan durch den Rat bekommen. Auch damit hätten wir einen weiteren, wichtigen Schritt getan − sowohl für die Erschließung neuer Gewerbegebiete als auch für neuen Wohnraum. Und schließlich will ich im Haushalt 2015/16 ohne neue Liquiditätskredite auskommen. Das wäre ein Meilenstein, weil die Stadt dann nicht weiter gezwungen ist, etwa für Löhne und Gehälter Kredite aufzunehmen.

Und was soll später einmal in den Annalen der Stadt über den ersten sozialdemokratischen Oberbürgermeister stehen? Was sollen die nächsten Generationen über Klaus Jensen lesen oder wissen?

Jensen: Das ist nicht wirklich so wichtig. Wünschen würde ich mir, dass die Menschen irgendwann sehen, dass Trier in diesen acht Jahren strukturell weiterentwickelt wurde. Dass dieser Klaus Jensen eben nicht auf Effekthascherei oder Populismus aus war, sondern für Nachhaltigkeit stand. Der Wert vieler Dinge, die ich auf den Weg gebracht habe, wird sich vielleicht erst in einigen Jahren zeigen. Das waren überwiegend keine Projekte oder Anstöße, mit denen man kurzfristig glänzen konnte. Aber sie werden wirken, da bin ich mir ganz sicher. Übrigens: Seit einem Jahr arbeiten wir schon mit dem Land zusammen an der Vorbereitung zum Karl-Marx-Jahr 2018. Demnächst werden wir zusammen eine Gesellschaft gründen. Ich bin mir auch hier sicher, dass dieses Jubiläumsjahr ein ebensolcher Erfolg wird wie das Konstantinjahr − mit den Museen, mit der Wissenschaft, mit den Veranstaltungen. Es ist ja nicht so, dass andere Städte, etwa London, so etwas nicht vorhaben − aber wir werden schneller sein.

Zum Schluss: Wer wird Fußball-Weltmeister?

Jensen: Deutschland.

Warum?

Jensen: Wir nehmen Nymar aus dem Spiel, schlagen Brasilien und werden dann auch Weltmeister.

Herr Oberbürgermeister, besten Dank für das Gespräch.

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14 KOMMENTARE

  1. So bekommt man ja ein paar ganz neue Facetten unseres OB präsentiert, was dirket sympathisch wirkt wo er sich oft so unnahbar gibt.
    Man weiss doch in Bezug auf KT und Frau Birk, dass es nicht so kann wie er gerne möchte un´d sagen darf er auch nichts. Ich denke, dass sich das Problem mit den „Damen“ bald erledigt hat, ist allerhöchstens noch eine Frage von ein paar Monaten.

  2. Wenn ich das richtig verstehe, heißt das doch im Klartext, dass Frau Birk nichts mehr zu sagen hat und der OB das Dezernat jetzt managt! Das ist wirklich eine gute Nachricht, auch wenn es dem Steuerzahler wohl nur schwer zu vermitteln ist, warm man dann trotzdem noch tausende Euro im Monat für diese Stelle bezahlen muss…
    @Peter Görgen: Finde ich auch, dass das den OB mal ganz anders zeigt – vielleicht sollte er öfter mal in der Öffentlichkeit sagen und zeigen, was wirklich los ist!

  3. Man muss sich selbst ehrlich eingestehen, dass die Erwartungen an den damaligen neuen OB Jensen teilweise zu hoch waren. Vieles wurde sich erhofft, was man als OB gar nicht machen kann.
    Es stimmt aber, dass Klaus Jensen für die menschliche Entwicklungen in unserer Stadt sehr viel beigetragen hat. Dafür sollte man Danke sagen.
    Einige werden es einfach nicht verstehen, dass ein OB nicht die Befugnis hat sich in die Arbeitsbereiche der Dezernenten einzumischen.
    Er bewegt aber dennoch im Rathaus sehr viel. Das ist jetzt noch nicht sichtbar und die Früchte wird wohl sein Nachfolger dafür ernten.

  4. @Birgit wird schon so sein denn die Feststellung des Interviewers hat er nicht dementiert, was doch alles sagt. Wenn ich nur daran denke was Frau Birk bei uns in TR-West verbockt hat kriegt man graue Haare

  5. Ohje ohje Herr Jensen 😉 nach dem blutleeren Auftritt gegen Algerien, glaube ich nicht, dass ihr Tip aufgeht: die Franzmänner werden uns die Buxen ausziehen 😉
    @Beate Görgen. der Barack Obama von Trier, viel versprochen und nur wenig gehalten?!? nein stimmt schon: man hat sich sicher zuviel versprochen, die Erwartungen waren zu hoch. Trotzdem bleibe ich dabei: er hätte in seiner Partei niemals zulassen dürfen, dass diese vermaledeite „Ampel“ angeschaltet wird, wodurch die meisten Problem -und die größten- doch erst entstanden sind. Den Vorwurf muss er sich gefallen lassen, da es total schiefgegangen ist.

  6. Ich muss hier öffentlich meine Begeisterung und meine Anerkennung zum Ausdruck bringen.

    Das ist mal ein Interview mit Substanz.
    Die richtigen Fragen und auch hochinteressante Antworten.

    Herr Thielen, auch Ihnen gebührt hierfür Dank.
    Herr Jensen steht für mich nun tatsächlich unter einem etwas anderen Licht.

    Vielleicht eines der besten Interviews in der regionalen Presse der letzten Jahre.

  7. Hätte man ihn so immer erlebt ,wäre er wahrscheinlich auch nicht so in die Kritik geraten. Gewählt habe ich ihn ,enttäuscht war ich dann auch.

  8. @eric thielen: Das mit Zurlauben ist so nicht richtig. Er war im ersten Jahr seiner Amtszeit sogar Schirmherr! Was allerdings stimmt ist, dass er danach nicht mehr zur Eröffnung erschien und sich nicht besonders für dieses Fest eingesetzt hat. All das könnte er aber noch relativ kurzfristig nachholen,denn es mangelt bei den ausrichtenden Vereinen an Allem, besonders an Geld!

  9. Sehr staatsmännisch, sehr gut, sehr Klaus Jensen. Er bereitet sich scheinbar schon auf seine Rolle nach dem Abgang vor, als elder statesman. @ixemina touchdown! Er dementiert nicht, ergo ist klar, was los ist. Jetzt sollten CDU & SPD mal langsam zu Potte kommen oder wie lange soll das Versteckspiel noch dauern?

  10. Falls Trier sich verZOCKt, werden sich viele Trierer Leute den fleißigen Leisetreter zurück wünschen. Aber man soll den Teufel auch nicht an die Wand nageln.

  11. “ Es bewegt sich vielen in Trier“
    Stimmt-Rasant nach unten.
    “ Malu Dreyer Triererin “
    Äh, ist die nicht aus Neustadt a.d.W. ?
    “ Die Realität sieht ganz anders aus“
    Stimmt- Die Feuerwehr Trier , immerhin ein Amt mit 400 Ehrenamtlichen, hat er wohl nur einmal besucht.
    “ Außerdem ist die EGP keine reine Tochter der Stadt “
    Stimmt. Es sind nur 5x,x% + den Aufsichtsratsvorsitz.

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