Fragmente ohne Not

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Erwies sich im Trierer Dom als Virtuose. Der französische Organist Vincent Dubois.

Bildquelle: Privat

TRIER. Trier. Beim fünften der sechs Konzerte im Rahmen der Internationalen Orgeltage im Trierer Dom hatte Domorganist Josef Still einen französischen Organisten an der Mosel zu Gast. Restlos überzeugen konnte der Straßburger Vincent Dubois allerdings nicht.

Von Gerhard W. Kluth

Mit Virtuosität konnte der 1980 geborene Leiter des Conservatoire von Straßburg die Besucher des Trierer Orgelkonzertes durchaus beeindrucken. Ob im ersten Satz der sechsten Symphonie für große Orgel von Charles Marie Widor, oder im Finale der symphonischen Dichtung „Evocation“ von Marcel Dupré, oder auch in den drei „Poèmes“ des französischen Zeitgenossen Thierry Escaich. Dubois Technik war an manchen Stellen verblüffend. Kaum einmal, dass er die von den Komponisten vorgegebenen Leitplanken touchierte. Kaum eine Stelle, an der man eine Unsicherheit bemerken konnte. Aber – reicht das?

Da war zunächst einmal die Programmzusammenstellung, die nicht wirklich schlüssig erschien. Ein rein frankophoner Abend, der wie ein Zug durch die französische Orgelgeschichte erschien. César Franck, der zwar in Belgien geboren wurde, aber schon mit 13 Jahren nach Paris kam, war mit seinem berühmten a-Moll Choral vertreten. Neben Escaich wurde die Musik des 20. Jahrhunderts noch durch die Komponisten Gastone Litaize und Dupré repräsentiert. Dazwischen platzierte er zwei der insgesamt sechs Studien für einen Pedalflügel, Opus 56, von Robert Schumann. Abgesehen davon, dass Dubois hier sehr merkwürdige Registrierungen wählte, passte diese Musik so gar nicht in den Kontext der anderen Kompositionen.

Die Eröffnung der g-Moll Symphonie von Widor gelang ihm sehr überzeugend, wenngleich auch hier, wie vor wenigen Wochen bei Ben van Oosten, die letzte Kraft, die den Zuhörer bei dieser Musik restlos zu packen hat, der Klaisorgel des Trierer Doms fehlte. Die nachfolgenden vier Sätze aber wurden dem Publikum vorenthalten, wobei gerade im Adagio des zweiten Satzes und im traumhaft schönen Cantabile vor dem Finale die Domorgel ganz besondere Möglichkeiten des Glänzen gehabt hätte. So blieb es ein Torso, der eigentlich nach Vollendung fragte. Gleiches galt für das Opus 37 von Dupré. Der Komponist hat mit diesem dreisätzigen Werk seinem Vater ein Denkmal gesetzt, auf das Dubois seinen Zuhörern nur einen begrenzten Blick gewährte. Auch hier nur ein Fragment ohne Not.

Die Improvisation, also das Musizieren aus dem Moment heraus, ohne notierte Vorlage, ist ein Kunst, die zum einen im Jazz, besonders intensiv aber von Organisten gepflegt wird. Für das Ende des Konzertes hatte Domorganist Still das Publikum um ein Thema gefragt, das er Dubois erst unmittelbar vor dem Konzert vorlegen wollte. Insgesamt waren es 25 Vorschläge, die Still erhielt und aus denen sich Dubois drei Themen aussuchte. Mit Blick auf das gerade gewesene Pfingstfest war es der gregorianische Choral „Veni creator spiritus“, das Fronleichnamsfest war durch die ebenfalls gregorianische Sequenz „Tantum ergo“ vertreten und, auch das ein wenig verwunderlich, die Moldau von Smetana sollte im Konzertfinale vertreten sein. Bei diesem Abschluss galt dasselbe, wie für das ganze Konzert. Dubois präsentierte sich nach einem sehr schönen, fast schon lyrischen Start als ein großer Virtuose, bei dem besonders die Schnelligkeit staunen machte. Bei den vorgegebenen und von ihm selbst gewählten Themen aber musste man schon ganz genau hinhören. Er versteckte sie und schuf nur ganz wenige Augenblicke, in denen man sie problemlos wiedererkennen konnte.

Daneben wurde bei diesem Konzert eine Problematik deutlich, die nicht nur bei Dubois, sondern bei vielen Organisten immer wieder zu Tage tritt. Durch moderne Technik ist es heute möglich, die Registrierungen, also die Auswahl der Stimmen für die einzelnen Werke für ein ganzes Konzert in der Orgel zu programmieren. Langatmige Pausen für das Umregistrieren zwischen zwei Werken entfallen damit. Eine deutliche Arbeitserleichterung. Sie sollte aber nicht dazu führen, dass die Ruhephase zwischen zwei Kompositionen so kurz wird, dass ein gedankliches Umschalten der Zuhörer nicht mehr möglich ist. Ein wenig mehr Ruhe tut hier gut.

● Am nächsten Dienstag, den 24. Juni, wird Domorganist Josef Still um 20 Uhr die Internationalen Orgeltage beschließen. Unter dem Titel „Mozart changes“ wird er Kompositionen interpretieren, die entweder von Wolfgang Amadeus Mozart selbst stammen oder aber eine Hommage an den Meister darstellen. Außerdem verneigt Still sich mit Max Regers „Fantasie und Fuge d-Moll“, Opus 135b, vor Richard Strauss, dessen 150. Geburtstag die Musikwelt in diesem Jahr feiert. Reger hat dieses Werk dem „Meister Richard Strauss in besonderer Verehrung“ gewidmet.

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