Auf eine Caipi mit Alexander Brittnacher – Die lokalo-WM-Kolumne # 4

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Fotomontage

Bildquelle: wikimedia.org, wikimedia_org, privat

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Die „Grüne Lunge“ und der Peladão: Amazonien spielt Fußball!

Sie hat begonnen, die zweite Heim-WM für die Brasilianer. Auch wenn der Auftaktsieg gegen starke Kroaten nicht sehr überzeugend war, für die Stimmung im Land und auch für die Sicherheit war es wichtig!

Das wusste auch FRED, der in gekonnter Manier den Elfmeter für sein Team herausholte – oder soll ich sagen schindete??? War sein Stoßgebet gen Himmel der Dank an Gott für den Windstoß, der ihn einfach umfallen ließ oder war es seine sofortige Beichte? Das wird sein Geheimnis bleiben, aber Schwalben gehören nun einmal auch zum Fußball dazu, liebe Fans, sonst wären wir 1974 auch kein Weltmeister geworden. Fragen Sie mal Herrn Hölzenbein!

 

Leider behielt ich mit meiner Prognose, dass die Sicherheitskräfte vor den Augen der Weltöffentlichkeit weniger gewalttätig gegen Demonstranten vorgehen unrecht. Die Bilder von dem regelrecht sadistischen Einsatz von Tränengas und Schlagstöcken gegen zu diesem Zeitpunkt wehrlose und zum größten Teil friedliche Demonstranten macht mich wütend und traurig zugleich! Knapp 30 Jahre nach der Re-Demokratisierung im Anschluss an die Militärdiktatur hat der Sicherheits- und Ordnungsapparat Brasiliens scheinbar noch immer nicht verstanden, dass Demonstrationen zu einer lebendigen Demokratie gehören, erst recht, wenn, wie in diesem Fall, offensichtliche Missstände wie Geldverschwendung, Korruption und Misswirtschaft angeprangert werden! In einer rechtsstaatlichen Demokratie sollte die Polizei die freie Meinungsäußerung schützen, statt sie zu bekämpfen. Ein großer Riss geht derzeit quer durch das brasilianische Volk, und Politik und Gesellschaft werden im Anschluss an die WM viel Arbeit haben, diesen Riss zu kitten.

Bevor wir nun weiter in den Norden des Landes reisen, erlauben Sie mir bitte noch folgende Anmerkung: ca. 50% der brasilianischen Bevölkerung gelten als Mischlinge oder Schwarze. In den Bildern aus dem Stadion konnte ich jedoch kaum jemand dieser Bevölkerungsgruppen sehen. Und das liegt mit Sicherheit nicht an mangelnder Fußballbegeisterung dieser Menschen…

Manaus, die Perle am Amazonas

Teatro AmazonasWir fliegen weiter Richtung Norden, genau gesagt nach Manaus, der Millionenmetropole am Amazonas. Ich sage ganz bewusst fliegen, denn die Stadt ist nur per Flugzeug oder über den Amazonas und seine Nebenflüsse per Schiff zu erreichen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts galt Manaus als eine der reichsten und wohlhabendsten Städte auf dem amerikanischen Kontinent. Dieser Wohlstand hing zusammen mit der Produktion von Naturkautschuk, der hier in monopolisierter Stellung gewonnen wurde, und der Stadt einen unfassbaren Reichtum bescherte. Zu dieser Zeit entstand auch die bedeutendste Sehenswürdigkeiten der Stadt: Das Teatro Amazonas, welches 1896 eingeweiht wurde und heute fast unwirklich inmitten der Stadt thront. Alles was Rang und Namen hatte, trat zur damaligen Zeit dort auf, finanziert durch die Einnahmen aus dem Kautschukboom. Nach dem Verlust des Kautschukmonopols und er Herstellung synthetischer Kunststoffe begann der Abstieg der einstigen Metropole.

Von hier aus startete ich meine erste große Rundreise, fünf Tage und Nächte ging es per Schiff flussabwärts Richtung Atlantik. Wir wollten reisen wie es die Einheimischen auch taten, also ging es los auf den Markt, wo wir uns eine Hängematte kauften. Diese mussten wir an den Holzbalken auf den Schiffen befestigen, damit wir die Reise antreten konnten. So teilten wir uns das Schiff mit ca. 200 Passagieren, in der Regel Frauen und Kinder, deren Männer bzw. Väter bereits monatelang an der Küste in der Industrie arbeiteten, um von dem verdienten Geld die Familie nachzuholen. Ein intensiverer, interkultureller Austausch wie hier, ist schlichtweg nicht möglich, unser gegenseitiges Interesse an unseren völlig unterschiedlichen Kulturen war riesig groß und mir wurde wieder bewusst, in welchem Wohlstand wir eigentlich leben, ohne wirklich glücklicher zu sein.

AmazonasdampferEine solche Fahrt mit dem Schiff gleicht einer Gefühlsachterbahn. Stundenlang sitzt man auf Deck, beobachtet Wasserbüffel an der Küste, spielende Kinder in den gelegentlich am Ufer auftauchenden Indio-Siedlungen und mit Glück konnte man die stark bedrohten rosafarbenen Süßwasser-Delphine sehen, wie unser Schiff einige Meter in der Bugwelle begleiteten. Wenige Kilometer weiter aber machten uns Rauchschwaden und riesige, bereits gerodete Flächen bewusst, wie wir mit dem größten Naturreservoir unserer Erde umgehen. Und es sind die großen Industrienationen, die mit Ihrer großen Nachfrage an Tropenhölzern, Soja und Rindfleisch einen großen Teil der Verantwortung dafür haben! Schier unglaublich war für mich die Beobachtung, wie unsere brasilianischen Mitreisenden in der Regel ihren Müll einfach über Bord warfen. Zeit aufzuklären und umzudenken!

Der Peladao – das größte Fußballturnier der Erde

Manaus ist einer der zwölf Spielorte der Weltmeisterschaft. Dies war jedoch nicht unumstritten. Aus politischer Sicht ist es nachvollziehbar, die Amazonasregion in die WM einzubinden, die Nachhaltigkeit bleibt hier jedoch erneut auf der Strecke. Manaus besitzt keinen Fußballverein, der in einer Profiliga vertreten ist, und so wird das neu erbaute Stadion nach der Weltmeisterschaft verwaist bleiben und Manaus erneut in seinen Dornröschenschlaf fallen.

Peledao SchönheitsköniginnenEinmal im Jahr wird Manaus allerdings zur wahren Metropole des Fußballs: Der Peladão ruft, das wohl größte Fußballturnier der Erde, mit mehr als 1 000 antretenden Mannschaften. Selbst Indio-Völker aus entlegenen Regionen entsenden ihre Mannschaften, die teilweise tagelang in kleinen Booten die Reise auf sich nehmen. Habe ich in den vergangenen Kolumnen bei den Klischees über Brasilien die Frauen bewusst verschwiegen, spielen diese im Rahmen des Peladão eine gewichtige Rolle: Beim Peladão geht es nicht ausschließlich um die Schönheit des Fußballs, auch die weibliche Schönheit spielt hier eine entscheidende Rolle. Jeder teilnehmende Club entsendet seine eigene Schönheitskönigin, die für den Erfolg im Turnier die gleiche Wichtigkeit besitzt wie das erfolgreiche Abschneiden des eigenen Teams. Scheidet eine Mannschaft aus dem Turnier aus, so kann ihre Beautyqueen durch ihr Weiterkommen im parallel stattfindenden Schönheitswettbewerb ihre Mannschaft zurück ins Turnier bringen.

Und nun darf ich endlich mit allen Klischees spielen: Brasilien, Land des Sambas, Karnevals, Fußballs, Caipirinhas und der schönen Frauen!

Bis zur nächsten Caipirinha!

[td_text_with_title custom_title=“Zur Person“]Alexander BrittnacherAlexander Brittnacher, 35, geb. in Trier. Studium in Frankfurt/Main und Trier, Jurist mit Schwerpunkt Kriminologie, zwecks Praktikum und Forschungsaufenthalten lebte er insgesamt zwei Jahre in Brasilien. Er erforscht die Zusammenhänge zwischen sozialem Ungleichgewicht und Kriminalitätsentwicklung in Rio de Janeiro. Im Vorfeld der Weltmeisterschaft hat er den DFB als Brasilienexperte in Sicherheitsfragen beraten.[/td_text_with_title]

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