Auf eine Caipi mit Alexander Brittnacher – Die lokalo-WM-Kolumne # 3

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Fotomontage

Bildquelle: privat

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#3 Der „Ordnungsschock“ – Rio räumt auf!

Eigentlich sollte sich hier eine Hommage befinden, eine Hommage an Rio de Janeiro, an die wunderbare Stadt, die mich binnen weniger Tage so in ihren Bann gezogen hatte und mich seitdem nicht mehr los lässt. Diese Leichtigkeit, dieses Lebensgefühl, diese Lebensfreude, die einmalige geographische Lage zwischen traumhafter Küste und direkt anschließendem Regenwald, Samba, Fußball, Strand und Caipirinhas.

So hatte ich mir Rio bereits im Vorfeld vorgestellt und ich wurde damals nicht enttäuscht.
Heute mache ich mir Sorgen. Rio will erwachsen werden und wie bei uns Menschen, bringt das Erwachsenwerden oft Probleme mit sich. Man verhält sich merkwürdig, dass Spielerische und Kindliche geht verloren und man weiß nicht mehr so genau, wo man eigentlich hin will.
Brasilien will aufräumen mit Klischees und Vorurteilen. Und will der ganzen Welt zeigen, dass man kein Schwellenland mehr ist, sondern eine ernstzunehmende Industrienation, welche den Sprung in die erste Welt geschafft hat. Vorbei sein sollen die Zeiten, in denen beispielsweise Charles de Gaulle über das fünftgrößte Land der Erde lästerte, man könne es nicht ernst nehmen.

Für mich war es an den Wochenenden fast ein Ritual – gemeinsam mit meinen Freunden ging es an den Ipanema, den Schwesternstrand der Copacabana. Während die Copacabana eher von den Touristen bevölkert wird, ist der Ipanema Schmelztiegel aller brasilianischen Gesellschaftsschichten. Leicht bekleidet lässt sich höchstens an der Hautfarbe erahnen, ob der spätere Nachhauseweg der Strandbesucher in eines der reichen Viertel oder in eine Favela führen wird. An der Strandbar „Posto 9“ kauften wir uns unsere Kokosnuss, welche der Verkäufer gekonnt mit drei Schlägen seiner Machete öffnete, damit wir das erfrischende „Aqua de Coco“, das Kokoswasser, durch einen Trinkhalm genießen konnten. Am frühen Nachmittag kauften wir beim Strandverkäufer „Baptista“ eine frisch zubereitete Caipirinha, gelegentlich auch mal ein Wasser oder ein eisgekühltes Bier in der Dose. Wenn jemanden der Hunger plagte, kam der nächste Verkäufer über den glühend heißen Sand gelaufen, um Garnelenspieße, vor Ort auf einem kleinen Ofen gegrillter Käse oder Sandwiches und Obst an die sonnenhungrigen Strandbesucher zu verkaufen.

Der Brasilianer nimmt nichts mit an den Strand, die Damen höchstens ein Strandlaken. Alles andere inkl. Klappstuhl und Sonnenschirm gibt es am Strand zu erwerben oder zu mieten. Und selbst die leere Bierdose findet dankende Abnehmer. Wo wir ein Dosenpfand brauchen um die Vermüllung unserer Umwelt zu vermeiden, sammeln in Brasilien Kinder die Dosen, um sie Abends zu Recycling-Fabriken zu bringen und ein paar Cent für den Rohstoff zu bekommen.

Mein offener Brief an Rio

Rio de Janeiro, gleichzeitig Stadt und Bundesstaat der föderativen Republik Brasilien verordnete 2011 den „Choque de Ordem“, den Ordnungsschock. Sondereinheiten der Polizei und des Ordnungsamts sollen für Sauberkeit und Ordnung sorgen, und der Weltöffentlichkeit während der Weltmeisterschaft und den 2016 anstehenden Olympischen Spielen zeigen, wie fortschrittlich, organisiert und strukturiert man geworden ist. Aber um welchen Preis? Zeit für mich, ein paar kritische Fragen an Rio zu stellen…

Liebes Rio!

Der Verzehr von Kokosnüssen am Strand wurde zeitweise verboten. Die zurückgelassenen, ausgetrunkenen Schalen der Früchte seien verantwortlich für das Rattenproblem an den Stränden und das Öffnen mit einer Machete sei viel zu gefährlich!

Richtig, Rio, das kann gut sein und ich möchte das nicht bezweifeln! Aber was ist mit Deinen Einwohnern in den Favelas, die teilweise ohne Wasser- und Abwasserversorgungen leben und die ihre Behausungen mit Ratten teilen? Wieso schert sich keiner um die Müllentsorgung in vielen der Slums jenseits der reichen Stadtteile, wo sich der Unrat türmt?

Strandverkäufer brauchen nun eine Lizenz, auf die sie teilweise Monate warten müssen, wenn sie überhaupt die Gebühren dafür aufbringen können. Klar, bei uns in Deutschland wäre das normal. Aber Du hast kein vergleichbares Sozialsystem. Wer kein Geld hat, muss hungern! Bevor du den Menschen verbietest, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, solltest du die entsprechenden Sozialsysteme schaffen oder den Einwohnern der Favelas den Zugang zum regulären Arbeitsmarkt erleichtern! Kann Ordnung funktionieren, wenn soziale Gerechtigkeit fehlt?

Der Verkauf von selbst zubereiteten Lebensmitteln am Strand wurde verboten. Zu hoch sind die Risiken, dass jemand sich den Magen verderben könnte. Dabei lieben Deine Einwohner ihren gegrillten Käse, den „Queijo quente“. Es ist mir auch klar, dass unsere Lebensmittelkontrolleure ihre wahre Freude hätten, eine Küche in einer Deinen Favelas zu inspizieren. Aber denkst du eigentlich an Deine Kinder, die in der Nordzone in den Kanälen und der Bucht in ihren eigenen Fäkalien schwimmen, weil alle Abwässer ungefiltert eingeleitet werden? Und die sich aus Resten aus den Mülltonnen Deiner Wohlstandsgesellschaft ernähren?

Das Fußballspielen am Strand ist nur noch ab 18 Uhr erlaubt, denn der Ball könnte einem Sonnenanbeter auf den Kopf fallen und diesen verletzen. Auch dies ist möglich, aber was ist mit Deinen Einwohnern, von denen jährlich mehr als 5 000 Opfer von Tötungsdelikten werden und den jährlich durchschnittlich 1 000 Zivilisten, die durch Deine Polizeieinheiten getötet werden – nachweislich viele regelrecht hingerichtet und gefoltert wurden? Jährlich werden mehrere Menschen in Brasilien von Kokosnüssen und Mangos erschlagen, wollen wir die nicht auch verbieten? Und wie viele Sterne würden die Spieler Deiner Nationalmannschaft eigentlich auf der Brust tragen, wenn Du das Fußballspiel am Strand schon vor 50 Jahren verboten hättest?

Straßenkinder werden verjagt von den Promenaden und Plätzen, wo sich die Touristen aufhalten, die Autowäscher an den Kreuzungen werden mit Bußgeldern belegt, das Betteln verboten, Sonnenschirme nur noch in vorgegebenen Farben erlaubt, Favelas werden teilweise eingemauert. Hauptsache, Deine Postkarten-Idylle wird nicht getrübt!

In einem Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung erklärte der Sekretär des Ordnungsamts der Stadtverwaltung Rios: „Wir wollen Rio zu einer Stadt wie München machen, wir wollen, dass es hier superorganisiert und sauber ist wie bei euch.“ Er spricht von Umerziehung, wie sich das Verhalten der Menschen ändern müsse, wie man die Kultur verändern müsse.

Aber der Zuckerhut gehört nicht zu den Alpen, der Karneval ist nicht das Oktoberfest und der Samba nicht der Schuhplattler. Und das ist auch gut so!

Rio räumt auf, und wirft ein Stück seiner Kultur und Lebensfreude mit über Bord…

[td_text_with_title custom_title=“Zur Person“]Alexander BrittnacherAlexander Brittnacher, 35, geb. in Trier. Studium in Frankfurt/Main und Trier, Jurist mit Schwerpunkt Kriminologie, zwecks Praktikum und Forschungsaufenthalten lebte er insgesamt zwei Jahre in Brasilien. Er erforscht die Zusammenhänge zwischen sozialem Ungleichgewicht und Kriminalitätsentwicklung in Rio de Janeiro. Im Vorfeld der Weltmeisterschaft hat er den DFB als Brasilienexperte in Sicherheitsfragen beraten.[/td_text_with_title]

1 KOMMENTAR

  1. Wenn hinter dem Verbot der Kokosnuss mal kein Brausehersteller steckt, der Hauptsponsor der Weltmeisterschaft ist…

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