Auf eine Caipi mit Alexander Brittnacher – Die lokalo-WM-Kolumne # 2

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Fotomontage

Bildquelle: Alexander Brittnacher

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Die Ballzauberer vom Zuckerhut und der Traum von Europa

„Ordem e Progresso“, so lautet das Motto Brasiliens, welches auf der Flagge geschrieben steht, Ordnung und Fortschritt. Der Fortschritt, besonders in wirtschaftlicher Sicht, ist Brasilien nicht abzusprechen. Als Mitglied der BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika) gilt es als eine der kommenden Wirtschaftsnationen. Dies stellte der Schriftsteller und Dichter Stefan Zweig bereits 1941 in seinem Buch „Brasilien, ein Land mit Zukunft“ fest: „Europa hat unermesslich mehr Tradition und weniger Zukunft, Brasilien weniger Vergangenheit und mehr Zukunft!“

Mit der Ordnung nehmen es die Brasilianer weniger genau, scheinbares Chaos wohin das Auge reicht. Bei den öffentlichen Verkehrsmitteln, bei Behördengängen und Visa-Angelegenheiten, bei der Stromversorgung in den Favelas, bei der Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit im privaten und beruflichen Umfeld. Aber irgendwie gehört es dazu und sorgt für ein kaum zu beschreibendes Lebensgefühl, geprägt von einer gewissen Leichtigkeit und Unbeschwertheit. Man nimmt das Leben, aber auch sich selbst nicht zu ernst, sondern lernt es einfach zu genießen.

1_rocinha_favela_closeupSchon die Taxifahrt in den frühen Morgenstunden vom internationalen Flughafen Rios im Norden hin in die reiche Südzone, wo mein Trierer Mitbewohner bereits eine WG unmittelbar zwischen der weltberühmten Copacabana und deren Schwesternstrand Ipanema bewohnte, zeigte mir schnell das soziale Gefälle, welches innerhalb der Stadt zu finden ist. Die Zubringerstraße führte hautnah vorbei an den berüchtigten Favela-Komplexen in der Nordzone, den Elendsquartieren der brasilianischen Gesellschaft, von denen es nahezu 1 000 Siedlungen gibt. Ca. ein Drittel der rund 6,5 Millionen Einwohner Rios lebt in einer Favela. Ein unglaubliches Durcheinander an kleinen Häusern und Hütten mit Wasserbehältern auf dem Dach, kleinen Gassen und Treppen, die sich die Favela hinauf schlängeln. Einschusslöcher an den Betonbegrenzungen der Autobahn sind stille Zeugen von Schießereien zwischen verfeindeten Drogenbanden und den nicht weniger gewaltbereiten Spezialkräften der Polizei, die in regelmäßigen Abständen stattfanden und sogar für stundenlange Sperrungen der Autobahn sorgten.

Der Geruch von faulem Wasser lag in der Luft, es war für mich ein beklemmendes Gefühl. Wollte ich hier ein Jahr leben? Die Sonne ging gerade auf und ich konnte die Hochhäuser des Zentrums erkennen und meine Laune besserte sich merklich. Nachdem wir die Bucht von Flamengo passierten, konnte ich ihn endlich sehen, den „Pão de Açúcar“, den Zuckerhut, neben dem auf dem Corcovado thronenden Christo das Wahrzeichen Rios, nein, ganz Brasiliens. Spricht man beispielsweise von der „Seleçao“, der Nationalmannschaft Brasiliens, spricht man auch gerne von den Kickern vom Zuckerhut. Aber auch hier waren sie zu sehen, die Favelas, die scheinbar an den steilen Hängen regelrecht festkleben.

Die Favela ist ein Phänomen, kaum vergleichbar mit Slums in anderen Ländern. Zu Forschungszwecken besuchte ich sie regelmäßig, aber nur in Begleitung einer deutschen Ordensschwester, die dort Sozialprojekte betreute, denn es kann unter Umständen lebensgefährlich sein, eine Favela als Fremder zu betreten. Trotzdem habe ich bisher nirgendwo eine solche Lebensfreude, Gastfreundschaft und Offenheit gespürt wie hier. Jeder macht das Beste aus seiner Situation, wo der Staat nicht hilft, hilft man sich gegenseitig. Solidarität wird nicht gepredigt, sondern gelebt, gepaart mit einem unerschütterlichen Glauben an Gott.

Der Fußball als Steigbügelhalter für ein besseres Leben

Für viele Kinder in den Favelas ist der Fußball der einzige Weg, dem Elend zu entkommen, verbunden mit dem Traum, den Sprung über den Atlantik in eine der europäischen Top-Ligen zu schaffen. Brasilianische Spieler wie Kaka, die aus wohlhabenden Familien kommen, sind in der Seleçao die Ausnahme. Die Favelas des Landes brachten die großen Kicker Brasiliens hervor und werden es auch in Zukunft tun. Dies erklärt aber auch die Anpassungsprobleme, die viele brasilianische Spieler haben, wenn sie nach Europa wechseln. Klima, Sprache, Disziplin – dies alles gepaart mit mangelnder Bildung und plötzlichem Reichtum – für viele von ihnen unüberwindliche Hindernisse, die nicht selten das Übersee-Experiment nach einer Saison scheitern lassen, obwohl sie fußballerisch alles mitbringen. Selbst Nationalspieler haben es oft nicht geschafft, sich den völlig anderen Lebensumständen in Deutschland anzupassen. So scheiterten klangvolle Namen wie Carlos Alberto, Gustavo Nery, Wesley (alle Werder Bremen), Breno (Bayern München), Tinga (BVB), Caio (Eintracht Frankfurt), Luizao (Hertha BSC), Cris und França (Leverkusen) binnen weniger Monate und wurden für ihre Vereine zu Millionen-Flops.

Ohne Zweifel waren und sind es die brasilianischen Ballzauberer, die in der Bundesliga für die besonderen Momente sorgen. Der 1. FC Köln verpflichtete 1964 als erster deutscher Club einen Spieler aus Brasilien, den Stürmer JOSÉ ZÉZÉ. Der Legende nach kam er mit einem Bananendampfer nach Deutschland und schoss in der Vorbereitung gleich zwei Tore. In Köln träumte man schon vom neuen Pelé, fünf Spiele später – nach dem ersten Schneefall – flüchtete Zézé jedoch Hals über Kopf aus Deutschland. Der FC pochte auf die Einhaltung des Vertrages, aber ein spanischer Arzt attestierte Zézé eine Schneeallergie, so dass ihm aus medizinischen Gründen eine Fortführung der Karriere in Deutschland nicht zumutbar war.

Weiter geht’s mit JULIO CESAR, Verteidiger in den 90-ern bei Borussia Dortmund. Mister Zuverlässig auf und neben dem Platz, denn man konnte sich stets drauf verlassen, dass er die halbjährlichen Trainingsauftakte verpassen würde. Um Ausreden war er nie verlegen: Mal war es die Krankheit des bereits mehrfach verstorbenen Großvaters, mal musste der Geburtstag der Großmutter gefeiert werden.

TONI AILTON war da in einem Bild-Interview etwas offener: „Was ist eine Minute, was ist ein Tag? Die Leute kennen Ailton, Toni kommt immer zu spät. Außerdem war ich krank, hatte Fieber. Nix Pferde, Beach oder Party in Brasilien.“ Ausrede: Angebliche Ohrenschmerzen hatten ihn zwei Tage ans Bett gefesselt und seinen Flug verpassen lassen. Der Kugelblitz war immer für eine Überraschung gut. Während einer fußballerischen Krise bei Schalke 04 wurden alle Spieler dazu verdonnert, mit dem Fahrrad zum Training zu kommen. Das hielt Rodeo-Fan Ailton jedoch nicht davon ab, hoch zu Pferde auf dem Trainingsplatz zu erscheinen.

MARCELINHO, begnadeter Fußballer, weniger begnadeter Geschäftsmann und einstiges Sorgenkind von Hertha BSC Berlin, verpasste ebenfalls in aller Regelmäßigkeit den Trainingsauftakt. Das eine Mal war ein schlimmes Unwetter der Grund für die Verspätung, welches gleichzeitig das Handynetz lahmlegte und es somit nicht zuließ, dass Marcelinho sich beim Trainer abmelden konnte. In der Saison 2006/07 brachte der Spieler dann das Fass zum Überlaufen. Ganze acht Tage ließ er den Verein auf seine Rückkehr aus Brasilien warten. Seine Ausrede: „Die Fluggesellschaft Varig hat Konkurs angemeldet. Es gab Chaos am Flughafen, Polizei sperrte Straßen ab, wir kamen nicht durch.“ Der aus einer Favela im Norden Brasiliens stammende Marcelinho verspekulierte sich mit Immobilien, kaufte zu völlig überteuerten Preisen Discotheken in Berlin und war, obwohl Topverdiener bei Hertha BSC, regelmäßig gegen Monatssende zu Gast im Büro von Manager Hoeneß, um sich einen Vorschuss geben zu lassen.

RAFINHA, Außenverteidiger einst bei Schalke, heute bei Bayern München, brachte es da schon eher auf den Punkt: „40 Grad in Brasilien, minus 7 Grad in Gelsenkirchen. Das tut weh!“, … und rechtfertigt die aus Sicht eines Brasilianers selbstverständliche, eigenmächtige Verlängerung des Urlaubs.

Selbst GIOVANE ELBER, der vor dem Wechsel in die Bundesliga bereits in der Schweiz kickte, und auch dank seines schweizerisch-bayuwarischen Dialekts als deutschester unter den Brasilianern galt, erklärte: „Der Trainer weiß doch, dass es für Brasilianer normal ist, zu spät zu kommen.“

ALEX ALVES, leider inzwischen verstorbener, extrovertierter Kunstschütze von Hertha BSC Berlin, begründete seine ständigen Verspätungen beim Mannschaftstraining mit Problemen bei den Umstellungen von Sommer- auf Winterzeit und wieder zurück. Vollständigkeitshalber sei erwähnt, dass auch in Brasilien die Uhr umgestellt wird. Autofahrten unter Alkoholeinfluss, Auftritte im weißen Pelzmantel und divenhaftes Verhalten auf und neben dem Platz sorgten wie in seinem wahren Leben für einen verfrühten Abgang.

Mein absolutes Highlight der Ausreden stammt jedoch von einem Spieler der brasilianischen Liga, SOMÁLIA, von Botafogo Rio de Janeiro. Er verpasste den Trainingsauftakt und erklärte seinem Verein, er sei in der Nacht für wenige Stunden entführt worden. Scheinbar eine plausible Erklärung, nur überprüfte die Polizei dummerweise die Videokameras aus seinem Haus, um die vermeintlichen Täter zu überführen. Und statt einer Entführungsszene zeigten die Aufzeichnungen einen im Alkoholrausch taumelnden Spieler Somália, der in den frühen Morgenstunden das Haus verließ, um bei einer Polizeiwache seine frei erfundene Entführung anzuzeigen.

Ich fasse zusammen: Ist ein Brasilianer zu spät an, kommt er nicht zu spät an, sondern pünktlich. Wenn er nach deutschem Ermessen pünktlich wäre, wäre er zu früh an! Zu früh kommen ist aber unhöflich, und der Brasilianer ist höflich! Kommt ein Brasilianer also zu spät, kommt er so früh, wie ein Deutscher der pünktlich kommt. Kommt der Deutsche aber so spät wie der Brasilianer, ist er zu spät! Klingt komisch, ist aber so!

Bis zur nächsten Caipirinha!

[td_text_with_title custom_title=“Zur Person“]Foto Alexander Brittnacher-1Alexander Brittnacher, 35, geb. in Trier. Studium in Frankfurt/Main und Trier, Jurist mit Schwerpunkt Kriminologie, zwecks Praktikum und Forschungsaufenthalten lebte er insgesamt zwei Jahre in Brasilien. Er erforscht die Zusammenhänge zwischen sozialem Ungleichgewicht und Kriminalitätsentwicklung in Rio de Janeiro. Im Vorfeld der Weltmeisterschaft hat er den DFB als Brasilienexperte in Sicherheitsfragen beraten.[/td_text_with_title]

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