West-Trasse: Unheilige Allianz aus Politik und Geld?

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Über den Bahnübergang in der Aachener Straße donnert ein Güterzug mit zwei Lokomotiven. Die Bahnschranken sind ebenso in die Jahre gekommen wie das alte Gleisnetz am Westufer.

Bildquelle: Eric Thielen

TRIER. Die Deutsche Bahn AG plant aktuell keine Aufnahme der Trierer Westtrasse in ihr freiwilliges Lärmsanierungsprogramm analog zur Oststrecke. Das geht aus einer Antwort des Unternehmens auf eine lokalo-Anfrage hervor. Über die DB-Systemtechnik wird laut Bahn allerdings derzeit ein Lärmgutachten erstellt, das im Sommer vorliegen soll. Dann werde entschieden, ob für die Westtrasse Lärmschutzmaßnahmen nötig seien, teilte ein Bahnsprecher mit. Die fordern Anlieger und Anwohner jedoch unabhängig vom Gutachten. In den westlichen Stadtteilen wird befürchtet, dass sich der Güterverkehr nach Reaktivierung der Strecke für den Personenverkehr ausschließlich in die Nacht verlagert. Der Ausbau des Logistik-Zentrums im luxemburgischen Bettembourg könnte dafür ein Indiz sein.

Von Eric Thielen

Am alten Bahnhof in Trier-West wuchert das Unkraut. Der Kommandostand des Stellwerkes ist auf den ersten Blick nicht zu sehen. Keine Tür, nur ein eisernes, brusthohes Tor. Verschlossen. In der schmutzigen weißen Wand des unscheinbaren Häuschens sitzt auf zwei Metern Höhe ein Fenster. Einmal klopfen, noch einmal klopfen. Es scheppert am Glas. Um die Ecke lugt ein Kopf: „Ja, bitte?“

Der Mann im mittleren Alter schaut freundlich. Viel zu tun hat er gerade nicht. Es ist Mittagszeit, die Strecke ruhig. Ein Zug ist nicht angekündigt. „Ja“, sagt er, „ist nicht so schön grade.“ Verständnis habe er für die Leute schon, dass sie wütend sind wegen des Lärms. „Aber was will man machen? Die Züge müssen halt rollen.“ 24 Stunden ist das Stellwerk im Trierer Westen derzeit besetzt. „Wir arbeiten in Schicht“, sagt er. Weil in Ehrang gebaut wird, rollen die Güterzüge jetzt Tag und Nacht über die Weststrecke. Ob das so bleibt, wenn die Baustelle weg ist und die Trasse ab 2018 für den Personenverkehr reaktiviert sein wird? „Kann sein“, sagt er und zuckt mit den Achseln, „aber das weiß ich nicht.“

Die Anwohner in Trier-West/Pallien kämpfen nicht nur gegen den Bahnlärm, sondern auch gegen den Schwerlastverkehr in ihrem Stadtteil.
Die Anwohner in Trier-West/Pallien kämpfen nicht nur gegen den Bahnlärm, sondern auch gegen den Schwerlastverkehr in ihrem Stadtteil.

Die Befürworter begrüßen die Reaktivierung der Trasse uneingeschränkt. Sie melden sich zur Wort, verstreuen Argumente, werden nicht müde, die Vorzüge für Trier zu preisen. Die Kritiker gibt es auch. Sie sind meist stiller, weil sie hinter diesem Groß-Projekt eine unheilige Allianz zwischen Bahn-Lobby, hoher und niederer Politik und dem massiven Druck, der vom finanziellen Giganten Luxemburg ausgeht, vermuten. „Die Luxemburger investieren doch nicht aus Altruismus einen hohen Millionenbetrag in das deutsche Gleisnetz bei Igel“, sagt ein regionaler Politiker aus dem konservativen Lager.

Seinen Namen will er lieber nicht lesen. „Im Großherzogtum wird nur das gemacht, was den eigenen Interessen dient“, schiebt er noch nach. Die angesprochene luxemburgische Arroganz bricht hin und wieder auch bei Treffen von Vertretern aus der Region Trier und Kollegen von jenseits der Grenze durch. „Mit euch reden wir doch gar nicht“, heißt es dann kurz und knapp aus der luxemburgischen Delegation, „wenn, dann reden wir nur mit Mainz oder Berlin.“

Gespeist werden Arroganz und Überheblichkeit im Großherzogtum aus einer einfachen Tatsache: Legt man den durchschnittlichen Wirtschaftsfaktor aller EU-Staaten mit Ausnahme von Rumänen und Bulgarien zugrunde, so befinden sich die Saar-Lor-Lux-Regionen Trier, Saarland, Lothringen und die südliche Wallonie in Belgien bei 100 Prozent – plus minus weniger Prozentpunkte. Luxemburg hingegen liegt in diesem Vergleich bei 250 Prozent. „Von dort aus wird diktiert, was in der Region gemacht wird“, sagt der Konservative noch. Seit Jahren beschäftigt er sich mit dem Verhältnis zwischen der Region und dem Großherzogtum.

„Die Bahn macht Testläufe“

Für den Vorsitzenden der Bürgerinitiative Trier-West/Pallien, Dr. Eike Neumann-Overholthaus, ist die geplante Reaktivierung der Westtrasse nicht nur ein weiterer Beleg für den massiven Einfluss der Luxemburger, sondern auch für das Versagen der hiesigen Politik. „Ich befürchte“, sagt der ehemalige Oberarzt des Trierer Elisabeth-Krankenhauses, „dass die Bahn bei uns hier im Westen gerade Testläufe beim Güterverkehr durchführt.“ Neumann-Overholthaus kämpft aber nicht nur gegen den Bahnlärm, sondern auch gegen den weiter zunehmenden Schwerlastverkehr durch den Westen – nach Luxemburg.

Das linke Trierer Moselufer ist für das Staatsunternehmen Deutsche Bahn ebenso wie für die Speditionen auf der Straße Brachland. Andere sprechen von Versuchsland, vom offenen Raum. Während sich etwa im Rheintal der Widerstand gegen den Bahnlärm massiv verstärkt, bleibt der Trierer Westen vergleichsweise ruhig. Die Stadtteile jenseits von Römer- und Kaiser-Wilhelm-Brücke haben kaum politischen Einfluss, eine Lobby erst recht nicht. In keinem anderen Trierer Stadtteil war die Beteiligung an der letzten Kommunalwahl so gering wie in Trier-West/Pallien. Gerade einmal 31 Prozent der Menschen gingen zur Wahl. Ehrang-Quint liegt nur knapp darüber.

Der Trierer Politikwissenschaftler Professor Dr. Wolfgang H. Lorig war wegen seiner Kritik öffentlichen Anfeindungen ausgesetzt.
Der Trierer Politikwissenschaftler Professor Dr. Wolfgang H. Lorig war wegen seiner Kritik öffentlichen Anfeindungen ausgesetzt.

Der Trierer Politikwissenschaftler Professor Dr. Wolfgang H. Lorig spricht in diesem Zusammenhang von „schwachen Stadtteilen“ auf der linken Moselseite. Dort sind die Menschen mehr als anderswo politikverdrossen. Sie sind fatalistisch und resigniert – eine Null-Bock-Gesellschaft gerade bei der jüngeren Generation. Ein idealer Tummelplatz für Lobbyisten, die kaum Gegenwehr zu befürchten haben. Lorig ist einer der wenigen Kritiker, die sich aus der Anonymität trauen. Tut er das, schlägt das Westtrassen-Imperium jedoch umgehend zurück.

Der Politologe wird öffentlich diffamiert, weil er selbst in Euren wohnt. Dr. Thomas Geyer, der Direktor des Zweckverbandes Schienen-Personen-Nahverkehr Rheinland-Pfalz Nord (SPNV-Nord), droht gar, Lorig möge sich überlegen, wer sein Brötchengeber sei. Ein Trierer Online-Magazin, das sich sonst für seinen unabhängigen Journalismus rühmt, vermengt einen Leserbrief des Privatmannes Lorig mit dessen wissenschaftlicher Arbeit, um den Trierer Professor damit öffentlich zu diskreditieren. Dabei hat Lorig, der Mitglied im Verein Saar-Lor-Lux e.V. ist und sich seit Jahren intensiv mit den politischen Strukturen in der Großregion beschäftigt, nichts anderes getan, als auf die größeren Zusammenhänge über die Trierer Stadtgrenzen hinaus hinzuweisen.

Von 2018 an sollen Personenzüge vornehmlich Pendler aus der Region Wittlich durch den Trierer Westen befördern – nach Luxemburg. Das Land stellt für den Bau der Haltepunkte rund 20 Millionen Euro zur Verfügung. Die infrastrukturellen Maßnahmen jedoch bleiben in der städtischen Kasse hängen. Aufgefangen werden sollen die Kosten durch weitere Landeszuschüsse. Auch die Pendler aus Trier sollen trotz deutlich höherer Ticketpreise im Vergleich zum gut ausgebauten Busnetz nach Luxemburg von der neuen Verbindung profitieren.

Gigantisches Logistik-Zentrum in Bettembourg

Das ist die eine Seite, die von den Befürwortern als deutliche Stärkung des regionalen ÖPNVs gepriesen wird. Damit jedoch wird die Trasse durch die Wohngebiete im Trierer Westen als Strecke für den Zugverkehr endgültig zementiert. Die andere Seite liegt jenseits der Grenze und entzieht sich dem Trierer Blick. Im luxemburgischen Bettembourg wird das Logistikzentrum der CFL Multimodal bis Ende 2015 von zwei auf vier Gleise ausgebaut und die Gesamtkapazität von derzeit 105.000 Container auf 300.000 Container erweitert.

Die führende deutsche Fachzeitung für Transport- und Logistikindustrie, die DVZ aus Hamburg, schreibt dazu am 4. November 2013: „Bis Ende 2015 soll ein neues Terminal mit vier Gleisen á 700 Meter Länge entstehen. Es erhält zwei Kranbrücken. Sie bedienen die Gleise sowie einen Teil der Abstellflächen. Die Kapazität beträgt jährlich bis zu 300.000 Container. Zudem sind zwei je 700 Meter lange Gleise für die Rollende Landstraße mit einer Kapazität von ebenfalls 300.000 Einheiten pro Jahr geplant. Die Erdarbeiten für die Terminalerweiterung starten noch in diesem Jahr. Darüber hinaus erhält das neue Zentrallager zwei Gleisanschlüsse für konventionelle Waggons. Der Lagerkomplex wird in einen Logistikpark integriert, in dem sich weitere Unternehmen ansiedeln können.“

In der Antwort der Deutschen Bahn auf die lokalo-Anfrage heißt es dazu: „Dieser intermodale Logistikstandort dient als paneuropäischer Hub vor allem den Seehafen-Hinterlandverkehren mit den großen Ost- und Nordseehäfen. (…) Über die Weststrecke wird bereits heute schon vereinzelt Schienengüterverkehr durchgeführt.“ Die Kapazitätserhöhung des Terminals in Luxemburg werde aber „voraussichtlich nicht zu einer überdurchschnittlichen Belastung der Weststrecke führen, weil die Unternehmen planen, diese Erhöhung der Transportmenge durch Produktivitätsmaßnahmen aufzufangen“.

„Voraussichtlich“ – das heißt: Die Deutsche Bahn AG hält sich alle Optionen offen. Auch wenn im Zuge der Reaktivierung der Weststrecke derzeit noch keine Umrüstung des Stellwerkes in Trier-West auf elektronischen Betrieb (ESTW) geplant ist, sei „aber grundsätzlich die Frage nach Art der Bedienung einer Stecke völlig unabhängig von der Möglichkeit, Zugfahrten durchführen zu können“, so die Bahn. Sowohl bei einer Bedienung der Strecke durch ortsansässige Fahrdienstleiter als auch mittels ESTW könne ein Betriebsprogramm auch nachts abgewickelt werden. Es müssten nur die Stellwerke entsprechend besetzt werden. „Die Frage wäre daher, ob das Land als Besteller des Nahverkehrs auch nachts eine Durchführung von Zugfahrten wünscht. Nach unseren Informationen ist dies jedoch seitens des Landes Rheinland-Pfalz nicht gefordert“, teilt ein Bahnsprecher mit.

Barley hofft auf „Licht am Ende des Tunnels“

Ein Container-Zug mit zwei Loks zieht nach Pallien vorbei in Richtung Luxemburg.
Ein Container-Zug mit zwei Loks zieht an Pallien vorbei in Richtung Luxemburg.

Damit schiebt die Bahn dem Land die Verantwortung zu. Gegnern und Kritikern wie Neumann-Overholthaus genügt das aber keineswegs. Sie fordern von der Bahn aktive Lärmschutzmaßnahmen am linken Moselufer, um allen Eventualitäten vorzubeugen. Die lehnt die Bahn als freiwillige Leistung jedoch ab. Eine juristische Auseinandersetzung scheint daher kaum noch vermeidbar. Mitte Juni haben die Gegner um Neumann-Overholthaus einen Termin in Saarbrücken – bei einem promovierten und habilitierten Anwalt für Verwaltungsrecht.

Dass dabei durchaus mehrere dicke Bretter zu bohren sind, will man die Bahn zu Lärmschutzmaßnahmen zwingen, geht auch aus einer E-Mail der SPD-Bundestagsabgeordneten Dr. Katarina Barley hervor. In dem Schreiben, das lokalo vorliegt, heißt es: „Die Bahn hat sich gegenüber dem Ansinnen von nächtlichen innerörtlichen Geschwindigkeitsbeschränkungen mit dem Ziel der Lärmminderung immer widersetzt – auch dort, wo eine der euren vergleichbare Situation nicht die Ausnahme, sondern die Regel ist, wie im Mittelrheintal.“ Gerichtet ist das Schreiben an Barleys Parteifreunde in Trier-West/Pallien.

Barley schreibt auch, dass „im Mittelrheintal derzeit Lärmschutzmaßnahmen erprobt werden, die sich für enge Täler besonders eignen“. Die SPD-Bundestagsfraktion arbeite daran, „diese so bald wie möglich auch für das Moseltal nutzbar zu machen“. Im Koalitionsvertrag sei die deutschlandweite Halbierung des Schienenlärms bis 2020 vereinbart. „Ich hoffe“, schreibt die Sozialdemokratin ferner, „dass alle Maßnahmen dazu führen, dem Ziel, die Belastung der betroffenen Anwohner zu verringern, näher zu kommen“. Auf „das Licht am Ende des Tunnels“, wie Barley sagt, hoffen auch Neumann-Overholthaus und seine Mitstreiter – bislang allerdings vergeblich. (et)

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6 KOMMENTARE

  1. Ich denke, dass sich das Problem mit einem wirksamen Lärmschutz erledigt. Die Anlieger sollten klagen und damit ein Grundsatzurteil erwirken, damit sie damit abgesichert sind. Eine gute Rechtsschutzversicherung zahlt die Gebühren doch. Danach kann sich die Stadt anschließen und die Bahn ist gezwungen tätig zu werden.

  2. Liebe/r P.Schuh,

    haben Sie den Artikel auch richtig gelesen? Hier geht’s nicht ausschließlich um ein Bahnproblem, das man mit einem Lärmschutz abhakt. Es ist das Zusammenspiel von mehreren Faktoren, von denen die Bahn derzeit das größte Übel darstellt, direkt nach der großen Arroganz und Ignoranz der Verantwortlichen der Stadt Trier. Und „die Anlieger sollen klagen“ ist auch nicht ganz einfach. Das kostet Geld, und noch viel mehr Zeit und einen langen Atem. Ihre Aussage hört sich für prima an nach „Toll, ein anderer macht’s“.
    „Die Schuhs sollten mal hier wohnen, dann kommt das ganze mal in Fahrt“ wäre auch eine schöne Aussage – damit drehen wir den Spieß mal um. Dann bekommen Sie auch endlich ein Gefühl dafür, wie ’schnell‘ sich Dinge im Westen der Stadt erledigen.

    Just my two cents.

  3. @Palliener
    Ich glaube, dass Sie mich falsch verstanden haben. Ich meinte nur, dass Lärmschutz doch ein erster wichtiger Schritt wäre. Wenn die Bahn das nicht von sich aus machen will (warum auch immer), dann bleibt nur der Weg zum Gericht. Dann hätte man doch ein erstes Loch in die Mauer geschlagen, welches dann vielleicht auch größer wird.
    Ich glaube nicht, dass die Stadt die Bahn „zwingen“ kann, das kann man sicher nur, wenn man sich zusammen schließt.

  4. Mir wird angst und bange. wenn ich das Foto von den Schranken sehe! Was soll denn das geben, wenn der Bahnübergang mal alle Paar Minuten zu ist?? Dann ersticken wir in den Abgasen, wenn die LKWs und PKWs vor den Schranken stehen.
    Ich empfinde es als Skandal, daß alle so tun wie wenn alle hier spinnen würden und sich künstlich über den Lärm und die Vergiftung der Menschen aufregen würden. Was ist dann mit dem/den Bahnübergängen, was wird dann gemacht,wo sind die Antworten?!?

  5. Der TV berichtet plötzlich auch von ‚den Sorgen der Anwohner‘ und Bettemburg. Die haben scheinbar auch gemerkt wo der Wind herweht 😉

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