Auf eine Caipi mit Alexander Brittnacher – Die lokalo-WM-Kolumne

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Bildquelle: wikipedia commons

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#1 Bem Vindo ao Jogo Bonito – Willkommen zum schönen Spiel

16. Juli 1950, Estádio do Maracanã in Rio de Janeiro/Brasilien. Vor knapp 200 000 Menschen findet das entscheidende Spiel der Fußball Weltmeisterschaft zwischen Brasilien und dem Weltmeister von 1930, Uruguay statt. In der 79. Minuten bringt der Uruguayer Alcides Ghiggia mit seinem entscheidenden Tor zum 2:1 die Menschenmassen zum Schweigen und stürzt ein ganzes Land in tiefe Depressionen. Vier Menschen lassen bei diesem Spiel ihr Leben: Drei Fans sterben am Herzinfarkt, ein Vierter stürzt sich nach dem Abpfiff vor lauter Trauer von der Tribüne in den Freitod.

In einem Interview im Fußball Magazin „11 Freunde“ sagte der Siegtorschütze letztes Jahr rückblickend auf das Spiel: „Nur drei Menschen haben das Maracanã bisher zum Schweigen gebracht: Der Papst, Frank Sinatra und ich.“ Der Traum der Weltmeisterschaft im eigenen Land wurde für Brasilien zum Alptraum, der bis heute nicht verarbeitet wurde. 64 Jahre später hat die „Seleção“ nun die Chance, die unendliche Schmach vergessen zu machen, bei der „Copa do Mundo“ im eigenen Land.

Das generalüberholte Maracanã Stadion.
Das generalüberholte Maracanã Stadion.

2011 wohnte ich für sechs Monate im Künstlerviertel Santa Teresa auf einem Hügel mitten im Herzen der Cidade Maravilhosa, der „Wunderbaren Stadt“, wie die Cariocas, die Einwohner Rios, ihre Stadt liebevoll nennen. Dienstag früh um 10 Uhr durfte ich mit den dort wohnhaften Musikern, Malern und Lebenskünstlern zum allwöchentlichen Fußballspiel antreten. Ich war tatsächlich der jüngste und schlankste aller Spieler und dachte, es wird ein Leichtes für mich hier mitzuhalten. Dies stellte sich schnell als Fehler heraus. Läuferich war ich vielleicht überlegen, musste ich aber auch, denn mir blieb nichts anderes übrig, als dem Ball hinterher zu hecheln. Trotz fortgeschrittenen Alters und zunehmenden Bäuchen – scheinbar werden die Brasilianer mit dem Ball am Fuß geboren. Nur im Tor konnte ich überzeugen und bekam schnell den Spitznamen „O Gato“. Nein, liebe des Französischen mächtige Leser, das hat nichts mit dem „gateau“ (Kuchen) zu tun, sondern mit der Katze! Was man nicht in den Füßen hat, muss man eben in den Händen haben! Aber ehrlich gesagt gilt in Brasilien das Gleiche wie früher im Sportunterricht: Der Schlechteste muss ins Tor. Da tröstet der Titel „O Gato“ nicht wirklich…

Fussball bedeutet in Brasilien alles.

Die Bedeutung des Fußballs für die Brasilianer ist nicht schwer zu verstehen: Er bedeutet ihnen alles! Er verbindet die Menschen aller Schichten, er bestimmt die Schlagzeilen in den Medien, er dient als Diskussionsgrundlage an den Café- und Saftbars entlang der großen Geschäftsstraßen und Strandpromenaden und man hat das Gefühl, dass die Brasilianer keine anderen Probleme hätten, als dem anstehenden Lokalderby zwischen Flamengo und Fluminense Rio de Janeiro entgegen zu fiebern!

Obwohl in allen gesellschaftlichen Schichten Fußball gespielt wurde, waren der Profifußball und die brasilianische Nationalmannschaft „Seleção“ Jahrzehnte ausschließlich der weißen Elite vorbehalten. Für den Fußball galt das, was für die gesamte brasilianische Gesellschaft galt: Er war rassistisch, elitär geprägt und somit ausschließlich der Ober- und Mittelschicht vorbehalten.

Sinnbildlich hierfür stand Arthur Friedenreich, der Sohn eines deutschen Einwanderers und einer schwarzen Wäscherin. Obwohl er Mulatte war, durfte er aufgrund seiner teilweise deutschen Wurzeln und seiner deutschen Sprachfähigkeit 1914 als Spieler der Seleção auflaufen. Vor den Spielen musste er sich jedoch sein gekräuseltes Haar glätten und rieb sich Arme und Beine mit Reismehl ein.

Arthur Friedenreich - der erste farbige Nationalspieler Brasiliens.
Arthur Friedenreich – der erste farbige Nationalspieler Brasiliens.

Erst 1918 wurden nach Protesten schwarze Fußballer im Ligabetrieb zugelassen, aber sie galten auf dem Platz nach wie vor als vogelfrei. An dieser rassistischen Praxis hielten viele der großen brasilianischen Vereinsmannschaften bis zum Beginn der 1950er-Jahre fest. Erst mit dem ersten WM-Titel Brasiliens 1958 in Schweden verschwand das Bild des „minderwertigen Schwarzen“ langsam aus dem brasilianischen Fußball. Ein Grund dafür: Am Gewinn der WM hatte der damals 17-jährige Edson Arantes do Nascimento, besser bekannt als „Pelé“, großen Anteil.
Die arme und zumeist schwarze Bevölkerungsschicht musste lange darum kämpfen, den Fußball auch für sich gewinnen zu könne. Nun steht die Weltmeisterschaft im eigenen Land vor der Tür und die Mieten explodieren, die Preise im öffentlichen Nahverkehr steigen fast monatlich, die Inflation gerät außer Kontrolle. Kaum ein Brasilianer, der nicht der kleinen Mittel- oder Oberschicht angehört, wird es sich leisten können, ein Spiel im eigenen Land live mitzuerleben. Mehr als 50 Jahre nachdem sie es geschafft haben, den Fußball dem ganzen Volk zugänglich zu machen, drohen Misswirtschaft, Korruption und Vetternwirtschaft den Fußball erneut zu einem elitären Ereignis werden zu lassen.
Derzeit spielen ca. 5 000 brasilianische Profis in Ligen in der ganzen Welt. Jedes Jahr wechseln ca. 1 000 Spieler vom Zuckerhut in aller Herren Länder, um dort ihr Geld zu verdienen. Klänge es nicht so sehr nach Menschenhandel, könnte man tatsächlich von dem Exportartikel „brasilianischer Fußballer“ sprechen. Aber es ist auch der große Traum und die kleine Chance vieler Jugendlicher in den Favelas des Landes: Entweder als Model oder Fußballprofi viel Geld in Europa zu verdienen. Wer kann es ihnen verdenken, haben sie doch sonst kaum Chancen dem Elendskreislauf zwischen Armut, Perspektivlosigkeit und Stigmatisierung zu entkommen.

Kugelblitz Ailton - hier schon im Trikot des MSV Dusiburg.
Kugelblitz Ailton – hier schon im Trikot des MSV Dusiburg.

Gerne erinnere ich mich an meinen ersten Aufenthalt 2002/2003 in Brasilien als Praktikant der Konrad-Adenauer-Stiftung in Rio de Janeiro. Mein damaliger Chef nahm mich mit zu einem Abendessen mit dem brasilianischen Außenminister und dem stellvertretenden Verteidigungsminister. Tagelang machte ich mir Gedanken, worüber man zu Tisch wohl sprechen wird und was ich als Student, der gerade in Brasilien ankam, überhaupt geistreiches zu einem Gespräch beitragen kann! Es dauerte genau eine Caipirinha und zehn Minuten, da war das Thema des Abends klar: Der Fußball! Ich glänzte mit meinem Wissen über Brasilianer wie Zé Roberto, Giovane Élber, Emerson, Lúcio, Juan, Marcelinho usw., die den Sprung in die Bundesliga geschafft haben und die deutschen Fans mit Ihren Zauberfüßen begeisterten. Nur einen kannten sie nicht: „Kleines dickes“ Ailton, bei Werder Bremen „Kugelblitz“ genannt. Den hätten sie in Brasilien wahrscheinlich auch nur ins Tor gestellt…

[td_text_with_title custom_title=“Zur Person“]Foto Alexander Brittnacher-1Alexander Brittnacher, 35, geb. in Trier. Studium in Frankfurt/Main und Trier, Jurist mit Schwerpunkt Kriminologie, zwecks Praktikum und Forschungsaufenthalten lebte er insgesamt zwei Jahre in Brasilien. Er erforscht die Zusammenhänge zwischen sozialem Ungleichgewicht und Kriminalitätsentwicklung in Rio de Janeiro. Im Vorfeld der Weltmeisterschaft hat er den DFB als Brasilienexperte in Sicherheitsfragen beraten.[/td_text_with_title]

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