Auf den Spuren der Großtanten

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Auch kleine Gesten sind wichtig.

Bildquelle: Eifel Literatur Festival, EIfel Literatur Festival

Fernsehmoderatorin und Autorin Anne Gesthuysen liest im Dauner Forum

DAUN. Die Erfolgsgeschichte des Eifel-Literatur-Festivals geht weiter. Auch die fünfte Veranstaltung im Jahr 2014 mit der Moderatorin des ARD-Morgenmagazins, Anne Gesthuysen, war ausverkauft. Im Forum Daun lauschten rund 500 Zuhörer am Dienstag der sympathischen Fernseh-Lady bei der Lesung aus ihrem Bestseller „Wir sind doch Schwestern“.

„Meine drei Großtanten haben es verdient, dass der Saal so voll ist“, lacht Anne Gesthuysen, nachdem sie Platz auf der Bühne genommen hat. Die Tatsache entschädigt dann auch dafür, sie quasi gezwungen worden sei, in Daun zu lesen, wie sie lächelnd erzählte. Und ihre geografischen Kenntnisse konnte sie gleich mit erweitern, denn obwohl sie in Köln lebt, sei sie noch nie in der Eifel gewesen: „Asche auf mein Haupt.“

Umso besser kennt die Autorin natürlich den Schauplatz ihres Buches, den Tellemanns-Hof in der Nähe von Xanten, auf dem sie sich selbst als Kind sehr gerne aufhielt. „Denn da war immer was los“, erklärt sie. Dort lebten auch ihre drei Großtanten – Gertrud, Paula und Katty – die Hauptpersonen des Buches, das zurzeit auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste steht und 200 000 Mal verkauft wurde, wie Dr. Josef Zierden, der Gründer und Organisator des Eifel-Literaturfestivals den Besuchern verkündete. Auch die UFA plant eine Verfilmung des Buches.

Anne GesthuysenGertrud war die Ältere. 1894 geboren, Lehrerin, hochgebildet und sehr streng. „Wir Kinder hatten Angst vor ihr“, erzählt Gesthuysen. Paula, die Mittlere, kam 1896 zur Welt und hatte ebenso studiert. Nur Nesthäkchen Katty musste auf ein Studium verzichten, denn für sie war kein Geld mehr da. „Katty war meine Lieblingstante“, gestand die Moderatorin. „Sie wurde überall eingeladen und blieb bis morgens um fünf.“ Die Lebensgeschichte der drei Schwestern, die drei Jahrhunderte umfasst, sind im Buch „Wir sind doch Schwestern“ von Anne Gesthuysen locker leicht beschrieben – mit allen Schicksalsschlägen, Krisen und zwei Kriegen. Es beginnt mit der Vorbereitung zu Gertruds 100. Geburtstag am 8. Mai 1994. Katty, damals 84 Jahre alt, ließ es sich nicht nehmen, den Geburtstag zu organisieren.

Beim Aufräumen ihres Zimmers, das sie von nun an Gertrud überlassen wollte, damit sie nicht mehr die Treppe erklimmen musste, um zu ihrem Zimmer zu gelangen, fand Katty im Schrank einen Aktenordner. Sie hätte ihn schon vor Jahren verbrennen sollen, hatte ihn aber total vergessen. Der Ordner existiert immer noch, denn Anne Gesthuysen greift in ihre Tasche und präsentiert ihn dem Dauner Publikum. „Das ist natürlich nicht mehr das Original, das befindet sich im Haus der Geschichte in Bonn“, erklärt die Autorin. Der Ordner beinhaltet die Gerichtsakten der Scheidung eines angesehen CDU-Politikers, Heinrich Hegmann, bei dem Katty als Assistentin beschäftigt war. Gesthuysen deckt damit rückblickend die Geschichte auf, die sich um Großtante Katty und Hegmann rankten. An der Scheidung soll Katty nicht unbeteiligt gewesen sein, denn die Ehefrau unterstellte den beiden ein Verhältnis, was nach den Erzählungen Gesthuysens durchaus vorstellbar war, doch bestätigen kann auch sie es nicht.

Auch nach dem Krieg legt sich Katty, sozusagen als PR-Managerin, weiterhin für Hegmann ins Zeug, der von den Alliierten zum Landtagsabgeordneten in NRW ernannt wurde. Sie schafft es sogar einen Besuch des damaligen Landwirtschaftsministers Heinrich Lübke auf dem Tellemanns-Hof zu organisieren. Auch die Geschichte um Gertrud hat mit Hegmann zu tun, denn sie verlobte sich mit seinem jüngeren Bruder, der aber als Pilot im Ersten Weltkrieg abgeschossen wird. Sie hatte nie geheiratet, während Paula lange Jahre mit einem Mann verheiratet war, der, wie sich später herausstellte, schwul war. Obwohl Paula zunächst alles vertuschen wollte und bei ihm blieb, wurde die Ehe später geschieden, nachdem ihr Mann aufgrund seiner Neigung verhaftet wurde.

Die beiden älteren Schwestern starben jeweils kurz vor ihrem 105. Geburtstag, während Katty „nur“ 90 Jahre alt wurde.  Trotz tragischer Momente im Leben der Schwestern las und erzählte Anne Gesthuysen entspannt und mit Humor die Familiengeschichte ihrer Großtanten mütterlicherseits, die sie liebevoll die „Golden Girls vom Niederrhein“ nennt. Und schließlich entlockte Zierden ihr noch, dass sie an einem zweiten Buch arbeitet. „Das dauert aber noch, ich bin erst auf Seite neun“, lacht Gesthuysen.


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1 KOMMENTAR

  1. Ich bin 87 Jahre alt und habe viel in meinem leben gelesen, kann mich aber nicht erinnern , ein Buch 2mal gelesen zu haben, anders das Buch Wir sind doch Schwestern, beide Male mit großer Begeisterung. Jetzt hoffe ich auf eine baldige Verfilmung im Fernsehen.
    Gerda Greving

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