Eine alte Geschichte mit einem neuen Ende

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In der Unterwelt dürfen sich Orpheus (Kristina Stanek, rechts) und Eurydike Evelyn Czesla noch einmal wiedersehen.

Bildquelle: Theater Trier

TRIER. Zur letzten Premiere in der Sparte Musiktheater lud das Trierer Haus und hatte Orpheus und Eurydike in italienischer Sprache auf den Spielplan gesetzt. Am Ende gab es stehende Ovationen für eine durch und durch überzeugende Leistung.

Die Geschichte ist uralt. Eine ganze Reihe von Schriftstellern, angefangen bei Ovid, über Pausanias bis hin zu Hyginus haben von Orpheus und Eurydike erzählt. Dieser thrakische Sänger, der mit seiner Musik sogar die Götter bezirzen konnte. Seine Frau stirbt an einem Schlangenbiss und muss in die Unterwelt, ins Reich der Toten. Orpheus trauert und klagt so herzzereißen, dass Amor gerührt ist. Ihm wird erlaubt, die Unterwelt zu betreten und Eurydike ins Leben zurück zu holen. Aber er darf sie nicht anschauen, solange sie noch in der Unterwelt sind. Eurydike, die von dieser Bedingung nichts weiß, missversteht Orpheus‘ verhalten und glaubt, er liebe sie nicht mehr. Mit einer List bringt sie ihn dazu, sie doch anzusehen und stirbt ein zweites Mal. Doch die Liebe und Treue des Paares rührt die Götter ein zweites Mal und sie dürfen beide ins Leben zurück. Christoph Willibald Gluck verwandelte diese Geschichte auf der Basis des Textes von Raniero da Calzabigi zu einer Oper in drei Akten. Der Erfolg der Uraufführung 1762 in Wien war eher bescheiden, weshalb Gluck sein Werk umarbeitete. Die Fassung von 1774 für Paris brachte den Durchbruch. Eine der Änderungen war, dass Gluck die Titelrolle, die im Original nach dem Brauch der Opera seria für einen Altkastraten geschrieben war, für einen Tenor einrichtete. Erst der französische Komponist Hector Berlioz schuf eine Fassung für eine weibliche Altstimme.

Orpheus am Frühstückstisch

Vor einem sehr schlichten Bühnenbild (Manfred Gruber) inszenierte Birgit Scherzer zusammen mit Dramaturg Peter Larsen diese Liebesgeschichte im Trierer Stadttheater und feierte einen umjubelten Erfolg. Zurecht? Die Antwort kann nur ja lauten. Auch wenn oder gerade weil Scherzer der Geschichte ein überraschendes Ende gibt. Am Anfang ist alles ein wenig verwirrend. Was soll das, fragt man sich.

Am Frühstückstisch beginnt Kristina Stanek in Trier die Geschichte von Orpheus.
Am Frühstückstisch beginnt Kristina Stanek in Trier die Geschichte von Orpheus.

Ein Orpheus (Kristina Stanek), der im Pyjama offensichtlich am Frühstückstisch sitzt und zwei gekochte Eier vor sich hat. Von hier aus entwickelt sich das Drama. Orpheus geht, begleitet vom weißen Schatten der Hoffnung (René Klötzer) und von der Erinnerung (Susanne Wessel) hinab in den Hades. Ermuntert zu diesem Schritt wird er von Amor (Joana Caspar). Er trifft auf die Hirten, die Furien und die Höllengeister (Opernchor und Tanztheater), die ihm den Weg schwer machen wollen. Orpheus schafft es aber, sich den Weg zu bahnen und vorzudringen bis zu seiner geliebten Frau (Evelyn Czesla), die vom Bühnenhimmel zu ihm herabschwebt. Die Geschichte nimmt ihren bekannten Lauf und Eurydike stirbt ein zweites Mal. Und hier kommt die Überraschung. In Trier wird sie nicht ein zweites Mal auferweckt. Am Ende sitzt Orpheus wieder an seinem Frühstückstisch und erwacht aus einem Traum.

Nichts ist real. Nicht ist tatsächlich. Es ist die Erinnerung, die in ihm lebte, die seine Eurydike auferstehen ließ. Scherzer nimmt der alten Geschichte auf diese Art das Happyend, das es im realen Leben nicht geben kann und jeder, der schon einen geliebten Menschen verloren hat, kann sich fragen, ob es ihm nicht genauso ergangen ist. Dass er, ganz aus Gewohnheit, den Frühstückstisch für zwei gedeckt hat, obwohl er alleine ist. Der Schmerz über den Verlust, über das Verlassen sein. Ganz egal, ob der geliebte Mensch gestorben ist oder ob eine Trennung der Grund ist. Die Wut, die Orpheus in Trier an den Frühstückseiern auslässt, die über die Bühne fliegen. Und so bekommt das Geschehen doch noch etwas Reales.

Traumhaft und phantastisch

Und auch musikalisch war der Abend ein großer Erfolg. Stanek und Czesla wurden ihren Rollen in nahezu allen Belangen gerecht und gestalteten sie sehr überzeugend. Ein wenig mehr Leichtigkeit hätte Caspar ihrer Rolle als Amor geben können. Beim Opernchor (Einstudierung Angela Händel) hätte man sich ein wenig mehr Präzision gewünscht. Er stolperte sich manchmal in seine Einsätze. Beeindruckend setzte Scherzer die Mitglieder des Tanztheaters ein, die eine wirklich „traumhafte“ und „phantastische“ Szenerie schufen. Und auch die Kostüme von Alexandra Bentele trugen zu diesem Eindruck bei, mit Ausnahme des Amorkostüms, das mit seinem Pfeil, der aus Rücken und Brust von Caspar ragte, ein wenig kitschig wirkte.

Eine große Überraschung hielten Victor Puhl und das Philharmonische Orchester der Stadt Trier für die Besucher bereit. Schon im Vorfeld hatte Puhl gesagt, dass er und seine Musiker intensiv daran arbeiten, ein authentisches spätbarockes Klangbild zu erarbeiten. Dies ist mit modernem Instrumentarium keine leichte Aufgabe und doch ist es bei dieser Oper sehr überzeugend gelungen. Rank und schlank kam die Glucksche Musik aus dem Orchestergraben. Kein breiter Opernton, wie man ihn gewohnt ist. Kein Zuckerguss über dem berühmten Reigen der seligen Geister, mit dem der Komponist oftmals in den Bereich der tiefsten Romantik gezerrt wird. Die Leistung überzeugte auf ganzer Linie.

Am Ende gab es stehenden Applaus für eine Aufführung, die einen alten Stoff aus dem Surrealen in ein normales Leben geholt hat. Bemerkenswert und bedenkenswert.

 

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