Drohungen gegen Trierer Professor

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War wegen seiner Forschungen zur Trierer Westtrasse massiven Anfeindungen ausgesetzt: der Trierer Politikwissenschaftler Dr. Wolfgang H. Lorig.

Bildquelle: Eric Thielen

TRIER. Der Trierer Politikwissenschaftler Professor Dr. Wolfgang H. Lorig ist  wegen seiner Forschung zur Reaktivierung der Westtrasse für den Personenverkehr massiven Anfeindungen ausgesetzt gewesen. In einem Brief vom 11. Februar 2014 unterstellt der Direktor des Zweckverbandes Schienen-Personen-Nahverkehr Rheinland-Pfalz Nord (SPNV-Nord), Dr. Thomas Geyer, dem Wissenschaftler der Universität Trier „politische oder am Ende gar private Interessen“. Das Schreiben, das auch an Oberbürgermeister Klaus Jensen (SPD) und Innenminister Roger Lewentz (SPD) ging, liegt lokalo in Kopie vor. Unterschwellig wird Lorig darin nahegelegt, daran zu denken, wer sein „Brötchengeber“ sei.

Von Eric Thielen

„Alles in Allem liegt der Eindruck nahe, dass hier politische oder am Ende gar private Interessen das zentrale Motiv für diese Aktion sind. Es ist zumindest nicht erkennbar, wo hier ein ernst zu nehmendes wissenschaftliches Interesse besteht. Dass hierfür öffentliche Ressourcen einer wissenschaftlichen Hochschule genutzt werden, finde ich schon bemerkenswert, zumal das Vorhaben der SPNV-Reaktivierung ausdrücklich von unserer Landesregierung unterstützt wird, im Übrigen die Regierung des Landes, das auch Ihr ‚Brötchengeber‘ ist“, schreibt Geyer an Lorig.

Eine Abschrift des Briefes ging an den Trierer Oberbürgermeister Klaus Jensen, eine zweite Abschrift an das Mainzer Innenministerium. Doch weder Jensen noch Innenminister Lewentz, beide SPD, haben sich bislang vom Schreiben Geyers und dessen Kritik an den studentischen Vorstudien zu einer umfangreichen, bundesweit angelegten Studie „Bürgerbeteiligung in schwachen Stadtteilen“ distanziert. „Bisher hat kein Kritiker das direkte Gespräch mit uns gesucht. Wir hätten uns aber über eine öffentliche Diskussion in der Universität sehr gefreut“, betont Professor Lorig gegenüber lokalo.

Die von Geyer in seinem Schreiben erwähnte „Aktion“ war eine Online-Befragung der studentischen Projektgruppe des Faches Politikwissenschaft der Uni Trier zur Reaktivierung der Trierer Westtrasse für den Personenverkehr. Parallel zu Interviews, etwa mit der Industrie- und Handelskammer, dem Einzelhandelsverband und der Handwerkskammer, sowie Einzelbefragungen, die in den Trierer Stadtteilen durchgeführt wurden, hatten Studenten des Fachbereichs III eine Online-Befragung entworfen. „Allerdings nur als Pretest, das heißt Vorstudie“, sagt Lorigs Mitarbeiter Stefan Henn. Zu keinem Zeitpunkt habe man damit einen repräsentativen Anspruch erhoben. „Die Schwachpunkte der Online-Befragung waren uns durchaus bewusst“, so Henn. Darauf habe Lorig die Studenten auch deutlich hingewiesen.

Doch Lorig, Henn und die Studierenden hatten offensichtlich in ein Wespennest gestochen, das ihnen ohne Vorwarnung um die Ohren flog. „Mit solchen Reaktionen hatte ich nicht gerechnet“, so Lorig. Auf einem Trierer Online-Portal wurde ein Leserbrief des Privatmannes Lorig „unseriös und in schlechtem Stil“, wie er sagt, mit der Online-Befragung seiner Studenten vermischt. „Auswärtige Wissenschaftler meinten dazu auf einer Tagung am 7. Februar in Saarbrücken, hier gehe es nicht mehr um Sachfragen, sondern um die Diskurshoheit.“ Treffen von Lorig mit Vertretern aus der hiesigen Wirtschaft und Politik, die von sich aus unter anderem eine einseitige Informationspolitik und mangelhafte Transparenz beklagten, sollen den Charakter von geheimen Zusammenkünften gehabt haben.

„Wir hatten da wohl einen empfindlichen politischen Nerv getroffen“, sagt Lorig heute. Ihm, seinen Mitarbeitern und den Studenten aber persönliche oder gar private Motive zu unterstellen, ist für den Wissenschaftler absurd. Lorig selbst ist für die CDU-Fraktion Sachverständiger in der Enquetekommission des Landtages von Rheinland-Pfalz, die sich mit der Verbesserung von Bürgerbeteiligung an politischen Entscheidungsprozessen beschäftigt. Er ist in Trier-West aufgewachsen, wohnt in Euren, was ihn tatsächlich zu einem unmittelbar Betroffenen macht, und war Stadtrat in Trier für die Höhenstadtteile.

Lorigs Mitarbeiter Henn, der die Vorstudie federführend betreut hatte, wohnt in Schweich und sitzt für die Sozialdemokraten im dortigen Stadtrat. „Und dann haben wir hier noch, wie man sich beim Fach Politik denken kann, viele kritische Studentinnen und Studenten, die die unterschiedlichsten Politikorientierungen haben“, so Lorig. „Wo, bitte“, fragt der Wissenschaftler, „soll da die angeblich gemeinsame politische Motivation herrühren?“

Der Aufklärung und transparenten Forschung verpflichtet

Was sie alle eint, ist das Interesse, komplexe politische Entscheidungsprozesse auf lokaler Ebene hinsichtlich Transparenz, Nachhaltigkeit und Bürgerbeteiligung zu erforschen. „Es geht dabei nicht um ein Ja oder Nein zur Westtrasse“, betont Lorig, „es geht um das Wie.“ In der Enquete-Kommission des Landes werde ständig und nachdrücklich eine stärkere Bürgerbeteiligung an solchen politischen Entscheidungen gefordert. „Doch das ist in Trier anscheinend noch nicht so richtig angekommen“, kritisiert der Professor die politische Diskussionskultur in der Stadt.

Aufgefallen ist den Politologen in ihrer Vorstudie, dass der Beschluss, die aktuell nur vom Güterverkehr benutzte Trierer Westtrasse wieder für den Personenverkehr zu reaktivieren, in aller Schnelle durchgedrückt wurde, nachdem das Land zugesagt hatte, 19 Millionen Euro für die Errichtung neuer Haltepunkte bereitzustellen. „Eine echte Bürgerbeteiligung, vor allem in den westlichen Trierer Stadtteilen, wie sie von Politikern so oft gefordert wird, fand dabei nicht statt“, so Henn. Informationsveranstaltungen, wie etwa jene in der Europäischen Kunstakademie und der Volkshochschule, seien eben keine echte Bürgerbeteiligung. „Das ist die unterste Stufe der Partizipationsleiter“, so Henn, „aber keine Mitsprache der Bürgerschaft am Entscheidungsprozess.“

Ferner mussten die Politologen der Uni Trier bei ihren Untersuchungen grundsätzlich den Eindruck gewinnen, dass die Bürgerbeteiligung in den so genannten schwachen Stadtteilen auf dem linken Moselufer von der Politik überhaupt nicht gewünscht war. Schwache Stadtteile sind für die Wissenschaftler jene Gebiete, die in der Politik über eine schwache Lobby verfügen – vornehmlich aus sozialpolitischen Gründen. „Im Gegensatz zu starken Stadtteilen, etwa der Trierer Innenstadt oder den Höhenstadtteilen, werden hier die Instrumente der Bürgerbeteiligung – wenn überhaupt – nur ansatzweise angewandt“, so Lorig.

Um diese Annahme mit weiteren Daten wissenschaftlich zu untermauern, starten die Politikwissenschaftler in Kooperation mit anderen Sozialwissenschaftlern im Juni und Juli eine neue Befragung in den westlichen Stadtteilen. Und diesmal soll die Studie auch repräsentativen Charakter haben. Über das Einwohnermeldeamt werden 500 Bürgerinnen und Bürger ausgewählt, die zu ihrem Kenntnisstand hinsichtlich der Reaktivierung der Westtrasse befragt werden. Lorig und sein Team arbeiten dann eng mit den Soziologen um Professor Dr. Waldemar Vogelgesang zusammen.

Doch auch bei ihrer neuen Studie erwarten die Wissenschaftler kaum andere Ergebnisse als bei der kleinen Vorstudie, die eben keinen repräsentativen Charakter hatte. Über 50 Prozent der insgesamt 146 Befragten vor Ort hatten Anfang des Jahres die Informationspolitik zur Westtrasse als „mangelhaft“ beziehungsweise „ungenügend“ bezeichnet. Etwa der Hälfte der Befragten war das Projekt überhaupt nicht bekannt. Von jenen, denen das Vorhaben bekannt war, bewerteten immerhin gut 50 Prozent das Projekt als „positiv“.

„Das alleine zeigt doch schon“, so Lorig, „dass hier großer Nachholbedarf besteht.“ Unterfüttert wird die Beurteilung des Politologen auch vom Ergebnis der Nachfragen bei der IHK, dem Einzelhandelsverband und der Handwerkskammer. „Keine Informationen zur aktuellen Planung“, „unzureichende Information“, „teilweise späte und unzureichende Information“ – so der einhellige Tenor aus den jeweiligen Häusern. „Fehlende Mitwirkungsmöglichkeiten“ kritisieren die Kammern und der Verband zudem, ferner habe durch die Politik „keine Konsultation oder Kooperation“ stattgefunden.

„Diesem Projekt mangelt es, wie wir feststellen mussten, an Transparenz und Beteiligungsangeboten auf allen Ebenen“, so Lorig. Deshalb sollen trotz der Einschüchterungen in Absprache mit den Studierenden die Forschungen fortgesetzt werden. Dass die Landesregierung das Projekt Westtrasse unterstützt, worauf Geyer in seinem Brief explizit hingewiesen hatte, ist für den Trierer Politologen kein Argument. „Es ist gute Tradition der Sozialwissenschaften in freiheitlichen Gesellschaften, sich auch mit Projekten kritisch auseinanderzusetzen, die von der Politik gewünscht oder bereits beschlossen sind“, betont Lorig. „Auch wenn nach dem Brief von Herrn Geyer daran Zweifel aufkommen können, gilt die Freiheit von Forschung und Lehre.“ (et)

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18 KOMMENTARE

  1. Herr Prof. Lorig ist ein integrer Mann, der zwischen Privatem und Wissenschaft sehr gut unterscheiden kann. Als Studentin habe ich ihn als kritischen Geist, der nie in irgendeine Schublade zu stecken war, kennengelernt. Er hat sich nie von ideologischen oder persönlichen Motiven leiten lassen. Vielmehr glaube ich, dass er durch seine kritische Art, alles durchleuchten und hinterfragen zu wollen, dem politischen Establishment in Trier gefährlich geworden ist, und dass man ihn daher in die Ecke des Buhmannes geschoben hat. Da man seine wissenschaftliche Integrität und Kompetenz nicht anfechten kann, versucht man es auf die billige Art der persönlichen Diffamierung. So erging es allen kritischen Geistern in der Geschichte und so ergeht es ihnen immer noch.

  2. Ich kann nicht verstehen, wie hier ein Professor so angegriffen werden kann. Ich selbst finde die Reaktivierung ebenfalls unsinnig.

  3. Ja ja is klar, Günter Wallraff hat einen Vertrag mit McDonalds und darum sind alle dreckigen Fakten über Bürger King nichts wert. Das ist doch Bullshit. Es ist doch total egal,wo Herr Lorig wohnt, wenn er sich nur dafür einsetzt, dass dieses Großprojekt endlich kritisch hinterfragt wird.

  4. „Um diese Annahme mit weiteren Daten wissenschaftlich zu untermauern, starten die Politikwissenschaftler in Kooperation mit anderen Sozialwissenschaftlern im Juni und Juli eine neue Befragung in den westlichen Stadtteilen. Und diesmal soll die Studie auch repräsentativen Charakter haben.“

  5. Eine Frechheit was dieser Geyer sich erdreistet; der Name ist wohl Programm! Und die Sozis schweigen dazu??? Grosse Töne spuken von wegen Bürgerbeteiligung und wenn sich wie hier jemand wirklich dafür einsetzt; den dann mundtot machen.

  6. Man lese und staune: Ein renommierter Wissenschaftler nutzt seine Stellung aus, um durch eine manipulative Studie seinen privategoistischen Interessen Vorschub zu leisten. Dabei schreckt er noch nicht einmal davor zurück, sein Team von Jungwissenschaftlern sowie eine Gruppe engagierter Studierender gezielt zu instrumentalisieren, um seinem Bedürfnis nach einem beschaulichen Wohnumfeld Genüge zu tun. Ein NIMBY-Wutbürger in akademischem Gewand, und ein richtig gewiefter noch dazu!

  7. was ihn tatsächlich zu einem unmittelbar Betroffenen macht… Ja wer die umfrage gelesen hat hat das doch bei jeder Frage auch gemerkt. Wissenschaft setzt unabhängigkeit voraus. und deshalb darf Lorig nicht solche Umfragen auf Staatskosten machen und dann noch wehleidig tun, wenn ihm das vorgeworfen wird. @ Erik thielen bleiben Sie auch unabhängig und machen Sie sich nicht zum nützlichen idioten!

  8. Die Freiheit von Forschung und Lehre endet da, wo sie sich private Interessen zu Nutze macht und z.B. eine manipulative Befragung erstellt wird. Herr Lorig ist Besitzer eines Hauses an der Westtrasse.

  9. Ganz allgemein. Warum anonym, kann man nicht zu seiner Meinung stehen ? Solche Unterstellungen sind entbehrlich, führen zu keiner Erhellung des Sachverhaltes.

  10. Wenn ich den Beitrag richtig verstanden habe, geht es bei der Studie nicht um die Frage, Westtrasse ja oder nein, sondern um die Frage, wie und ob Bürger in die Entscheidungsfindung miteinbezogen werden. Laut Artikel haben bei entsprechender Information 50 Prozent das Projekt sogar gutgeheißen. Die massiveen Reaktionen, wie der Drohbrief, zeigen mir nur, dass hier offenbar einiges auf dem Spiel steht. Pech für den Professor und seine Mitarbeiter ist, dass sich beim Thema Westtrasse alle Parteien (bis auf die Wählergruppe) einig sind – ansonsten würde das gerade kurz vor der Kommunalwahl anders aussehen.

  11. Das stimmt doch alles nicht! Seit Jahrzehnten wurde über die Westtrasse diskutiert und war immer ein ziel dass die wieder für personenzüge genutzt werden soll. CDU-Kaster hat vor 5 Jahren schon eien Veranstaltung dazu gemacht und die SPD wollte vor 20 Jahren eine Ringbahn um Trier. Was soll denn auch eine diskussion noch bringen mit Leuten die dagegen sind weil sie sich ein Eigenheim an der Strecke gebaut oder gekauft haben??? Sollen die jetzt entscheiden? Wo kommen wir denn da hin wenn nur noch die direkt betroffenen entscheiden??? Der Professor lorig wusste auf jeden Fall bescheid und hat auch nicht nachgefragt.Alles verlogen und die Nummer von der fwg ganz besonders!!!!

  12. So sind sie halt unsere Parteienpolitiker: geht denen etwas oder einer gegen den Strich wird halt mit Dreck geschmissen….

  13. @olli Aber das ist doch eine bekannte Masche: Wenn ich fachlich oder inhaltlich nichts gegen jemanden sagen kann, muss ich seine Glaubwürdigkeit oder Integrität in Frage stellen, siehe Beitrag Augur etc. Die Wahrheit ist doch: Der Professor und seine Erkenntnisse sind schlicht unbequem – denn Bürgerbeteiligung (und um nur die geht es hier, nicht um die Westtrasse) ist oftmals ziemlich anstrengend und deshalb für die meisten Politiker nur etwas für den Wahlkampf.

  14. Ich halte die Diskussion für absolut überflüssig:

    Die Westtrasse wurde schließlich nicht neu errichtet sondern ist nunmal schon länger vorhanden.
    Wer in die Nähe einer Trasse zieht muss auch mit der Aktivierung eben jender rechnen.

    Die Trierer Bürger sind aber nunmal dazu geneigt gegen alles (ob nachvollziehbar oder nicht) zu protestieren was Ihnen gerade nicht in den Kram passt. Bahnschienen sind für Züge da , und nunmal nicht für leise dahinkriechende Würmer.

    Die Reaktivierung könnte immerhin zu einer Reduzierung des Verkehrsaufkommens im Stadtbereich und Umgehungsstraßen beitragen.

    Daher sollte die Diskussion abgehakt werden, denn es gibt zu viele Punkte die für die Durchsetzung des Projektes sprechen.

    M f G
    J:A

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