Klage gegen Bahn und Stadt geplant

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So laut ist es, wenn die Güterzüge nachts und am Tag an Euren vorbeidonnern.

Bildquelle: Eric Thielen

TRIER. In den westlichen Trierer Stadtteilen formiert sich Widerstand gegen die geplante Reaktivierung der Westtrasse für den Personenverkehr – vor allem aber gegen den Güterverkehr der Bahn. Nicht nur Anwohner aus dem Gebiet „In den Särken“ in Euren beabsichtigen, eine Sammelklage gegen die Bahn und möglicherweise auch gegen die Stadt Trier einzureichen, um Lärmschutzmaßnahmen an der Gleisstrecke durchzusetzen. Auch in Pallien regt sich heftiger Widerstand. Paul Menzel aus Euren sagt: „Die Schmerzgrenze ist erreicht.“

Von Eric Thielen

Ortstermin, 12. Februar 2014, neue Aufnahmestelle für Asylbewerber in der ehemaligen General-von-Seidel-Kaserne in Euren. Aufgenommen werden dort nur männliche Flüchtlinge. Die rheinland-pfälzische Ministerin für Integration, Familie, Kinder, Jugend und Frauen, Irene Alt (Grüne), ist eigens nach Trier gekommen. In den Medien wird sie später so zitiert: Für Familien mit Kindern sei das Gelände vor allem wegen der nahen Bahnlinie mit starkem Güterverkehr zu gefährlich. Deswegen nur Männer, deswegen keine Frauen, keine Kinder in Euren.

„Ich dachte, ich lese nicht richtig“, sagt Paul Menzel. Seit über zehn Jahren lebt der 50-jährige Familienvater mit Frau und Sohn keinen Steinwurf von besagter Bahnlinie entfernt. In seiner Nachbarschaft wohnen noch mehr Familien mit Kindern. „Als wir hier gebaut haben“, erzählt Menzel, „war der Tenor, dass die Bahnlinie ohnehin bald stillgelegt werde.“ Jetzt kommt alles ganz anders. Sicherungsbauten für die spielenden Kinder der hiesigen Anwohner gibt es an der Trasse nicht, geschweige denn Lärmschutzmaßnahmen. Einen Brief hat Menzel an die grüne Ministerin geschrieben, darin seinen Unmut über deren Äußerung formuliert. Eine Antwort hat er bis heute nicht erhalten.

In Menzels Küche wird es an diesem Tag richtig eng. Weitere Nachbarn erscheinen. Das Fenster steht eine Handbreit offen. Deshalb muss das Gespräch immer wieder unterbrochen werden. Wieder rast ein ewig langer Güterzug ratternd und scheppernd vorbei. Metall knirscht auf Metall. Man hat den Eindruck, er fahre direkt durch den Vorgarten. Die Stille danach ist fast schon beängstigend. „Und das ist noch gar nichts“, sagt Ingo Schantz, der vis à vis der Menzels wohnt, „nachts sollten Sie mal hierher kommen, da ist was los.“

Jüngst erst hatten Schantz und seine Lebensgefährtin Katharina Vogtel innerhalb einer Stunde alle 90 Sekunden einen Zug gezählt. Wegen zweier Baustellen am Ehranger Schienennetz fahren bis August noch mehr Güterzüge als ohnehin schon über die Weststrecke. Der Lärmpegel in den Häusern entspricht bei jedem Zug einer jaulenden Kettensäge – mitten in der Nacht. Vogtel hat sich eine Mess-App für ihr I-Phone zugelegt. Der Höchstwert: 111 dB. Die Schmerzschwelle liegt bei 130 dB, ein Düsenflugzeug erzeugt 150 dB. „Und auch das war in der Nacht“, sagt sie. Zieht man eine Toleranz wegen Messungenauigkeit ab, bleibt immer noch ein beachtlicher, gesundheitsgefährdender Wert.

„Am Anfang, als wir hier neu gebaut hatten“, blickt Menzel zurück, „sind vielleicht drei oder vier Güterzüge hier durchgefahren.“ Damit habe man leben können. Doch dann sei die Zahl sprunghaft angestiegen. Menzel und seine Nachbarn fürchten sich nicht vor den neuen Personenwagen, die von 2018 an auf der Strecke rollen sollen. Die werden im Gegensatz zu den Güterzügen nämlich extrem leise sein. Sie fürchten sich davor, dass der Güterverkehr dann noch stärker in die Nachtstunden verschoben wird – und an Schlaf schließlich überhaupt nicht mehr zu denken ist.

Aktuell gibt es von der Deutschen Bahn AG keine konkreten Aussagen über die künftige Frequenz der Güterzüge auf der Weststrecke. „Aber auch wenn sie bei der Bahn sagen“, so Menzel, „dass es nicht mehr werden – spätestens seit Stuttgart 21 weiß man doch, was man von den Aussagen der Bahn zu halten hat.“ Menzel und seine Mitstreiter fordern daher die Stadt auf, ihrer Fürsorgepflicht nachzukommen und in den Verhandlungen mit der Bahn auf einen aktiven Lärmschutz an der Westtrasse zu pochen. „Unsere Grunderwerbssteuer haben sie eingesteckt, unsere Grundsteuer stecken sie ein – jetzt sollen sie auch mal etwas für uns tun.“

Sollte die Stadt nicht reagieren, wollen die Anwohner klagen – gegen die Bahn, möglicherweise aber auch gegen die Stadt. Sie hoffen, dass sich weitere Anwohner – von Ehrang bis Zewen – der Klage anschließen werden. Auch in Pallien leben die Menschen nämlich mit der Belastung durch den Lärm. Dort kommen noch die tonnenschweren Brummis auf der Bonner Straße hinzu. Güterzüge und Lastkraftwagen lösen regelrechte Erdbeben in den Häusern aus. Seit Jahren kann die Bürgerinitiative Trier-West/Pallien darüber laute Lieder singen. Auch in Zewen und Ehrang/Quint ist der Leidensdruck groß. „Uns geht es ja nicht alleine so“, sagt Menzel.

„Angst vor der Bürgerbeteiligung“

Für den Trierer Politologie-Professor Dr. Wolfgang H. Lorig sind das die Auswirkungen einer verfehlten städtischen Politik in den westlichen Stadtteilen. „Seit vielen Jahren hat man den Eindruck, dass – im Vergleich zu anderen Stadtteilen – nur wenige, aufeinander abgestimmte Entwicklungsimpulse von der Politik in den Stadtteilen links der Mosel gesetzt wurden“, sagt der Wissenschaftler (siehe gesonderten Bericht). „Diese Stadtteile haben ein Imageproblem, was sich mit einem intensivierten Bahnverkehr ohne jeglichen Lärmschutz zweifellos noch verschärfen wird.“

Lorig weiß aus Erfahrung, wovon er spricht. Der 60-Jährige ist in Trier-West aufgewachsen, hat als Kind im Irminenwingert gespielt. Zusammen mit seinem Kollegen, dem Soziologen Professor Dr. Waldemar Vogelgesang, hat Lorig sich vor Jahren bereits mit der Lebensqualität in den westlichen Stadtteilen beschäftigt und die Ergebnisse öffentlich präsentiert. Bis ins Rathaus sind die Erkenntnisse der Wissenschaftler jedoch noch nicht vorgedrungen – oder sie werden dort ignoriert.

Eine echte Bürgerbeteiligung links der Mosel gibt es nicht. Das hat Lorig bei ersten Befragungen – unter anderem zur Umsetzung des Projektes Westtrasse – festgestellt. Die Menschen werden nicht frühzeitig und nicht auf Augenhöhe in Stadtentwicklungspolitik eingebunden. „Weil es schwache Stadtteile sind, weil diese Menschen keine Lobby haben“, sagt Lorig. Das sieht auch Hans-Alwin Schmitz so, der Ortsvorsteher von Euren. Schmitz sitzt für die Freien Wähler (FWG) im Stadtrat. Als einzige Fraktion hatte die FWG den Beschluss zur Reaktivierung der Westtrasse für den Personenverkehr abgelehnt. „Weil doch klar ist, was hier läuft“, sagt Schmitz.

Angst habe in der politischen Szene Triers geherrscht, so Schmitz. Angst vor einer Bürgerbeteiligung, „weil sich dann unter Umständen andere Mehrheitsverhältnisse im Rat gebildet hätten“. Deswegen sei das Projekt in aller Eile durchgepeitscht worden. „Wir von der FWG haben nichts gegen die Regionalbahn“, betont der Ortsvorsteher. „Aber wir fordern, dass auch auf der Weststrecke endlich das Immissionsschutzgesetz des Bundes angewendet wird – mit entsprechenden Lärmschutzmaßnahmen.“ Untragbar ist für Schmitz, „dass dem Staatsbetrieb Bahn Ausnahmen zugestanden werden, die andere nicht erhalten.“

Letztlich ginge es der Bahn nur um den wirtschaftlichen Aspekt – beim Güterverkehr. Die Regionalbahn auf der Westtrasse sei nur ein Alibi. „Ursprünglich sollte ja die Osttrasse ausgebaut werden, jetzt ist es plötzlich die Westtrasse“, sagt Schmitz. Im luxemburgischen Bettemburg werde ein großes Logistik-Zentrum für Container gebaut, im französischen Metz planten die Chinesen einen Industriepark. „Also weiß man doch, wie der Hase läuft“, so Schmitz. Das Land werfe 19 Millionen Euro als Köder hin, die Stadt schlucke ihn, die Bahn freue sich, und die Menschen auf der Trierer Westseite müssten es ausbaden. Wobei Schmitz bezweifelt, dass die 19 Millionen Euro ausreichen werden, um alle Kosten zu decken. „Sicher nicht“, sagt er.

Ganz so dramatisch sieht Schmitz‘ Kollege aus Trier-West die Sache nicht. Ortsvorsteher Horst Erasmy (CDU) begrüßt die neue Regionalbahn, fordert aber – ähnlich wie Schmitz – deutliche Nachbesserung. „Das Problem der Bahnübergänge muss gelöst werden“, sagt der Christdemokrat. Jetzt schon leide Trier-West/Pallien unter dem hohen Durchgangsverkehr, der sich nach dem Ausbau der Bitburger Straße noch einmal verstärkt habe. „Und deshalb muss eine Lösung für den Bahnübergang in der Aachener Straße her“, fordert Erasmy, „und zwar, bevor die Züge fahren.“ Weil der Stadtteil ansonsten bei einem möglichen 20-Minuten-Takt im Stau ersticken werde. Ferner müsse im Zuge der Erschließung des ehemaligen Bobinet-Areals eine Entlastungsstraße für die Eurener und Luxemburger Straße gebaut werden. „Auch das ist für uns zwingend“, sagt Erasmy.

Apropos Bobinet: Professor Lorig sieht ausgerechnet in den Ruinen der ehemaligen Textilfabrik eine neue Perspektive für die westlichen Trierer Stadtteile. Nicht deshalb, weil dort chice Loftwohnungen und Künstlerateliers entstehen. Auch nicht, weil die Entwicklungsgesellschaft Petrisberg (EGP) die Sanierung und Erschließung mit Hochdruck vorantreibt. Sondern weil sich durch den Zuzug neuer Bewohner die Soziokultur links der Mosel verändern wird.

„Dort werden sich die sozialen Milieus verändern“, sagt Lorig. „Und wenn vor allem die Güterzüge diesen Neubürgern den Schlaf rauben, werden diese ihren Anspruch auf hohe Lebens- und Wohnqualität besonders nachhaltig in Politik einzubringen wissen.“ Darüber könne die Politik dann nicht mehr so einfach hinwegsehen. „Insoweit kann das durchaus zu einer positiveren Gesamtentwicklung der Stadtteile beitragen“, glaubt der Wissenschaftler.

Die Fokussierung auf den wirtschaftlichen Erfolg verübelt Lorig der Bahn übrigens nicht. „Das ist legitim“, sagt er. Aufgabe der Politik sei es, entsprechende Rahmenbedingungen zum Wohle der Menschen zu schaffen. „Und hier gibt es aktuell Versäumnisse in der Trierer Politik – vor allem, was die Interessen der Bürgerinnen und Bürger in den westlichen Stadtteilen angeht“, lautet das harte Urteil des Trierer Wissenschaftlers. (et)

18 KOMMENTARE

  1. 1. In der von-Seidel-Kaserne sind nur Männer untergebracht, da es dort keine separaten sanitären Einrichtungen für Frauen gibt. Die dort einzubauen, hätte Zeit und Geld gebraucht. Da aber dringend Unterbringungsmöglichkeiten gebraucht wurde, hat man darauf verzichtet, und sich entschieden dort nur Männer unterzubringen.

  2. Über die ganze Sache kann man sicher heftig diskutieren. Es gibt aber auch viele Fälle wo Leute an Straßen gebaut haben, wo es keinen Lärmschutz gab. Als sich die Verkehrsbedingungen dann geändert haben, wurde nachträglich doch ein Schallschutz gebaut.

  3. was wird die Folge sein, wenn wieder Personenzüge im Nahverkehr auf der Westtrasse fahren? Zunächstmal werden weniger Güterzüge fahren, weil der ÖPNV Vorrang hat. dadurch, das mehr Personenzüge fahren und weniger Güterzüge (erste sind laut, zweite sind Leiser) wird es insgesamt ruhiger. dadurch steigt der wert der Grundstücke und Immobilien an der Strecke und durch die schnelle Anbindung an Lux auch die Nachfrage.

  4. Wenn ich diesen Titel schon lese, stellen sich mir die Nackenhaare: Ministerin für Integration, Familie, Kinder, Jugend und Frauen! Es ist wirklich verantwortungsvoll, in der Nähe der Bahntrasse keine Kinder in den Übergangsheimen unterzubringen – aber angesichts der Situation der dortigen Anwohner und ihrer Familien fragt man sich schon, ob Politiker (und vor allem diese Gutmenschen der Grünen) auch mal darüber nachdenken, was sie so alles von sich geben in der Öffentlichkeit! Ich wünsche den Anwohnern jedenfalls allen Erfolg – sehe aber hier eher schwarz. Bürgerbeteiligung ist doch in Deutschland nur dort gewünscht, wo sie den Interessen der Politik und der Wirtschaft nicht wehtun kann…

  5. @Peter: Wenn ich das richtig verstanden habe, nehmen die Anwohner die Gleise und den dortigen Verkehr durchaus in Kauf – aber wenn sich das Aufkommen der Züge drastisch erhöht, fordern sie Lärmschutzmaßnahmen. Das finde ich angesichts der Tatsache, dass man als Hauseigentümer in der Tat Grunderwerbssteuer und Grundsteuer (und nicht zu knapp!)zahlt, absolut berechtigt!

  6. Das ist doch völliger Blödsinn und unglaubwürdig. Solch eine 90 Sek.-Taktung hat nicht mal die U -Bahn in Berlin, Paris oder London, faktisch sind hier falsche Zahlen übermittelt worden oder es wurde schlicht gelogen. Typisch Deutsch: “ Macht mal alles besser, baut, verbessert aber nicht vor meiner Haustüre!“

  7. Erscheint mir auch etwas kurz, aber man sollte auch bedenken, dass die Züge hin und her fahren und nicht nur in eine Richtung.

    • auch dann ist es technisch nicht möglich. 2 Zügen können nicht in einem Block fahren und von der gottbillstrasse bis nach Trier West ist ein Block und die Züge brauchen von A nach B mindestens 4-5 Minuten in beide Richtungen.

  8. Kann denn nicht mehr gemacht werden, ohne dass gleich tausende von Leuten aufschreien und dagegen sind.In den Fällen ist Demokratie scheiße.

  9. Das kennen wir doch irgendwoher. Günstige Grundstücke in der geplanten Einflugschneise kaufen und anschließend beschweren, weil Flugzeuge zu hören sind…

    • Beschweren schon, aber wer an den Gleisen baut, ein Haus kauft oder zur Miete wohnt, muss damit rechnen, dass dort Züge fahren. Mehr oder weniger. das liegt im Ermessen des Betreibers!! Aber das sind die die dann die Grundstücke günstig erwerben und sich über die Spätfolgen erst mal keine Gedanken machen. Hauptsache „Geiz ist Geil“

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