„Weniger Stoff und keine Fächer mehr in der Schule“

0

BITBURG. Nach dem überzeugenden Auftakt des 11. Eifel-Literatur-Festivals mit Pater Anselm Grün und der nicht minder begeisternden Lesung von Dieter „Max“ Moor folgte mit Richard David Precht direkt ein drittes Highlight in diesem Jahr. Er ist ein Missionar für eine auf den Kopf gestellte Schulpolitik, was er in seinem neuen Buch: „Anna, die Schule und der liebe Gott“ zeigt.

Von Anna Holkenbrink

„Weniger Stoff und keine Fächer mehr in der Schule.“ Das ist ein Teil der These, die der bekannteste deutsche Neuzeit-Philosoph Richard David Precht fordert. „Die Struktur der Schule in Deutschland ist auf Bulimie-Lernen ausgelegt“, war nur einer der zentralen Sätze, die an diesem Freitag in der Bitburger Stadthalle vor insgesamt 875 Besuchern öfter zum Tragen kam. Er ist ein Referent mit Ideen, mit Visionen und einer großen Portion Tatendrang und Aufbruchslust. Er fordert einen mehr an die Lebenssituation eines Menschen angepassten Unterricht, einen zum Anfassen und eine effektivere Stoffvermittlung und das Herausfiltern unnützen Wissens, damit kein Platz für „wirkliches Wissen“ verloren geht.

„Die Welt ist nicht in Fächer gegliedert“

Gleich zu Anfang konnten die Zuhörer schon in sein Programm eintauchen, in dem er den Vergleich zwischen Arbeits- und Schulalltag herstellte. „Stellen Sie sich doch einfach mal vor, Sie müssten sich jeden Tag bei der Arbeit alle 45 Minuten komplett in neue Themen eindenken, die so gar nichts miteinander zu tun haben.“ Er zieht damit den Vergleich zu den wechselnden Fächern, die abrupt von einer 45-minütigen Stunde „Analysis“ zu 45 Minuten „Die goldene Bulle“ wechselt. „Fächer“ sind Richard David Precht sowieso ein Dorn im Auge, denn die Welt sei auch nicht in Fächer gegliedert. Deswegen bevorzugt er den Begriff der Projekte. Diese stünden näher zur Realität und wären nicht auf eine 45-Minuten-Taktung festgelegt.

Eigentlich könnte man das rein Stoffliche in unserem Zeitalter der Digitalisierung auch zu Hause lernen, wodurch die Schule ihre Berechtigung verlöre. Bestimmte Dinge wie Humor, Pubertät usw. können aber nicht im „Kartoffelkellerunterricht“ erlernt werden, wie Richard David Precht es beschreibt.

Jedoch ist das Schulsystem wie zu Zeiten von Oma Anni auch nicht die richtige Alternative zum Unterricht zu Hause. Die berechtige Frage wie es denn sonst gehe, erläutert er an diesem Abend.

„Ich weiß es nicht, weil ich schon damals wusste, dass ich es später nicht wissen muss!“

Die alte Form der stupiden Wissenszufuhr ist laut Precht zumindest keine Lösung. Als Anschauungsunterricht dient eine kleine Fragerunde, die den Zuhörern veranschaulichen soll, warum er es für wichtig hält, weniger Stoff zu vermitteln. Bei Fragen wie: „Was ist ein Konsekutivsatz? Was genau war die goldene Bulle? Was ist eine Molmasse?“, geht ein Raunen durch das Publikum und wie zu erwarten, bleibt die Anzahl an Wissenden schwindend gering. Das “ Alles-schon-mal-gehört-Wissen“ ist kein richtiges Wissen und würde gerade so zum richtigen Raten bei „Wer wird Millionär“ reichen – für mehr jedoch nicht!

Eine Schule wie in Hogwarts

Die Frage ist nun aber, wie genau könnte man es denn anders machen – eine Schule wie in Hogwarts, in der die Schüler je nach Neigung und Talenten in verschiedene Lernhäuser, wie Slytherin, Gryffindor und Co., eingeschult werden. Diese Idee begeistert Precht besonders, weil die Kinder somit nach ihren persönlichen Neigungen und Talenten gruppiert würden und dementsprechend an darauf zugeschnittenen Projekten teilnehmen könnten. Somit entstünde auch ein automatischer Wettkampf zwischen Gruppen und nicht zwischen jedem Einzelnen.

Er fordert außerdem mehr engagierte Lehrer, eine Kindergartenpflicht ab dem 3. Lebensjahr für alle, damit Kinder aller Bildungsschichten voneinander lernen können und eine Grundschule, die bis zur 6. Klasse reicht.

„Verändern bedeutet Ziele haben“

Alle die Ideen und Visionen klingen toll, sogar so, dass man sich nichts mehr Schöneres mehr vorstellen könnte, als Schüler zu sein. Es ist klar, dass etwas geändert werden muss. Jedoch bleibt die eigentliche Frage auch am Ende des Abends noch offen: Ist Richard David Precht denn auch ein Referent, der sich wirklich in die Lehrer und Lehrerinnen hineinversetzen kann, von denen einiges an Eigeninitiative gefordert wird, die sich unterm Strich am Ende des Tages aber mit existentiellen Fragen wie der folgenden beschäftigen müssen: „Wir brauchten neue Glühbirnen für den Overhead-Projektor, denn dafür ist momentan kein Geld mehr da!“

Auch wenn Precht dafür kein Patentrezept liefert, bleibt am Ende jedoch ein unterhaltsamer Abend mit vielen neuen Denkanstößen. (aho)

Jetzt lokalo liken und alle aktuellen News rund um Trier und die Region, inklusive Luxemburg, sofort sehen und KOSTENLOS lesen

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Die Redaktion behält sich vor, Lesermeinungen zu kürzen. Es besteht kein Anspruch auf die Veröffentlichung Ihrer zugesandten Meinungen. Klarname ist nicht erforderlich. Eine E-Mail-Adresse muss angegeben werden, wird aber nicht veröffentlicht.