Ein Edelstein in der Kehle

0
Lisa Wittig organisierte im Kurfürstlichen Palais ihren eigenen Liederabend.

Bildquelle: Gerhard W. Kluth

TRIER. Ein Liederabend im Rokokosaal des Kurfürstlichen Palais in Trier. Nichts Besonderes, im Allgemeinen. Wenn aber eine sehr junge Sängerin einen solchen Abend selbst organisiert und der Saal dann bis zum Überlaufen voll ist, dann ist das schon außergewöhnlich.

Von Gerhard W. Kluth

Wieviel Musik muss in einer jungen Musikerin stecken, wenn in ihr der unbändige Wunsch steckt, mit ihrem Können an die Öffentlichkeit zu gehen, weil sie andere Menschen teilhaben lassen möchte? Ja, es gibt viele junge Menschen, die sich auch im Bereich der Klassik früh auf die Bühne stellen. Manche meinen, dass sie etwas können, manche können tatsächlich etwas. Die einen werden meist schnell auf den Boden der Tatsachen zurück geholt, für die anderen lauert die Gefahr, dass sie auf einmal zum Wunderkind stilisiert und anschließend verheizt werden. Wie viele Geiger oder Pianisten, um nur zwei Instrumente zu nennen, hat man nicht schon kommen und gehen sehen. Wenn es sich aber um eine Sängerin handelt, ist das schon außergewöhnlich. Und wenn diese Sängerin, die zu einem Liederabend einlädt, gerade einmal 18 Jahre alt ist, sollte man schon gleich zweimal hinsehen und auch hinhören.

Lisa Wittig hat es gewagt. Sie hat zu einem solchen Liederabend in Triers gute Stube eingeladen, unterstützt von der Kulturstiftung Trier und dem Trierer Konzertchor. Und die Zuhörer kamen in Scharen. Der Festsaal war so voll, dass man von Fluchtwegen, falls etwas passiert wäre, nun wirklich nicht mehr reden konnte. Am meisten war offensichtlich die junge Sängerin überrascht, als sie vor ihr Publikum trat. Zumindest sagte das ihre Mimik aus. Die Teilnehmerin vom Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ hat gerade die Schule beendet und wagte sich schon in die Königsklasse der Sänger. Anders als bei Solisten der sogenannten „leichten Muse“, die sich auf die Unterstützung von Elektronik, Mikrophon und Verstärker verlassen können, ist so ein Liederabend gewissermaßen ein Akt ohne Netz und doppelten Boden. Die einzige Absicherung ist das Klavier, das hier, wenn nötig, Halt und Unterstützung geben kann. Hier ging Wittig auf Nummer sicher und hatte sich mit dem Klavierdozenten Johannes Möller einen erfahrenen Liedbegleiter an die Seite geholt. Er war ihr ein verlässlicher Partner, der vor allem auch die nötige Ruhe ausstrahlte und sie bei den Liedern aller Stilrichtungen, von der barocken Canzonette bis hin zum Musical, zuverlässig unterstützte.

Eines wurde sehr schnell deutlich. Wittig verfügt, trotz ihres jungen Alters, schon jetzt über einen Schatz, einen Edelstein in ihrer Kehle. Ihre Stimme hat großes Potenzial. Viele Farbnuancen stecken in diesem Sopran, die es ihr ermöglichen, eine große Bandbreite an Literatur abzudecken. Die drei Lieder von Gabriel Fauré („Claire de Lune“, „Notre amour“ und „Après un rêve“) und auch die Beiträge aus Robert Schumanns Feder („Er, der herrlichste von allen“ und „Du Ring an meinem Finger“ aus dem Opus 42, sowie „Widmung“ aus Opus 25) zeigte, dass sie offensichtlich ein besonderes Faible für das romantische Liedgut hat. Aber auch Leonard Bernsteins „One hand, one heart“ und „Somewhere“ aus der berühmten West Side Story sprachen dafür, dass Wittig dieses Genre liegt.

Und trotzdem. Vorsicht ist geboten. Die Schauspielerin Barbara Ullmann führte mit launigen und humorvollen Kommentaren durch das Programm und erzählte unter anderem die Geschichte eines Kritikers, der zunächst einen Komponisten in Grund und Boden geschrieben und danach aus Rache hinterrücks gemeuchelt wurde. Nein, es besteht kein Grund, Lisa Wittig in Grund und Boden zu schreien. Ganz im Gegenteil. Aber eines zeigte der Abend auch. Ausgereift ist diese Stimme noch nicht. Nahtlose Übergänge zwischen den vielen Farbschattierungen gelingen noch nicht so, wie es hätte sein sollen. Die Bandbreite zwischen Alessandro Scarlatti und Carlisle Floyd war zu groß gegriffen. Es mag für eine junge Sängerin faszinierend sein, wenn ein voll besetzter Saal sich am Ende eines Konzertes geschlossen erhebt und applaudiert. Dadurch aber sollten die Bäume jetzt nicht in den Himmel wachsen. Lisa Wittig hat ihrem Publikum sehr viel zu bieten. Aber es bedarf auch noch eines langen Weges der Ausbildung und der Pflege dieser Stimme. Dessen ungeachtet: Gratulation zu diesem Abend.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Die Redaktion behält sich vor, Lesermeinungen zu kürzen. Es besteht kein Anspruch auf die Veröffentlichung Ihrer zugesandten Meinungen. Klarname ist nicht erforderlich. Eine E-Mail-Adresse muss angegeben werden, wird aber nicht veröffentlicht.