Was hier fehlte, war der zündende Funke

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Elisabeth (Fabienne Elaine Hollwege) und ihr Bräutigan Alfons Klostermeyer (Jan Brunhoeber).

Bildquelle: Theater Trier

TRIER. Gut eineinhalb Stunden dauerte das Schauspiel „Glaube, Liebe, Hoffnung“, das am Samstag mit seiner Premiere im Trierer Stadttheater über die Bühne ging. Der Besuch der Koproduktion mit dem Théâtre Municipal in Esch sur Alzette war wie die Aufführung: eher mager.

Von Gerhard W. Kluth

Die Nazis haben „den kleinen Totentanz in fünf Bildern“, wie Ögön von Horváth sein Stück im Untertitel benannt hatte, verboten. Wen wundert’s? Ist es doch eine Anklage gegen die Obrigkeit, gegen die Paragraphenreiter, gegen die Kleingeister. Oder muss man es anders sehen? Ist es eine Anklage gegen die Unterdrückung der Frauen? Gegen die Benachteiligung des schwachen Geschlechts? Oder geht es in Wahrheit um das Gefälle zwischen denen da oben und denen da unten? Alles steckt drin, in diesem Theaterstück, in dem die Korsettvertreterin Elisabeth (Fabienne Elaine Hollwege) versucht, ihren noch sehr lebendigen Körper schon einmal an ein anatomisches Institut zu verkaufen, damit sie sich vom Erlös eine neue Existenz aufbauen kann. Eine entwürdigende Situation, wie der Oberpräparator (Tim Olrik Stöneberg) sie auch gleich fühlen lässt. Aber, Elisabeth lässt den Kopf nicht hängen, wie sie immer wieder betont. Auch wenn alles noch schlechter werden soll. Der ständig taubenfütternde Präparator (Klaus-Michael Nix) hat Mitleid und leiht ihr die dringend benötigten 150 Mark, mit denen sich die Welt für Elisabeth neu öffnen soll.

Die Inszenierung von Charles Muller bleibt über den ganzen Abend hinweg im Ungefähren. Er bezieht keine genaue Stellung und auch die Dramaturgie von Sylvia Martin ändert daran nichts. Alte Klischees werden bedient. Frau Amtsgerichtsrat (Sabine Brandauer) hat zu allem eine Meinung, aber hat mit nichts etwas zu tun. Der Schupo Alfons Klostermeyer (Jan Brunhoeber), in den sich Elisabeth verliebt und der auch sie angeblich liebt, lässt sie fallen, wie eine heiße Kartoffel, als er erfährt, dass seine Braut vorbestraft ist. Eine technische Panne mindert ihren Verkaufserfolg, weshalb ihre Chefin Irene Prantl (Alina Wolff) sie fristlos entlässt. Die Oberen machen Karriere. Aus dem Präparator wird ein Oberpräparator, der Schupo wird Dienststellenleiter. Nur Elisabeths Weg ist wie der der Invaliden (Daniel Kröhnert) und der anderen „Kunden des Wohlfahrtsamtes“ vorgezeichnet. Er geht abwärts und trotzdem versucht sie, ehrenhaft zu bleiben. Den Vorschlag ihrer Freundin Maria (Frederike Majerczyk), sich als Prostituierte ihren Lebensunterhalt zu verdienen, unter anderem beim Baron, dem gerade die Frau gestorben ist (Manfred Paul Hänig) lehnt sie ab. Und trotzdem – ständig wiederholt Elisabeth ihr Mantra: ich lasse den Kopf nicht hängen.

Die Verzweiflung treibt sie in den Selbstmord und selbst der misslingt, sie wird aus dem Wasser gezogen und zur Wache gebracht. Dort trifft sie wieder auf den Präparator, der ihr am Anfang geholfen und sie dann verklagt hat und natürlich auf ihren ehemaligen Bräutigam. Die aber wollen mit ihrem Schicksal nichts zu tun haben, waschen ihre Hände in Unschuld. Das gibt Elisabeth den Rest. Sie bricht zusammen und stirbt auf der Wache.

Man hätte viel aus diesem Stück, das auf authentischen Ereignissen aus dem Jahre 1932 beruht, machen können. Es hätte auf die heutige Zeit übertragen werden können mit der Frage, ob sich in den letzten 80 Jahren wirklich etwas geändert hat. Der christliche Gedanke, der schon durch den Titel impliziert wird, kommt nicht zum Tragen, obwohl hier Paulus mit seinen beiden Briefen an die Korinther zweifelsfrei Pate stand. Im ersten Brief schreibt er die berühmten Worte: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ Und in seinem zweiten Brief beschreibt er, dass der (Gesetzes-)Buchstabe tötet und nur der Geist lebendig macht. Was in dieser Inszenierung fehlte, war der zündende Funke. Er kam weder von der Regie noch von den Schauspielern. Das Beste war noch das schlichte Bühnenbild (Helmut Stürmer) und die Beleuchtung durch Philippe Lacombe.

Weitere Aufführungen im Mai sind am 14., 23. und 27. jeweils um 20 Uhr. Die Aufführungsdauer beträgt ca. 90 Minuten ohne Pause.

 

1 KOMMENTAR

  1. Charles Mullers Art und Weise mit dem Stoff umzugehen ist an einem Haus, das geradezu überbordet vor Unterhaltungsbrei, Inszenierungs-Größenwahn und scheinbar schluderigem hingerotztem, unglaublich erfrischend. Nicht nur das endlich wieder einmal etwas solide ernsthaftes seinen Weg auf die Bühne in Trier gefunden hat, nein, die Inszenierung besticht auch durch ein er- und durchlebbares Konzept. Ebenso stark durchdacht wie trotzdem simpel, präzise gespielt und auf das nötigste beschränkt mit dennoch viel Liebe zum Detail und vor allem auch überzeugender Darstellung durch das Ensemble.

    Selbstverständlich kann man das Stück auch optisch transportieren in die aktuelle Zeit, was angesichts des zeitlosen Bühnenbildes sowie der scharfen Inszenierung und der ebenfalls zeitlosen Ausarbeitung der Charaktere nicht nur unnötig wäre, sondern (dann für Trier leider wieder einmal) maßlos über das Ziel hinausschießen würde.

    Das Stück drängt seine Aktualität nicht brutal auf, muss es auch nicht, denn an wem diese Offensichtlichkeiten vorbei ziehen, bei dem hilft wohl auch der bekannte Trierer Inszenierungs Hammer für die richtig „Hehlen“ nichts mehr.

    Keine Massen von Menschen die sich planlos auf die Bühne drängen, kein 3,5 stündiges Büchner Chaos, das immense Inszenierungsdefizite mit Krach und Größe zu cachieren sucht und jung wie alt überfordert, während der Holzhammer der geradezu unfähig Konzeptlosen immer wieder dasselbe, sich wiederholende Bild in den unschuldigen Schädel des Zuschauers zu prügeln sucht, wenn, ja wenn, das Ganze nicht schon viel früher absäuft oder der Zuschauer nicht in der Pause schon die Flucht antritt.

    All das braucht Muller nicht, den er schickt seine wohl durchdachten Bilder auf teils leisen Sohlen kunstvoll durch die Köpfe, wo sie schleichend eindringen, sich einbrennen und es an dem Zuschauer bleibt, angesichts der zeitgleich transportierten Stimmung und unzähligen kleinen Tragödien damit weiter zu arbeiten.

    Egal ob die brutal verhaftete Prostituierte oder das minutenlange geradezu Ignorieren einer tropfnassen vermeidliche „Wasserleiche“ am anderen Ende der Bühne. Er will zum Denken anregen und nicht vorkauen, was ihm nicht zuletzt auch dank eines endlich einmal grandios aufspielenden Ensembles gelingt. Auch hier wieder sehr akzentuiert und präzise ausgearbeitet. Dieses erlaubt ihm selbst kleine Rollen so stark hervorzuholen wie gesehen und die Betonung damit eben nicht auf einen Einzelfall zu legen, sondern es zu einem gesellschaftlichen Problem zu stilisieren. Ob die leicht verunsicherte, verletzliche aber zu den Umständen gezwungene Prostituierte (Friedericke Majerzyck), der Bürokratie auf den Tot ausgelieferte Invalide (Daniel Kröhnert) oder Christian Miedreich als Traumzerstörende, aber trotzdem nachvollziehbar menschlich wirkende, brutale Präsenz im vorletzten Bild. Muller malt hier nicht nur schwarz-weiß, sondern auch wunderbar grau, in verschiedensten Abstufungen und schafft so weitere glaubwürdige Zugänge zu den Figuren. Nebenbei zeigt er, was an diesem Haus möglich wäre, würde man weniger monumentales und halb angedachtes dem Publikum vorwerfen, dafür aber akribischer Ideen ausarbeiten.

    So fesselt er über 1,5 Stunden das Publikum welches ungewohnt still und gebannt einer stimmungsvoll inszenierten düsteren und leisen Tragödie lauscht. Selbst der Umbau der Bilder wird hier geschickt ins Stück eingeflochten, sodass dem Zuschauer bis zum Schluss keine wirkliche geistige Flucht erlaubt wird. Erst dann entlässt Muller den Zuschauer aus seiner Welt. Zurecht unter zumeist stehendem Beifall, für eine Inszenierung die zeigt, dass wer kann, nicht schreien muss, um gehört oder gar verstanden zu werden und dass man einen Theatersaal nicht in großen Gesten abbrennen muss, um eben jene Funken zu sähen die hier angeblich so schmerzlich vermisst wurden. Was für ein Kontrast.

    Für mich der Geheim-Tipp der bisherigen Spielzeit, den ich mir sicherlich nochmals gönnen werde.

    Der Vorname des Autors lautet Ödön nicht Ögön

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