Gequält, gemartert, gefoltert, verbrannt und ausgelöscht

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TRIER. Rund 1 000 Menschen, Frauen wie Männer, fielen zwischen dem Ende des 16. bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts in der Stadt Trier und dem Umland dem Hexenwahn zum Opfer. Meist ist ihre Geschichte namenlos – sieht man von solch historischen Figuren wie Dietrich Flade einmal ab, der erst Urteile sprach und dann selbst auf dem Scheiterhaufen endete. Am Mittwochabend wurde im Lesesaal der Stadtbibliothek der unschuldigen Opfer gedacht. Oberbürgermeister Klaus Jensen sprach von einer „Kultur der Erinnerung“ und einem „eindeutigen Bekenntnis zur Unschuld der Opfer“.

Von Eric Thielen

Da war jene Frau, die 1517 unter dem Verdacht der Hexerei in den Trierer Simeonsturm eingesperrt und gefoltert wurde. Sie tötete sich dort selbst. Ihr Leichnam wurde im Stadtgraben verscharrt. Dort faulte und verweste er vor sich hin, bis der Gestank die Anwohner störte. Der Henker brachte die Überreste schließlich an einen anderen Ort. Sie ist namenlos.

Da war jene Frau, die als mutmaßliche Milchhexe vom aufgebrachten Pöbel 1586 einfach von der Römerbrücke in die Mosel geworfen wurde und jämmerlich ertrank. Auch sie ist namenlos. So namenlos wie die meisten unschuldigen Opfer des Hexenwahns in der Stadt Trier und dem Umland. Hier brachen um 1585 die berüchtigten Hexenjagden in solcher Intensität los, dass das Trierer Land durchaus als Epizentrum der Hexenverfolgung gelten kann. Allein in der Reichsabtei St. Maximin wurden zwischen 1586 und 1596 rund 400 Menschen – knapp ein Fünftel der Bevölkerung – wegen vermeintlicher Hexerei hingerichtet.

Da war auch Dietrich Flade, Doktor der Rechte, Rektor der Trierer Universität, Schultheiß, kurfürstlicher Statthalter, wohlhabender Bürger und Richter. Er fällte Urteile in Hexenprozessen, wurde schließlich selbst der Hexerei bezichtigt, angeklagt, gefoltert und nach einem gescheiterten Fluchtversuch 1589 im heutigen Trierer Stadtteil Euren auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Flade wusste aus eigener Erfahrung, dass aus den Fängen der Häscher ein Entkommen kaum möglich war.

Noch heute taucht sein Name im Haushalt der Stadt auf. Flade lieh der Stadt 4 000 goldene Gulden, weil diese einen Prozess um Reichsunmittelbarkeit führte, um den verhassten Kurfürsten loszuwerden. Nach Flades Tod zog der jedoch den Schuldschein ein und verpflichtete die Stadt, die jährlichen Zinsen an die Innenstadt-Pfarreien zu zahlen. Im Laufe der Jahrhunderte wurde die Summe an die jeweiligen Währungen angepasst. Heute zahlt der städtische Kämmerer pro Jahr rund 360 Euro an die Pfarrei Liebfrauen.

Die Erinnerung an den Hexenwahn in Trier lebte also zumindest in einer buchhalterischen Größe auch nach dem Ende der Verfolgungen fort – im städtischen Haushalt schwarz auf weiß und in nackten Zahlen. Die Erinnerung an das Leid der Opfer hingegen ist in den Jahrhunderten nach den Pogromen der frühen Neuzeit verblasst. Wäre da nicht Friedrich Spee gewesen, der Jesuit und entschiedene Gegner der Hexenverfolgung. In seiner Schrift „Cautio Criminalis“ wandte sich der Theologe gegen Verfolgung, Marter und Scheiterhaufen. Spee wirkte in Trier, wo er 1635 auch starb.

Die Gedenkfeier am Mittwochabend im bis auf den letzten Platz besetzten Lesesaal der Stadtbibliothek, auf der sich Oberbürgermeister Klaus Jensen im Namen der Stadt öffentlich vom Unrecht der Hexenverfolgungen distanzierte, galt auch dem Andenken Spees. Dessen Nachfolger in der geistigen Überlieferung des Theologen, die sich in der Trierer Friedrich-Spee-Gesellschaft zusammenfinden, hatten in den letzten Jahren immer wieder die öffentliche Erinnerung an das bedrückende Kapitel frühneuzeitlicher Stadtgeschichte angemahnt.

„Schmählicher Akt der Auslöschung“

Zu ihnen gehört Dr. Rita Voltmer, Historikerin und seit 2009 Vorsitzende der Spee-Gesellschaft. Voltmer machte in ihrem beeindruckenden Vortrag deutlich, „dass Hexenglaube und Hexenverfolgung komplexe Phänomene sind, die sich jeder monokausalen, platt versimplifizierenden Schwarz-Weiß-Deutung und ahistorischen Vereinnahmung entziehen“. Friedrich Spee sei sich dieser Tatsache sehr wohl bewusst gewesen.

„Niemals wäre dieser scharfsinnige, kluge und empfindsame Priester, Gelehrte, Dichter und Seelsorger als Zeit- und Augenzeuge auf die Idee gekommen“, so Voltmer, „Hexenprozesse und Hexenverfolgungen einfach einer Institution, einem Täter oder einer Tätergruppe anzulasten.“ Vielmehr habe er eine Reihe von Akteuren verantwortlich gemacht – von den Theologen und Prälaten, über die Juristen, bis hin zum Pöbel. Vergessen werden dürfe dabei nicht, dass ein Hexenprozess ein Unternehmen gewesen sei, das vielen Personen Lohn und Brot geboten habe.

Immer jedoch sei ein solches Sterben, das mit der Verfolgung begann und schließlich in den meisten Fällen auf dem Scheiterhaufen endete, „ein schmählicher Akt der Auslöschung“ gewesen. „Sippen und Familien wurden ausgerottet, ganze Landstriche entvölkert“, sagte die Historikerin. Schließlich hätten nach dem Ende der Verfolgungen in der Mitte des 17. Jahrhunderts – wie so oft – Verdrängung und Vergessen einen trügerischen Frieden erzeugt.

Voltmer hob daher die Bedeutung der öffentlichen Erinnerung hervor. „Fast 400 Jahre und 13 Generationen später ist es aber an der Zeit, dass Veranstaltungen wie diese den Akt der Auslöschung rückgängig machen“, betonte sie. Hier sollte sich das kollektive Bedürfnis nach Erinnerung mit der wissenschaftlichen Erinnerungskultur treffen und den Verfolgten, sofern möglich, ihre individuellen Namen und ihre Schicksale – wenigstens im respektvollen Gedenken – zurückgeben. „Ihre Würde aber haben diese Menschen niemals verloren“, sagte Voltmer.

Professor Dr. Gunther Franz, bis 2009 Vorsitzender der Spee-Gesellschaft, erinnerte seinerseits daran, dass Folter und Misshandlungen auch heute noch in mehr als der Hälfte aller Staaten der Erde an der Tagesordnung seien. Bestürzend sei zudem, „dass gerade nach Terroranschlägen wie dem auf das World-Trade-Center 2001 Tendenzen aufkommen, anerkannte Rechtsgrundsätze über Bord zu werfen oder aufzuweichen“. Für diese Rechtsgrundsätze habe sich schon Friedrich Spee eingesetzt. Spees „Cautio“ gehöre zu den Büchern, die die Welt bewegten. Heute jedoch „scheint die Auffassung Anhänger zu finden“, bedauerte Franz, „dass wir uns die Menschenrechte nur in normalen Zeiten, sozusagen am Sonntag, leisten können“.

Auch Oberbürgermeister Klaus Jensen zog Parallelen zwischen den Hexenverfolgungen der frühen Neuzeit und der Gegenwart. In der öffentlichen Rückbesinnung auf geschehenes Unrecht „geht es auch um die Stärkung von Recht, Solidarität und Menschlichkeit für unsere eigene Zeit“, sagte der OB. „In dieser Stunde gilt es auch, an unsere Verantwortung zu erinnern, ähnliche, heute stattfindende Verfolgungen und Tötungen in der Welt anzuprangern und für das Ziel umfassender Humanität einzutreten“, so Jensen.

Dass die Stadt sich jetzt auch öffentlich vom Unrecht des Hexenwahns distanziert, sei ihm persönlich „ein tief empfundenes Anliegen“ gewesen. „Es geht nicht um die Zuweisung von Schuld“, betonte der OB, „oder um das Abwägen von Versagen und die Korrektur der Geschichte und damit um die Schuld der Täter, sondern um die Not der Opfer.“ Sie im umfassenden Sinne zu rehabilitieren, sei Intention der öffentlichen Erinnerung.

Jensen kündigte ferner an, demnächst eine Erinnerungstafel zum Hexenwahn an „geeigneter Stelle“ in der Stadt anzubringen. Ein solche gab es bereits – in der Grabenstraße, wo die meisten Hexenprozesse während der Verfolgungen stattfanden. Seit vielen Jahren ist die Tafel jedoch verschwunden und nicht mehr aufzufinden. Voltmer hatte davon gesprochen, „dass die Form der wissenschaftlichen Erinnerungskultur bislang nicht in den Trierer Alltag gedrungen zu sein scheint“. Mit der öffentlichen Gedenkfeier ist ein erster, wichtiger Schritt gemacht. Eine neue Erinnerungstafel in der Grabenstraße wäre ein zweiter – auch wenn die Stadt sich nicht in der Rechtsnachfolge der damaligen Justizbehörden sieht. (et)

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1 KOMMENTAR

  1. Die Stadtvorstände Kaes-Torchiani und Birk sind aufgrund unaufschiebbarer Dienstlicher Verpflichtungen der Veranstaltung ferngeblieben.
    So ein Quatsch: Die hatten doch nur Angst, das die Bürger an ihnen den Nachgebauten Scheiterhaufen ausprobieren könnten.
    Aber es war ja noch nicht mal genug Holz dafür da. Wo es geblieben ist, wird wohl nicht verraten.

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