„Prognosen sind schwierig, wenn sie die Zukunft betreffen“

0

ECHTERNACH. Schon drei Mal drehte sich in der Vortragsreihe „Horizonte“ im Echternacher Trifolion alles um Europa und seine Zukunft. Aus wissenschaftlicher, theologischer und aus politisch-publizistischer Sicht waren Fachleute zu hören und konnten auch befragt werden. Nun war ein Vollblutpolitiker eingeladen, wie es keinen prädestinierteren im Großherzogtum Luxemburg geben kann – Jean-Claude Juncker.

Von Gerhard W. Kluth

Er ist der „Mister Euro“, der die EU wie kaum ein anderer geprägt hat. Er ist beliebt. Beliebt bei den Menschen und bei den Medien. Er ist stolzer Luxemburger, oder, wie er selber sagt, „stolzer Patriot“. Bei den Menschen ist er beliebt, weil er immer eine humorvolle Ausdrucksweise findet, auch wenn er komplizierte Zusammenhänge erklären muss. Bei den Medien, weil er (Juncker über Juncker) im Gegensatz zu den anderen Politikern den Journalisten erzählt, wie es wirklich etwa bei den Sitzungen war. „Wenn wir in Brüssel Sitzungen hatten, wurde ich als immer erst als fünfter oder sechster nach meiner Meinung gefragt. Nach den Großen aus Deutschland, Frankreich, und so weiter. Ich habe dann nicht mehr, wie die anderen herum laviert sondern einfach gesagt, was wirklich geschehen war.“

Der stolze Patriot sollte in Echternach etwas dazu sagen, ob der Nationalstaat in Europa ein Auslaufmodell sei. Natürlich war auch hier bei ihm, trotz vieler ernster Aussagen, Humor angesagt. Schon einer der ersten Sätze zielte darauf ab. Nämlich, als er meinte: „Ich möchte mit Churchill beginnen, der gesagt hat, Prognosen seien immer dann schwierig, wenn sie die Zukunft betreffen.“ Und so sollte es auch weiter gehen. „Ich habe bei meinem Studium in Straßburg gelernt, dass ein Staat nur dann ein Nationalstaat ist, wenn er eine eigene Armee hat und eine eigene Währung. Nun, Luxemburg hat eine eigene Armee. 1 000 Mann stark, inklusive dem Verteidigungsminister.“

Aber Juncker sprach auch deutliche Worte. „Wir sollten aufhören, den Traum von den Vereinigten Staaten von Europa zu träumen.“ Er wollte damit sagen, dass er ein Gebilde wie in den USA nicht geben wird. Was einmal als eine Wirtschaftsgemeinschaft mit sechs Staaten begonnen hat, ist inzwischen so groß geworden, dass ihm eine Vereinigung unrealistisch erscheint. Junker: „Was kaum jemand beachtet, ist die Tatsache, dass alleine nach dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch des Ostblocks 27 Staaten in die europäische Völkerfamilie eingetreten sind. Was vorher unter dem Diktat aus Moskau abgeschottet war, konnte sich jetzt zum Westen öffnen. Das es gelungen ist, mit friedlichen Mitteln diese neuen Länder in dieses Europa zu integrieren, ist eine große Leistung.“

Ein klares Bekenntnis spricht Juncker dazu aus, dass die Kompetenzen der EU in den großen Angelegenheiten größer werden müssen. Aber er sagt auch: „Europa muss sich nicht um alle Alltäglichkeiten kümmern. Je mehr es sich um Kleinigkeiten kümmert, desto größer werden die Probleme.“ Er bezieht sich dabei auf die inzwischen von allen Politikern immer wieder angeführten normierten Duschköpfe oder die Ölkännchen in Restaurants. Eine gemeinsame Finanzpolitik und eine gemeinsame Außenpolitik mahnt er als unerlässlich an, wenn Europa seiner Rolle gerecht werden wolle. Als weitere wichtige Aufgabe sieht er den Kampf gegen den Hunger in der Welt an und klagt an, dass täglich alleine 26 000 Kinder an Hunger sterben.

Und dann wagt er doch einige Prognosen. Was die globale Wichtigkeit der einzelnen europäischen Staaten angeht. „In 25 Jahren wird kein europäisches Land mehr Mitglied der G7 sein, weil wir alle von den aufstrebenden Staaten überholt werden. 2020 wird Europa noch 11% der Weltbevölkerung stellen. 2100 werden es nur noch 4% sein.“ Mit Blick auf die weltweite Geburtenrate meint er: „In jeder Woche wird zwischen Sonntag und Mittwoch ein neues Großherzogtum geboren. 200 000 Menschen pro Tag.“ Daraus schließt er: „Alleine sind wir verloren.“ Nur die Gemeinsamkeit in den großen Dingen gebe uns Handlungsmöglichkeiten, wie es der Euro bewiesen habe. Ganz nebenbei bemerkt er auch, dass der Euro und er als aktiver Politiker die einzigen Überlebenden des Maastricht-Vertrages seien.

Nicht so befriedigend war dann der zweite Teil des Abends, in dem es die Möglichkeit gab, in die Diskussion einzutreten. Viele Fragen konnte nicht gestellt werden, weil Juncker dafür keine Zeit ließ. Er bekräftigte noch einmal sein Bekenntnis zum Nationalstaat und zur Einheit in der Vielfalt und sagte: „Ich bin stolzer Luxemburger und stolzer Europäer. Ich möchte mich zwischen diesen Beiden nicht entscheiden müssen.“ Dann kam die Information, dass noch zehn Wortmeldungen aus dem Publikum vorlägen, was Juncker mit der Aussage „und ich habe noch genau fünf Minuten Zeit“ quittierte. Zur Begründung sagte er, dass er gerade vom CDU-Parteitag aus Braunschweig käme und am nächsten Morgen nach Bulgarien fliegen müsse. Lange Gesichter gab es auch anschließend im Foyer des Trifolion. Es war angekündigt worden, er werde noch Bücher signieren. Den wartenden Menschen musste dann gesagt werden, dass Juncker schon weg sei. Eine herbe Enttäuschung für manch einen Wartenden.

Jetzt lokalo liken und alle aktuellen News rund um Trier und die Region, inklusive Luxemburg, sofort sehen und KOSTENLOS lesen

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Die Redaktion behält sich vor, Lesermeinungen zu kürzen. Es besteht kein Anspruch auf die Veröffentlichung Ihrer zugesandten Meinungen. Klarname ist nicht erforderlich. Eine E-Mail-Adresse muss angegeben werden, wird aber nicht veröffentlicht.