Eine Tür zu einer neuen Welt

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TRIER. Vor vollbesetztem Haus gab es im Trierer Stadttheater das sechste Sinfoniekonzert der laufenden Spielzeit. Am Ende stand jubelnder Applaus, der fast nicht enden wollte für ein Orchester und einen Dirigenten, die alles gegeben hatten.

Von Gerhard W. Kluth

Wofür braucht ein Orchester eigentlich einen Dirigenten. Zumindest ein Sinfonieorchester wie die Trierer Philharmoniker es sind. Der Klangkörper besteht aus Profimusikern, die das, was da in den Noten steht, auch alleine in Klang umsetzen könnten. Da gibt dann einer, vorzugsweise der Konzertmeister, den Einsatz, und das ausgewählte Werk kann erklingen. Braucht es da wirklich diesen Menschen mit dem Stöckchen, der eigentlich nichts tut, als ab und zu einzelnen Musikern zu zeigen, dass sie jetzt dran sind und der bestimmt, wie schnell oder wie langsam gespielt werden soll? Wenn das alles wäre, dann wäre die Frage berechtigt, warum eigentlich ein Dirigent vor dem Orchester stehen muss. Beim sechsten Sinfoniekonzert im Trierer Theater konnte man erleben, welche eigentliche Aufgabe ein Dirigent hat, in diesem Fall der Generalmusikdirektor Victor Puhl. Dass es weit mehr ist, als den Laden zusammen zu halten.

Es begann mit der Orchesterfantasie Isle of Bliss des finnischen Komponisten Einojuhani Rautavaara, die dieser 1995 zu Papier brachte. Übersetzt heißt das so viel wie „Die Insel der Seligkeit“. Ein musikalisches Gemälde, sich einmal weit öffnend, dann wieder sich verdichtend, intensiv. Ein Werk, in dem man eintauchen und, wenn man denn aufnahmebereit ist, sich verlieren kann. Das so etwas funktioniert, dafür braucht es ein gutes Orchester, bei dem alle Register, von der ersten Violine bis hin zum Schlagwerk, harmonieren und auf einander hören. Dafür braucht es aber auch einen Dirigenten, der eine Vision davon hat, was mit dieser Musik ausgesagt werden soll. Er braucht eine große Sensibilität, um die Stimmen auszutarieren, in ein Gleichgewicht zu bringen. Puhl hat dieses Gespür und ließ aus den Klängen tatsächlich eine Landschaft werden, in der die Zuhörer spazieren gehen konnten. Welch ein Auftakt.

Nach der Pause ging es noch einmal nach Finnland. Diesmal standen Jean Sibelius und dessen Sinfonie Nr. 1 in e-Moll im Mittelpunkt des Geschehens. Welch eine Tiefe, welch eine Empathie, die sich hier ausbreiten durfte. Schon der Anfang, durch Michael Corde (Soloklarinette) und Paukist Hans Rudolf gestaltet, ließ auf Grund seiner Schönheit aufhorchen. Dieser Anfang war wie ein Tor, durch das Orchester und Publikum in eine neue, eine andere Welt eintreten konnten. Beim Auftakt ließ Puhl die beiden Musiker alleine, aber nur, um danach die Philharmoniker und die Zuhörer an die Hand zu nehmen und durch diese Welt zu führen. Von lieblichen Landschaften bis hin zu zerklüfteten Gebirgen, alles war vertreten und alles war sehenswert. Puhl zeigte mit seinem Dirigat, was in ihm vorging, was er sah, und seine Mitstreiter setzten es um. Auch Musik hat Farbe und hier trat sie in allen nur denkbaren Schattierungen in Erscheinung. Mal etwas gedeckt, dann wieder mit einer Leuchtkraft, wie sie kräftiger nicht hätte sein dürfen. Dieses Opus 39, so interpretiert, fiel tief, hatte nichts Oberflächliches. Es berührte.

In der Regel gehört zu einem Sinfoniekonzert auch ein Werk für Solo und Orchester. Das sollte auch an diesem Abend so sein und Puhl wanderte dafür von Finnland nach Polen. Frédéric Chopins erstes Klavierkonzert, auch ein Opus 39, stand auf dem Programm. Für den Solopart hatte er die in China geborene und in Deutschland aufgewachsene Miao Huang eingeladen. In der Ankündigung zu diesem Konzert wurde die Künstlerin als eine „Ausnahmepianistin“ bezeichnet. Ein Titel, der heutzutage eigentlich seine Bedeutung verloren hat, denn die Anzahl junger Pianisten, die exzellent sind oder von denen es wenigstens behauptet wird, ist dermaßen groß, dass die Ausnahme gar keine mehr ist. Huang ist eine große Virtuosin, daran besteht kein Zweifel. Wen sie im Chopin-Konzert nicht überzeugen konnte, den gewann sie in ihrer Zugabe, den „Danzas Argentinas“ Opus 2 von Alberto Ginastera. Auch die technischen Ansprüche, die Chopin an sie stellte, meisterte sie problemlos und restlos überzeugend. Aber bei Chopin gibt es mehr. Trotz eines beeindruckenden Anschlags und trotz vieler traumhafter Vorlagen, die die Philharmoniker ihr machten, schaffte sie es nicht, dem Werk eine Seele zu verleihen. Hier fehlte es an Tiefe, die Lyrik und die Poesie kamen zu kurz. Virtuosität ist viel und manchen Virtuosen kann man nur beneiden. Aber, und die anderen beiden Werke des Abends zeigte dies mehr als deutlich, Virtuosität ist nicht alles.

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1 KOMMENTAR

  1. Die Konzertkritik deckt sich vollkommen mit der von Dieter Lintz im TV. Nur: beide loben den Rautavaara – der ist bei mir nicht angekommen. So ging es sicher der großen Mehrzahl der Hörer. Ab er sonst stimmt alles perfekt. Inklusive Zuordnung der Zugabe. Sibelius war eine Neuentdeckung!

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