Theater mit allen Sinnen erleben

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TRIER. Die Tuchfabrik geht neue Wege. Mit Thornton Wilders Stück „Unsere kleine Stadt“ startet das Trierer Kulturzentrum seine neue Classic-Reihe. Premiere ist am 3. Mai, aktuell sind bis zum 6. Juni sechs Aufführungen geplant. Regisseur Karsten Müller inszeniert das Werk des US-amerikanischen Schriftstellers, der für „Our Town“ 1938 den Pulitzer-Preis erhielt. Wilders kleine Stadt ist fiktiv, kann überall sein, kann also auch Trier sein. Episch ist das Stück des Amerikaners – allerdings ohne die klassenkämpferische Intention Brechts. Für die Premiere am 3. Mai verlost lokalo zwei Karten. (siehe Info-Box)

Von Eric Thielen

Irgendwo zuckelt ein Zeigefinger durch die Luft, bewegt sich eine Hand zur Türklinke. Die Klingel für den Finger aber gibt es nicht, die Klinke auch nicht. Alles ist imaginär, nur die Schauspieler sind echt. Sie stehen im Raum, bewegen sich zwischen den Stuhlreihen hindurch, sitzen, gehen, sprechen, lachen, weinen, schweigen. Der allwissende Erzähler allein hat den Überblick. Er führt durch die Handlung, blickt zurück und voraus. Er ist ebenso Teil des epischen Theaters wie der Purismus Programm ist. Wilder begnügte sich mit einem Erzähler, Müller baut in seine Inszenierung für die Tufa zwei ein.

Yin und Yang, schwarz und weiß, männlich und weiblich – so interpretiert Müller Wilder. Links auf der Bühne ein großes, weißes Alpha, rechts ein Omega als Gegenstück – Anfang und Ende. Dort hinein setzt Müller einen Jongleur, der mit Bällen hantiert. Der Mensch als Spielball des Lebens. „Textlich halten wir uns ganz streng an Wilder“, sagt Monika Wender, die Mrs. Gibbs im Stück. Müller nickt und ergänzt: „Ich kann mich da voll und ganz mit Wilder identifizieren.“ Visuell hingegen hat Müller den Amerikaner weiter entstaubt. Seine Inszenierung kommt praktisch ohne Bühnenbild aus. Ein paar schwarze Kuben, zwei Aluminiumleitern, mit schwarzem Tuch verhängt, ein Alpha und ein Omega – mehr braucht es nicht, um episches Theater zu machen.

Dafür haben seine Figuren E-Mail-Adressen und Facebook-Accounts. Man kann mit ihnen kommunizieren. „Und das wird inzwischen sehr gut angenommen“, freut sich Müller. Die eigene Website der kleinen Stadt ist nicht fiktiv, sie ist real, es gibt sie wirklich. Der Trierer Hauptmarkt als Titelbild, en miniature, Terminals mit QR-Codes an den Geschäften der City und ein Flashmob in den Geschäften – das und noch viel mehr gehört für Müller zum Theater. „Wir tragen unser Theater ins Publikum“, sagt der Regisseur. Und noch darüber hinaus, ließe sich ergänzen. „Unsere Figuren sind real, sie sind in der Stadt, an der nächsten Ecke stehen sie.“ Mit allen Sinnen soll der Zuschauer Theater erfahren – und erleben. Damit lehnt die Tufa sich unmittelbar an das Motto „Mit allen Sinnen“ des rheinland-pfälzischen Kultursommers an.

Eine Aufführung mitten in der Stadt, etwa auf Haupt-, Korn- oder Viehmarkt, ist jedoch nicht geplant. „Nein“, sagt Müller, „dafür ist das Ding zu groß.“ Und würde wohl auch den finanziellen Rahmen der Tufa sprengen. Ohnehin hat das Kulturzentrum bei 20 000 Euro Kosten für eine Schauspiel-Produktion Mut bewiesen. „Das ist zwar im großen Vergleich wenig“, so Claudia Stephen vom Tufa-Vorstand, „für uns aber ist es eine ganze Menge.“ Stephen gibt im Stück die Erzählerin – neben Johannes Metzdorf als Erzähler. Wie Stephen spielen in der kleinen Stadt viele semiprofessionelle Schauspieler Seite an Seite mit Profis. Das Ensemble ist gemischt, alle Mitglieder haben Bühnenerfahrung. Auch darüber will das Kulturzentrum seine neue Classic-Reihe etablieren.

Mit Wilders kleiner Stadt setzt die Tufa gleich zu Beginn ein Ausrufezeichen. Das Stück des US-amerikanischen Autors ist zeitlos. Grover’s Corners ist überall, nicht nur geographisch, sondern in uns, um uns und um uns herum. Alle sind immer und überall Bewohner von Grover’s Corners – auch in Trier. In der heilen Welt, die so überhaupt nicht heil ist, blickt man hinter die Potemkinschen Dörfer von Alltag, Seele und Geist, spiegelt sich das spießbürgerliche Leben. Der Alltag (1. Akt) wird irgendwie bewältigt, die Hochzeit (2. Akt) sinnleer gefeiert, der Tod (3. Akt) natürlich verdrängt.

Erst danach obsiegt die Realität, wenn sie schon nicht mehr ist. Emily darf vom Schattenreich zurück zu den Lebenden – zu ihrem zwölften Geburtstag. Sie erkennt, wie nichtig die Dinge sind, mit denen sich alle beschäftigen. Sie versucht, ihre Mutter wachzurütteln, und kehrt schließlich resigniert zu den Toten zurück. Hier ist Wilder im epischen Theater auch dialektisch, weil er Kritik an den sozialen Umständen übt, weil er ferner pazifistisch ist, weil er in und durch Emily menschlich gegenüber der Spießigkeit wirkt.

Tragisch ist Wilder aber nie. Und so will ihn Müller auch nicht verstanden wissen. Über seine Erzähler lässt der Regisseur Türen für seine Zuschauer offen. Durch die können sie gehen, lassen sie Wilders offene und versteckte Hinweise in ihr Herz. Wachrütteln, aufrütteln, nicht anklagen – darin liegen die Intentionen von Autor und Regisseur. Dafür lässt Müller das Publikum auch eine Stunde vor Vorstellungsbeginn in den Saal. Sechs Stationen führen in das Stück ein – jede steht für sich, jede steht für das Werk. „Auch so lässt sich das Theater mit allen Sinnen erfahren“, sagt Müller.

Sechs Aufführungen sind aktuell geplant – bis zum 6. Juni. Weitere könnten hinzukommen, sollte die Inszenierung vom Publikum angenommen werden. „Da sind wir völlig offen“, betont Stephen. Die Tufa wird also radikal episch, dialektisch zumal. Denn für jede Aufführung werden in Zusammenarbeit mit der Stadt zehn Karten für einkommensschwache Familien zur Verfügung gestellt. „Damit wirklich jeder zu uns kommen kann.“ (et)

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