180 Minuten der Andacht und der Reflexion

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TRIER. Es war eine Sternstunde der Kirchenmusik, die der neue Domkapellmeister Thomas Kiefer den Besuchern des Konzertes am Palmsonntag bereitete. Erstmals in der Geschichte der Trierer Dommusik stand das BWV 244, die Matthäus-Passion auf dem Programm. Ein gewaltiges Opus, dessen Wirkung sich niemand entziehen kann.

Von Gerhard W. Kluth

In einer Trierer Tageszeitung war einmal über eine Aufführung des Weihnachtsoratoriums von Bach zu lesen: „Weil man von den insgesamt sechs Kantaten zwei weg ließ, hatte das Konzert eine angenehme Länge von 100 Minuten.“ Nun, bei der Matthäus-Passion kann man nichts weglassen. Sie dauert knapp drei Stunden, was sie jedoch keineswegs unangenehm macht. In dem Rahmen, in dem sie zu Bachs Zeiten aufgeführt wurde, muss man sogar davon ausgehen, dass die Menschen um die fünf Stunden in der Kirche saßen, denn die Passion war in einen Gottesdienst eingebunden, in dem es auch noch liturgische Handlungen und eine ausführliche Predigt zum Karfreitag gab. Insgesamt hat der Thomaskantor fünf Passionen komponiert, von denen allerdings drei ganz oder teilweise verschollen sind. Sie stehen in einer langen Tradition und bilden den Höhepunkt in der kirchenmusikalischen Verarbeitung des Karfreitagsgeschehens. Seine Passion nach den Texten des Evangelisten Johannes hat Bach bis ein Jahr vor seinem Tod immer wieder überarbeitet, hat sie verändert. Für die Matthäus-Passion gilt es aber als ziemlich gesichert, dass sie uns in einer abgeschlossenen, endgültigen Form vorliegt. Sie genoss auch in der Bachfamilie ein besonderes ansehen, denn ehrfürchtig wurde von ihr als der „großen Passion“ gesprochen.

Vier Jahre nach der vielbeachteten Aufführung der Johannes-Passion, damals noch als Domkantor, wagte sich Domkapellmeister Kiefer nun an dieses überaus komplexe Werk, das für alle Ausführenden eine Herausforderung darstellt. Kiefer zeigte hier deutlich auf, wie vielschichtig der Beruf des Kirchenmusikers ist. Er hatte nicht nur den Chor, oder besser gesagt, die Chöre, die Solisten und das Orchester zu leiten. Seine Aufgabe war es auch, die Botschaften, die Bach in seine Musik hinein komponiert hat, zu vermitteln. Neben dem rein Erzählerischen, mit dem das Geschehen des Karfreitags vermittelt wird, hat Bach in der Passion auch sehr viele kommentierende Faktoren eingebaut. Etwa, wenn nach der Beschreibung, wie Judas zum Verräter an Jesus wird, die Arie „Blute nur, du liebes Herz“ folgt. Dazu gehören auch die vielen Choräle, mit denen die Chöre auf das Geschehen reagieren. Kiefer ging das Ganze erfreulich nüchtern an.

Im Gegensatz zu manch anderen Interpreten überzog er seine Version nicht mit süßlich trauriger Emotion, sondern er ließ die Musik, so wie Bach er verfasst hat, wirken. Die „Chorfamilie am Trierer Dom“, wie sich die aus Domchor, Domsingknaben und Mädchenchor bestehenden Vokalensemble der Trierer Mutterkirche nennen, folgte ihm dabei willig. Von der opulenten dreichörigen Eröffnung „Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen“ bis hin zum trauernden und doch auch tröstenden Schlusschoral „Wir setzen uns mit Tränen nieder“ waren die Chöre durchgängig hochkonzentriert bei der Sache. Sie zeichneten sich durch ein sehr ausgewogenes Klangbild und eine große intonatorische Reinheit aus. Die Leistung, die hier erbracht wurde, muss man umso höher einschätzen, als die Domchöre ja neben der Vorbereitung auf diese Aufgabe auch noch liturgische Verpflichtungen in der Trierer Bischofskirche haben. Welche personellen Qualitäten speziell der Mädchenchor und die Domsingknaben aufzubieten haben, zeigte sich in der Tatsache, dass Kiefer aus diesen beiden Gruppen die Solisten für die kleineren Rollen rekrutieren konnte. Laura Jochem, Julia Kallenborn, Caroline Kraus und Hanna Schilling meisterten ihre Sache ebenso vortrefflich wie Johannes Franken, Christopher Jackel, Heiko Köpke, Jakob Krupp und Julian Wust.

Den instrumentalen Part hatte das Münchener Barockorchester „L’Arpa Festante“ übernommen, von dem man fast sagen möchte, dass es das barocke Trierer Hausorchester ist. Schon seit etlichen Jahren ist es sowohl im Dom als auch in der Konstantin-Basilika regelmäßiger Gast. Auch diesmal war es ein absolut verlässlicher Partner, dem Kiefer blind vertrauen konnte. Unter der Führung von Konzertmeister Christoph Hesse bildete „L’Arpa“ einen homogenen Klangkörper, der mit allen Anforderungen bestens zurechtkam. Gerade in der Barockmusik hat auch das Orchester einen kommentierenden Auftrag, dem die Bayern überzeugend gerecht wurden. Seien es nun die unterschiedlichen Klangfarben, mit denen Bach arbeitet oder auch die Dynamik, mit denen die einzelnen Passagen ausgestaltet werden mussten. Alles lag bei diesem Klangkörper in den besten Händen.

Bei den Solopartien stehen bei einer Passion natürlich der Evangelist und Christus im zentralen Blickfeld. Mit dem Tenor Hans Jörg Mammel war, ebenso wie mit dem Orchester, ein alter Bekannter der Trierer Musikszene zu Gast. Seine Aufgabe war gewaltig, da er über das gesamte Werk hin gefordert wurde. Man konnte nicht leugnen, dass Mammel an einigen Stellen stimmliche Probleme hatte, dass ihm hier und da ein Ton verunglückte. Wesentlich aber war auch hier der verkündende Charakter, mit dem er seiner Rolle gerecht wurde, sie mit Leben füllte. Den Briten Simon Bailey hatte Kiefer für die Christuspartie gewinnen können und damit eine sehr gute Wahl getroffen. Bailey stellte sich und seine stimmlichen Qualitäten ganz in den Dienst der Musik. Oftmals erlebt man, dass diese Rolle von ihrem Darsteller mit viel zu viel Gewicht versehen wird. Schlank und immer der augenblicklichen Situation angepasst trat Bailey in Erscheinung. Nur so konnte die Enttäuschung Jesu über die schlafenden Jünger am Ölberg sichtbar werden. Nur so kam die Verzweiflung bei den Worten „Mein Gott, warum hast Du mich verlassen“ in vollem Umfang zum Tragen.

„Aus Liebe will mein Heiland sterben, von Sünde weiß er nichts.“ Mit diesen Worten beginnt eine Sopran-Arie der Passion. Man kann die darin steckende Aussage sachlich zur Kenntnis nehmen, aber man kann sie auch mit Erschrecken und fast schon ungläubig zum Ausdruck bringen. Letzteres tat Eva Leonardy. Ihr ganzer Gestus, die ganze Art, wie sie mit dieser Arie den Dom füllte, drückte diese verzweifelte Ungläubigkeit aus. Glockenklar strahlte dabei ihre Stimme, füllte das Gotteshaus auch in den Pianopassagen das Gotteshaus bis in den letzten Winkel. Jesus wird in seiner Passion von Petrus dreimal verleugnet. Mit der Alt-Arie „Erbarme dich, mein Gott“ kommentiert Bach das Verhalten des Apostels. Marion Eckstein, die kurzfristig für die erkrankte Marie Henriette Reinhold eingesprungen war, machte aus dieser Arie einen Dreh- und Angelpunkt. Mit tiefer Überzeugung, kraftvoll und doch demütig, verwandelte sie diese Arie in ein Gebet, in dem sich jeder, der schon einmal einen Freund verraten hat, einbinden konnte. Ein Erlebnis der ganz besonderen Art war die Kombination von Leonardy und Eckstein in ihren Duetten. Nahtlos passten ihre Stimmen ineinander, ergänzten sich und trugen sich gegenseitig dem Gewölbe entgegen.

Nicht ganz so überzeugend waren der Tenor Henning Kaiser und der Bassist Alexander Lauer. Kaiser gestaltete seine Partien an einigen Stellen etwas steif und legte zu viel Gewicht in seine Partien. Hier wäre weniger mehr gewesen. Lauer hatte das Problem, dass er in den tiefen Lagen nicht ausreichend Substanz aufweisen konnte, dass er eher über einen Bariton denn über einen Bass verfügt. Dadurch gingen manche Feinheiten leider unter.

Angenehme 180 Minuten waren diese Passion im Trierer Dom nicht. Eine Passion kann aufgrund ihres Inhaltes nicht angenehm sein. Nüchtern betrachtet waren sie ein künstlerisch restlos überzeugendes Erlebnis. Aber da war noch mehr. Es war eine Andacht, eine Reflexion, der man sich nur schwer verschließen konnte. Auf Facebook wurde die Aufführung mit der Bemerkung „das war ein Geschenk“ kommentiert. Ja, das war es wohl. Danke dafür.

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