Furioses Gastspiel: Urban Priol im Gerolsteiner Lokschuppen

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GEROLSTEIN. Er litt noch am „Sommerzeit-Jetlag“ und dennoch schaffte er es, von Aschaffenburg nach Gerolstein zu kommen: Urban Priol schmetterte am Freitag, 11. April, vor mehr als 500 Zuschauern sein brandneues Programm „Jetzt“ von der Bühne herab in die riesige Halle des Lokschuppens.

Sein Markenzeichen – rein äußerlich – sind seine Haare. Die stehen nämlich buchstäblich zu Berge und könnten Signalcharakter für sein Programm haben. Denn Urban Priol regt sich so manches Mal auf, wenn er an die deutsche Politik denkt. Mit Laptop und einem Glas Weizenbier bewaffnet lässt er nichts aus, was in Gesellschaft und Politik aufs Korn genommen werden muss. Da denkt er gerade an das verschwundene Flugzeug der Malaysia Airlines und hat einen Verdacht: „Das steht schon längst auf dem Berliner Großflughafen.“ Verschwunden seien auch die „diebische Elster“ – ein Seitenhieb auf den früheren Limburger Bischof Tebartz von Elst – und der Doktortitel von Annette Schavan. Da fällt ihm ein, dass es diesbezüglich von den Gelben und Roten noch keinen erwischt hat: „Die sind noch zu dumm zum Abschreiben.“

Plötzlich muss er noch schnell einen Anruf machen, zückt sein Handy und sagt: „Ich bin in Gerolstein und für mindestens zwei Stunden nicht zu erreichen.“ Eine Sekunde Ratlosigkeit im Publikum aber Priol klärt auf: „Das war eine kurze Mitteilung an die NSA.“ Lautstarkes Gelächter schallt durch die Halle und schon geht es weiter im Programm. Priol wettert über alles und jeden, über Uli Hoeneß und Alice Schwarzer, die dem einstigen Fußballchef gesagt habe: „Frauen können auch.“

Der Aschaffenburger packt aus über Putin, Seehofer, Steinmeier, Wulff, Gauck, Ursula von der Leyen, „das blonde Fallbeil“, kurz: über die gesamte Politprominenz. Man habe ihm gesagt, nicht immer so auf die Kanzlerin zu hauen, die könne was. „Und dann erfahre ich am Jahresende, dass se net mal Langlaufen kann.“ Verschont bleibt sie dennoch nicht, ebenso wenig wie Helmut Schmidt, „von dem Einige glauben, dass er noch lebt“, dabei sei er nur lebensnah nachgebaut.

Auch für andere Prominente gibt es kein Pardon. Seien es Fußballer wie Hitzlsperger oder Manager wie Mehdorn, der nichts leisten muss und sein Managergehalt nur bekomme, „weil er Schuld hat.“ Warum nicht auch den Nürburgring übernehmen?, fragt sich der Franke.

Priol redet ohne Unterlass, schnell und wortgewandt, ohne äh und äm, kommt in einem einzigen Satz vom Hundertsten zum Tausendsten, wedelt mit den Händen, fegt über die Bühne wie ein Irrwisch von rechts nach links, regt sich auf und kann auch nicht verstehen, wieso jemand Geld bezahlt, um sich beim Astro-Channel die Karten legen zu lassen. Es ist wohl die Sache mit der „schleichenden Entmündigung seitdem die digitale Welt die Macht übernommen hat.“

Die Deutschen lieben Rituale, weiß der Mittfünfziger: „Alle vier Jahre Wahlen, alle vier Jahre Weltmeisterschaft und in unserem Alter alle fünf Jahre Darmspiegelung.“

Auf jeden Fall habe er von der Politik eines gelernt, sagt der Kabarettist: „Sicheres Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit.“ Das Publikum ist auf seiner Seite, applaudiert anhaltend und sagt: „Der ist gut.“ Lydia Vasiliou

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