„Es ist nie zu spät anzufangen“

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WITTLICH. Das Eifel-Literatur-Festival ist eröffnet – das insgesamt elfte im 21. Jahr. Rund 1.500 Menschen sahen und hörten zum Auftakt am Mittwochabend im ausverkauften Wittlicher „Eventum“ einen der meistgelesenen deutschen Autoren der Gegenwart. Die mehr als 300 Bücher des Benediktinerpaters Anselm Grün erreichen inzwischen eine Gesamtauflage von 16 Millionen Exemplaren und wurden in über 30 Sprachen übersetzt. Wegen der großen Nachfrage kommt Grün im Oktober ein zweites Mal in die Eifel – dann spricht der ehemalige Cellerar der Abtei Münsterschwarzach in Prüm.

Von Eric Thielen

Was bleibt nach einem Abend mit Anselm Grün? Vielleicht eine weitere, alles abschließende Frage: Warum sind nicht alle Menschen so wie der inzwischen knapp 70-jährige Benediktinerpater? Möglich. Doch das wäre zu endlich, weil die Frage nicht nur unbeantwortet bleiben müsste, sondern seinem Phänomen nicht gerecht würde. In der Grauzone zwischen Anfang und Ende drängt sich im Erleben des Phänomens eine andere Frage auf: Wie gelingt es diesem weißhaarigen Mann im dunklen Mönchshabit Menschen zu begeistern? Liegt es schlicht nur am Charisma, der Ruhe, mit der er seine Sätze formuliert, und damit vorderhand am sichtbaren Bild des Benediktiners, oder aktiviert er mit dem, was er sagt, einen Punkt im Inneren seiner Zuhörer und öffnet damit eine Tür, aus der die Suche des Menschen nach sich selbst, die so alt wie die Menschheit ist, ins Licht tritt?

Grüns Anziehungskraft beruht auf einer Kombination beider Aspekte. Da ist die sichtbare Aura des in sich ruhenden Gegen-den-Strom-Schwimmers. Seine Schlichtheit allein macht ihn zum Antipoden einer schrillen Welt: Ruhe, Stille und Gelassenheit setzen ihn ab von der Hektik des vom Business gesteuerten Mainstreams. Man glaubt ihm, weil er echt wirkt. Man nimmt ihm ab, dass er trotz der Millionenauflage seiner Bücher nur wenig für sich selbst braucht – 50 Euro pro Monat, so heißt es, für die eigenen Bedürfnisse. Seine Spiritualität gründet nicht zuletzt in jener Ehrlichkeit, die ihm zu eigen zu sein scheint.

Doch es ist mehr als das. Wenn er darum bittet, aufzustehen, die Arme vor der Brust zu verschränken und mit ihm ein uraltes Gebet zu sprechen, dann nimmt man ihm die Ehrlichkeit auch darin ab. Nichts daran wirkt aufgesetzt, alles wirkt echt. Der katholische Mönch Grün versteht seinen Glauben an eine höhere Kraft als verbindendes Band, nicht als Ausdruck einer Trennung. Papst Benedikt XVI antwortete einst auf die Frage, wie viele Wege es zu Gott gebe: Ebenso viele, wie es Menschen gibt. Anselm Grün dürfte Josef Ratzinger darin zustimmen.

Wenn ihm von evangelikaler Seite vorgeworfen wird, er hinge einer esoterischen Heilslehre an, die Elemente aus christlicher Tradition, Psychologie und anderen Religionen zu einem gefährlichen Gift vermische, so setzt Grün dieser Kritik Sätze der Wahrheit entgegen. Dem Dogmatismus begegnet er mit seiner eigenen Art von Liberalität, der Ausgrenzung mit seinem umfassenden Verständnis von Liebe, die für ihn die höchste und wichtigste aller Tugenden ist.

Zu diesen Tugenden zählt der Benediktiner auch die Gelassenheit. „Man muss die Menschen so lassen, wie sie sind, darf sie nicht verbiegen oder gar brechen.“ Auf die Entschleunigung der Macher-Gesellschaft hofft Grün, der neben Theologie und Philosophie auch Betriebswirtschaft studierte und bis 2013 wirtschaftlicher Leiter (Cellerar) der Abtei Münsterschwarzach war. Er kennt folglich beide Aspekte menschlichen Seins – die Suche nach dem tieferen Sinn, aber auch die Zwänge eines determinierten Lebens, das von Soll und Haben fremdbestimmt ist. Wer sich täglich Sorgen um die nackte Existenz machen muss, findet wohl kaum Zeit, sich mit einem tieferen Sinn zu beschäftigen.

Grün weiß aus Erfahrung, auch aus jener in den eigenen Familie, dass daraus Bitterkeit entstehen kann. Zumal dann, wenn einem das Leben unter den Händen zerrinnt. Wer 20 ist, hält sich für unsterblich. Mit 30 dringt langsam die Einsicht durch, dass irgendwann alles zu Ende ist. Wer aber den Zenit überschritten hat, fragt sich nicht nur in stiller Minute, was wohl sein wird, wenn die Schatten sich senken? „Es ist nie zu spät anzufangen“, sagt Grün, wenn er dazu auffordert, das Leben in dessen ganzer Bandbreite und Komplexität anzunehmen.

Über „Die hohe Kunst des Älterwerdens“ spricht der Benediktinermönch an diesem Abend im Wittlicher „Eventum“. Vom pensionierten Schuldirektor erzählt Grün, dessen Verhalten im Ruhestand zu einer ernster Ehekrise führte. Von Altersdepressionen berichtet er, die ihm in Gesprächen mit Hilfesuchenden täglich begegnen. Und er blickt geradezu zärtlich auf das Leben seiner eigenen Mutter zurück, die aus Dahlem in der Eifel stammte, die zum Ausgang ihres Lebens hin von Krankheiten gezeichnet war und dennoch nie den Glauben an das Leben und die Liebe zum Leben verloren habe.

Die Kunst des Älterwerdens definiert Grün vornehmlich über die Kunst, sich selbst anzunehmen. „Oft stimmen bei alten Menschen die Bilder vom eigenen Selbst nicht mehr mit der Realität überein“, sagt er. Dann sei es hohe Zeit, von Illusionen Abschied zu nehmen. Man müsse lernen, von der Macht loszulassen, vom eigenen Ego und der eigenen Rolle. „Wer sich auch im Alter noch als Chef oder Macher definiert, obwohl er das schon lange nicht mehr ist, schlittert zwangsläufig in die Altersdepression, weil er unterbewusst gegen die falschen Bilder rebelliert.“

Dabei hätten gerade ältere Menschen der Gesellschaft sehr viel zu bieten. „Sie können Brückenbauer zwischen den Generationen sein“, sagt Grün und verweist auf den großen Fundus an Erfahrungen, der genutzt werden könne. „Das Alter ist der Herbst des Lebens.“  Man bringe die Ernte des Lebens ein, die Früchte als Nahrung, die alle satt mache. „Der Herbst hat die mildesten Farben und auch die buntesten des Jahres“, so Grün, und wer sein Leben dankbar, gelassen und mit Sanftmut und Liebe lebe, „der kann mit warmen Händen schenken“.

Letztlich gehöre dazu auch die Auseinandersetzung mit dem Tod. Grün kritisiert die Bestrebungen der Psychologie, die Todesangst zu verdrängen, weil auch die zum Leben gehöre. „Auch der Tod ist ein Loslassen“, sagt er. „Das Zeitliche zu segnen, gelingt nur dann“, so Grün, „wenn wir beides, das Leben und den Tod, angenommen haben.“ Rituale könnten dabei helfen, „weil sie Heimat schaffen und Wurzeln bieten“. Wie bei seiner Mutter, die täglich zwei Gebete gesprochen habe. „Und vielleicht gelingt uns die hohe Kunst des Älterwerdens, wenn wir ganz einfach ja sagen.“

Anselm Grün ist am 16. Oktober erneut zu Gast beim Eifel-Literatur-Festival. Dann spricht der Benediktinermönch um 20 Uhr in der Aula der ehemaligen Wandalbert-Hauptschule in Prüm. „Das literarische Flaggschiff des Kultursommers Rheinland-Pfalz“, so Staatsministerin Doris Ahnen, wird am 25. April mit dem Schweizer Moderator und Schauspieler Max Moor fortgesetzt – ebenfalls in der Aula der ehemaligen Wandalbert-Hauptschule in Prüm. Moor moderiert aktuell die Kultursendung „Titel, Thesen, Temperamente“ in der ARD, hat sich aber auch als Autor („Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht“) inzwischen einen Namen gemacht.

Dr. Josef Zierden, der das Festival seit 20 Jahren zusammen mit seiner Frau Birgit ehrenamtlich organisiert, kündigte am Mittwochabend zudem einen Überraschungsgast für den Herbst an. „Klein, aber fein“, so Zierden, sei das Festival in diesem Jahr. Man habe gegenüber den Vorjahren abspecken müssen, weil die ehrenamtliche und nebenberufliche Organisation an ihre Grenzen gestoßen sei. Trotzdem biete man auch heuer wieder „Sternstunden für Leser“ in der Eifel. (et)

Weitere Infomationen zum Literaturfestival gibt es hier.

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