„Ohne Rücksicht auf Verluste“

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TRIER. Der Überfall auf die R-Company, ein Trierer Autohaus am Porta-Nigra-Platz, hat heute ein Ende gefunden. Der angeklagte Sergej R. wurde zu sechs Jahren Haft verurteilt. Die Staatsanwaltschaft hatte 6 Jahre und 6 Monate, der Vertreter der Nebenklage acht Jahre Gefängnis gefordert. Die Verteidigerin hatte auf Freispruch plädiert.

„Ich schließe mich den Worten meiner Verteidigerin an. Ich hatte mit der Tat nichts zu tun.“ Das waren die so genannten letzten, gleichzeitig aber auch die ersten Worte seit dem ersten Prozesstag, seit den Angaben über seine Person, die von dem Angeklagten während der gesamten Verhandlungstage zu hören waren. Ansonsten hatte der 31-jährige Russe beharrlich geschwiegen und meist mit ausdrucksloser Miene der Übersetzung der Dolmetscher gelauscht. Und so war es auch, als Richterin Petra Schmitz das Urteil verlas: Sechs Jahre Haft wegen gefährlicher Körperverletzung in drei Fällen.

„Ohne Rücksicht auf Verluste“, hätten der Angeklagte und sein nach wie vor flüchtiger Mittäter am Nachmittag des 23. August auf den Besitzer des Autohauses, Michail P., dessen Angestellten Leonard K. und die Mutter von P. eingeprügelt. Für das Gericht stand außer Frage, dass der Angeklagte der Täter war. Die Vorsitzende sprach von einer „Bestrafungsaktion, weil das Hauptopfer sich den Zorn eines Geschäftspartners“ zugezogen habe, von einem „massiven Schlagstockangriff“ und Schlägen, die geeignet waren, Lebensgefahr heraufzubeschwören. „Der Täter ist überführt“, sagte Schmitz, „wären alle Beweislagen immer so klar, hätten wir es einfacher.“

Das sah Verteidigerin Swetlana Rosenzweig natürlich ganz anders. In einem 75-minütigen Plädoyer („Ich musste die Gelegenheit nutzen, etwas zu sagen, weil ich im Prozess ja nicht zu Wort kam“) hatte die Rechtsanwältin alle Zeugenaussagen als wenig glaubwürdig bezeichnet und auch die übrigen Beweise, wie die blutverschmierte Kleidung, Schuhe mit dem Blut der Opfer und Fotos als nicht relevant ansah. Sie führte an, dass das vermutlich eigentliche Ziel des Anschlags, der Eigentümer des Autohauses, einige seiner Verletzungen nicht beim Überfall erlitten habe. „Im ärztlichen Bericht vom Tattag war nur von Prellungen und Platzwunden die Rede, nicht aber von Frakturen und Rupturen.“ Ihre Vermutung: der Autohändler habe sich die im Bulletin nicht erwähnten Verletzungen beim Bodybuilding zugezogen. Zudem habe P. ihrem Mandanten im Gerichtssaal gedroht. „Wir haben Strafanzeige gestellt, nichts ist passiert.“ Den Zeugen unterstellte sie, unglaubhaft zu sein, da ihre Aussagen deckungsgleich mit denen der ersten Vernehmung waren. Die Rechte ihres Mandanten seien in diesem Prozess mit Füßen getreten worden. Die Tat an sich stellte sie nicht in Frage, „aber dafür, dass es mein Mandant war, gibt es keine Beweise.“ Demzufolge forderte sie für den schweigsamen Mann einen Freispruch.

Die Reihe der Plädoyers hatte Wolfgang Barrot eröffnet. Er nannte die Tat einen „Denkzettelfall“, bei dem die Täter eingereist waren, um P. abzustrafen. Und das in einer Weise, „dass man schon fast von versuchtem Totschlag reden muss.“ Barrot weiter: „Für den Angeklagten spricht fast nichts.“ In seiner Gesamtbewertung forderte der Ankläger bei einem vorgegebenen Strafmaß zwischen 6 Monaten und 10 Jahren schließlich 6 Jahre und 6 Monate Haft.

P. der als Nebenkläger im Prozess auftrat – allerdings nur am ersten Tag auch im Gerichtssaal war – wurde von Frank Schulze anwaltlich vertreten. Der Jurist hatte ebenfalls keine Zweifel daran, dass einer der beiden Täter auf der Anklagebank saß. „Er ist überführt“, so Schulze, der noch einen Schritt weiter ging als Barrot und die Schwere der Tat als „nahe am Tötungsvorsatz“ einordnete. „Mindestens acht Jahre“ müsse Sergej R. hinter Gitter, so Schulze, der wie alle anderen Prozessbeteiligten mitfühlende Worte für den zur Tatzeit sieben Jahre alten Sohn von P., den kleinen Milan hatte, der die Tat mit angesehen hatte, „und seitdem traumatisiert ist.“

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Binnen einer Woche kann gegen den Richterspruch Revision eingelegt werden. Wenn, dass wird dieses Mittel wohl nur von der Verteidigung Anwendung finden. Ankläger und Nebenkläger bezeichneten den Richterspruch als „sachgerecht“. Die Verteidigerin will sich erst einmal mit ihrem Mandanten beraten. (wir)

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1 KOMMENTAR

  1. Im Gegensatz zu den Strafen, die man in Trier erhält wenn man am Rindertanzplatz mit abgelaufener Parkuhr bekommt, sind 6 Jahre für einen geplanten 3-fach Mordversuch ja geradezu ein Schnäppchen.

  2. Wie gehts das jetzt eigentlich weiter?

    1. Wann tritt der Verurteilte die Haftstrafe an?
    2. Wo tritt er sie an?
    3. Was ist mit dem flüchtigen, zweiten Täter? Wie und wo wird da überhaupt gefahndet?

    Verstehe ich das richtig, dass der Verurteilte bestreitet der Taeter zu sein? Welche Beweise gibt es überhaupt?

    Und wie läuft das eigentlich ab, wenn ein Ausländer in einem fremden Land verurteilt wird. Sprechen da die beiden Laender miteinander, oder ist derjenige einfach „weg“? Oder kommt er in eine Luste von „vermissten Personen?

    Darf derjenige ausserdem dann noch Dinge klären? Ich meine da gibt es ja so banale Dinge wie Wohnung (kuendigen?), Telefon, Steuer, (evtl.) Arbeitgeber usw.

    Und wo bekommt ein Ausländer dann eigentlich einen Anwalt her?

    Sorry, aber für mich sind das interessante Fragen – die Tat ansich, Strafmass, etc. mal aussen vor.

    Bitte um Antwort.

    Vielen Dank.

  3. @ Interessiert:
    zu 1: Wenn er keine Revision einlegt bleibt er direkt in Haft. Wenn er Revision einlegt, bleibt er auch in Haft, weil : Flucht-und Verdunkelungsgefahr besteht. Die U-Haft wird auf die strafhaft angerechnet( 6 Jahre Haft – 1 Jahr U-Haft = 5 Jahre Reststrafe)
    zu.2: In der JVA Wittlich(zuständig für Männer mit 2-8 Jahren Haft für LG Trier
    zu 3: Der ist wohl Europaweit via Interpol zur Fahndung ausgeschrieben.
    Jeder Polizei-beamte im Land ist informiert.
    Wenn näheres bekannt ist , auch mit Zielfahndern. Aber dies wird nicht an die Presse gegeben. Aber: In Deutschland ist der ganz bestimmt nicht mehr.

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