„Man muss auch Kritik einstecken können“

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BITBURG. Seit 2010 findet die Gesprächsreihe „Einblicke“ Hause „Beda“ in Bitburg statt. Am Donnerstagabend war der langjährige Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Kurt Beck, dort zu Gast und stellte sich den Fragen von Herbert Fandel, dem ehemaligen FIFA-Schiedsrichter. Beck gewährte dabei Einblicke in seine politische Arbeit, sprach über Persönliches und die Gründe, die ihn seinerzeit in die Politik gebracht hatten.

Gastgeber Fandel führte Beck mit den Worten „Politik ist Ihr Leben“ bei den rund 220 Zuhörern ein. Dabei machte der Ministerpräsident a.D. sogleich deutlich, dass Politik nie eine Rolle in seiner Familie gespielt habe, als er aufwuchs. Dennoch reiche seine politische Prägung bis in die Kindheit zurück. Das gelte auch für seine erste negative Erfahrung mit der Kirche. Als Kind litt Beck unter einer schweren Form von Neurodermitis, teilweise auch sehr extrem im Gesicht. Aufgrund dieser Erkrankung sei er damals ausgegrenzt worden, nicht nur von anderen Kindern und deren Eltern, sondern auch von der Kirche.
Als Beispiel führte er an, dass er aufgrund seiner damaligen Erkrankung nicht Messdiener werden durfte, weil die Eltern der anderen Messdiener sich dagegen gewehrt hätten – möglicherweise aus Angst vor einer Ansteckung. Dies habe ihn damals empört, und es habe sich bei ihm so etwas wie eine innere Rebellion daraus entwickelt. Man habe damals nur zwei Lehren daraus ziehen können: Entweder man wird zum Außenseiter, oder man entwickelt ein Empfinden für Ungerechtigkeit. „Bei mir war Letzteres der Fall“, so Beck.
Aus seinem Gefühl gegen Ungerechtigkeit heraus, habe er immer gegen Ausgrenzung gekämpft, sagte Beck. Früher seien die Chancen auf Bildung nicht gleich gewesen, auch daraus habe sich bei ihm die rationale Überzeugung gebildet, viel für das Schulsystem zu tun, Kinder früh zu fördern und deshalb in die Entwicklung der Kindertagesstätten und in Schulen möglich viel zu investieren.
Da hakte Fandel nach. Ob Beck mit der Abschaffung der Hauptschulen zufrieden sei?, wollte der ehemalige FIFA-Schiedsrichter wissen.


Es habe immer gleiche Chancen für Alle geben müsse, sagte Beck. Deswegen sei er immer ein Befürworter der Hauptschulen gewesen sei – wegen der guten Vorbereitung auf die praktische Ausbildung, die diese Schulform gewährleistet hätte. Schließlich habe man jedoch konstatieren müssen, dass immer mehr ausbildende Betriebe mindestens einen Realschulabschluss erwarteten. Daraufhin habe er keinen Sinn mehr im Weiterbestehen der Hauptschulen gesehen.
„Und wie wurden Sie schließlich zum Berufspolitiker?“, fragte Fandel. Beck erzählte, dass er sich schon in seiner Jugendzeit in der Christlichen Arbeiterjugend engagiert habe. Stark beeinflusst hätten ihn damals Persönlichkeiten wie Bundeskanzler Willy Brandt oder auch Wilhelm Dröscher. 1972 sei der der SPD beigetreten, 1974 Mitglied des Kreistages Südliche Weinstraße geworden. Er war Sprecher der SPD-Fraktion im Landtag und Parlamentarischer Geschäftsführer sowie Fraktionsvorsitzender der SPD von 1991 bis 1994.
Gut erinnere er sich auch noch an die Zeit, als der damalige Ministerpräsident Rudolf Scharping nach seinem Wechsel in die Bundespolitik 1994 auf ihn zugekommen sei und ihn als seinen Nachfolger vorgeschlagen habe. Im Oktober 1994 wurde Beck vom Landtag zum Ministerpräsidenten gewählt und blieb es mit teilweise bemerkenswerten Wahlerfolgen bis 2013.
Auf Fandels Frage, ob er denn heute noch guten Kontakt zu Scharping oder auch zu Andrea Nahles, die ihn ja seinerzeit auf dem Mannheimer Parteitag attackiert habe, antwortete Beck, dass er Nahles deren Attacke damals übel genommen habe. Heute arbeite er jedoch gerne mit ihr zusammen, weil sie reifer geworden sei und auch aus Fehlern gelernt habe.
Heute sei der Handlungsspielraum auf der politischen Ebene weitaus geringer als früher, so Beck weiter. Das Parteienspektrum sei größer geworden. Dennoch müsse man stets bereit sein, mit allen demokratischen Parteien zusammenzuarbeiten. Das riet Beck auch seiner eigenen Partei: Die SPD dürfe sich nicht einmauern lassen, und müssen sich an Inhalten orientieren. Das gelte nachdrücklich auch für die Außen- und Sicherheitspolitik. „Hier darf keine Unsicherheit in Deutschland entstehen“, so Beck.
Zu einer möglichen Kanzlerkandidatur 2009 sagte der ehemalige Ministerpräsident: „Ich habe kurz darüber nachgedacht, mich dann ganz bewusst dagegen entschieden.“ Damals sei vereinbart worden, in einem kleinen Kreis einen Vorschlag zur Kanzlerkandidatur zu debattieren. Durch Indiskretionen seien Interna nach außen gelangt, seine Autorität habe gelitten. Daraufhin habe er seinen Rücktritt erklärt. „Niederlagen gehören nun einmal auch dazu“, sagte Beck. Vergessen habe er die Angelegenheit jedoch nicht. Seiner christliche Überzeugung habe ihm geholfen, nach einiger Zeit seinen Frieden damit zu machen. „Das war ein schmerzhaftes Erlebnis“, so Beck, das ihn lange beschäftigt habe.
Selbstkritik übte der Pfälzer auch. So habe er sich sehr über die Fehler geärgert, die am Nürburgring gemacht worden seien. Prinzipiell halte er die damaligen Vorschläge aber noch immer für richtig. „Wer nicht investiert fällt zurück“, so Beck. Man habe aufgrund von Gutachten und Analysen annehmen können, ja, das trägt sich. Schließlich sei aber alles zu groß geraten und dadurch sei letztlich das Finanzierungsmodel geplatzt. „Ich muss ganz klar einräumen, dass Fehler gemacht worden sind“, räumte Beck ein.
Volkswirtschaftliche Überlegungen und die Besserung der Lebensumstände der Menschen in der Region seien beim Nürburgring seine Beweggründe gewesen, sagte Beck. Es sei ja auch Geld verdient worden – durch Touristen etwa. Ferner seien Arbeitsplätze geschaffen worden. „Aber wenn was schief geht, muss man eben auch die Kritik einstecken können“, schloss der ehemalige Ministerpräsident.

von Petra Thomas

 

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