Uns Muuuselmetropol‘ – Geschichten. Legenden. Leit.

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    TRIER. Wir erinnern uns noch an das Vorhaben, „unser schön Städtchi“ Trier besser kennenzulernen. Der erste Artikel der losen Reihe „Uns’ Muuuselmetropol“ machte Halt im Maarviertel bei der Bäckerei Olbertz, beim Rosi „Aom Ecken“ und bei Rita Drumm in ihrem Tante-Emma-Laden. Aber was wäre es für ein Armutszeugnis für Deutschlands älteste Stadt, wenn es nicht mehr Geschichten zu erzählen und Neues zu entdecken gäbe.

    Wenn man an Trier denkt, denkt man zuallererst an Römer und an guten Wein. Wahrscheinlich denken jetzt einige, dass Trier gar mehr zu bieten hat, als die gerade genannten abgespeckten Assoziationen. Jedoch sind diese bei meiner Überleitung zum heutigen Thema nicht so dienlich wie unser guter Wein. Somit lassen wir sogar die Römer heute einmal die guten Römer sein.

    Das „vergessene Dorf“

    Oberhalb der stadtbekannten „Staatlichen Weinbaudomäne Avelsbach“, die heute 31 Hektar mit Weinreben umfasst, thront eine über 100 Jahre alte Siedlung, die Anfang des 20. Jahrhunderts von Strafgefangenen aus Wittlich errichtet wurde.

    Eine Straße und zehn Häuser

    In der Siedlung auf dem Grüneberg befinden sich neun Doppelhaushälften, die individuell anders gestaltet sind. Außerdem gibt es noch das alte Gemeinschaftshaus, das sich zwischen die Häuser einreiht. Sie befinden sich rechts und links der einzig existierenden Straße, der „Baltzstraße“. Die Namensgebung der Straße ist auf den damaligen Trierer Regierungspräsidenten (1855 – 1918) Dr. C. von Baltz zurückzuführen.

    Wie in einer anderen Welt

    Dort oben angekommen, gewinnt man den Eindruck des Inbegriff einer Idylle, denn diese Exklave ist heute ein romantisches Fleckchen Erde. Die Verschiedenheit der Häuser verleiht der Siedlung einen Freilichtmuseumscharakter. Doch was heute idyllisch und traumhaft erscheint, diente vor 100 Jahren nur einem einzigen Zweck: Die Arbeiter der Weinbaudomäne an ihren Arbeitgeber zu binden. Die Doppelhaushälften konnten gegen einen günstigen Preis gepachtet werden. Zusätzlich bekam jeder Pächter zwei Morgen Land (Anm. d. Red.: Ein Morgen entspricht heute 2 500 m²). „Ein Morgen für Kartoffeln und ein Morgen für Korn – entweder Weizen oder Roggen.“ So begrüßt mich Peter Blenz, einer der wenigen, der in der Siedlung geboren ist und bis heute dort lebt. Mittlerweile wohnt er mit seiner Frau seit 36 Jahren hier im vierten Haus der Siedlung und blieb somit immer in der Baltzstraße. Die Siedlungshäuser hatten auch einen integrierten Stall oder eine Scheune, so dass sie auf dem Grüneberg als Selbstversorger leben konnten.

    Zur Siedlung gehörte neben den neun Doppelhaushälften das Gemeinschaftshaus, das ab den 20er-Jahren als Schule genutzt wurde. „Dort gab es auch eine Backstube, in der jeder nach Absprache sein eigenes Brot backen konnte“, erzählt Peter Blenz weiter. Er ist einer von insgesamt Dreien, die überhaupt noch aus der „guten alten Zeit“ berichten können. Sein ganzes Leben hat er im Weinberg gearbeitet, was durch einen kleinen theoretischen Exkurs in Sachen Reben „Stecken, Schneiden und Binden“, zum Ausdruck kommt.

    Eine Schule für alle

    Da die Weimarer Verfassung 1919 die allgemeine Schulpflicht festlegte, mussten natürlich auch die Kinder der Arbeitersiedlung die Schule besuchen. So wie es schon in Wilhelm Busch’s „Max und Moritz“ heißt: „Also lautet ein Beschluss, dass der Mensch was lernen muss.“ Das Ehepaar Blenz erzählt von den Gegebenheiten in der Klasse zu ihrer Zeit: „Es gab nur eine einzige Klasse – ein Kind war sechs, das andere acht und manche auch schon vierzehn. So etwas würde es ja heute gar nicht mehr geben, aber damals war das so.“

    Heute wird die Schule privat genutzt. In den 70er-Jahren begann die Domänenverwaltung die Häuser zu verkaufen. Da die ehemalige Arbeitersiedlung seit 2004 unter Denkmalschutz steht, darf kein Haus mehr in der Baltzstraße gebaut werden, auch Änderungen am Äußeren der Häuser dürfen nicht vorgenommen werden. Ein kleines Fleckchen Erde, das gehütet wird wie ein Augapfel und wo die Welt ein romantisches Stillleben zu sein scheint. Anna Holkenbrink

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