„Da hab‘ ich keine Sekunde gezögert“

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    TRIER. Sie halfen, wo Hilfe dringend nötig war – sogar unter Gefährdung der eigenen Sicherheit und Gesundheit. Elf Männer und vier Frauen sind am Dienstagabend mit dem Trierer Preis für Zivilcourage geehrt worden. Zum zweiten Mal vergaben Polizei und Stadt diese Auszeichnung gemeinsam. Oberbürgermeister Klaus Jensen sprach von „gelebtem Bürgermut, Solidarität, Verantwortung und Nächstenliebe“, Polizeipräsident Lothar Schömann davon, „dass Staat und Polizei auf engagierte Bürger angewiesen sind“.

    Das hätte auch ins Auge gehen können – für ihn selbst. Als Amadou Konate im August des letzten Jahres auf dem Trierer Hauptmarkt einen Mann überwältigte, der Passanten mit einem Messer bedrohte, dachte er nicht an sich, sondern nur daran, dass er Hilfe leisten müsse. „Ich hab‘ keine Sekunde gezögert“, sagt der 17-Jährige heute. Von der einen Ecke des Hauptmarktes an der Fleischstraße sprintete Konate zur Sternstraße hinüber, packte den Messerstecher am Hals, warf ihn zu Boden und wartete auf seine Freunde, die ihm beisprangen.

    Konate war sich seiner körperlichen Überlegenheit bewusst. Der 17-Jährige misst gut 1,95 Meter, ein Modellathlet mit unübersehbarer Kraft unter dem T-Shirt. Dennoch setzte er Leib und Leben ein, um den bewaffneten Angreifer zu überwältigen. „Das war ein gewagter, aber auch sehr mutiger Einsatz“, sagte Polizeipräsident Lothar Schömann. Für Konate eine Frage des Prinzips und der Verantwortung: „Ich würde jederzeit wieder so handeln.“

    Nicht nur Konate dachte so, alle Geehrten bewiesen persönlichen Mut in unübersehbaren und teilweise auch gefährlichen Situationen. Wie Hassan Khan etwa, der – ebenfalls im August vergangenen Jahres – im Industriegebiet von Zewen einem Rollerfahrer das Leben rettete. Dessen Bein war von der Achse eines Lkw aufgeschlitzt worden, die Schlagader lag offen, der Mann drohte zu verbluten. Khan band das zerfetzte Bein ab, stillte die Blutung bis zum Eintreffen des Notarztes. Dass er dabei fast auf sich allein gestellt war, quittiert er heute mit einem Achselzucken. „Ich musste helfen, sonst wäre der Mann gestorben.“ Von mehreren Autofahrern erbat er Verbandskästen, viele seien einfach weitergefahren. Also behalf er sich mit zwei Gürteln und dem, was er sonst noch zur Verfügung hatte. Der Rollerfahrer überlebte, sein Bein wurde gerettet.

    „Ein solcher Einsatz kann nicht hoch genug bewertet werden“, sagte denn auch Oberbürgermeister Klaus Jensen, „weil es einfach nicht selbstverständlich ist.“ Deswegen seien Hilfeleistungen dieser Art „immer noch etwas Besonderes“. Aus diesem Grund habe der Rat der Stadt den Preis zu Zivilcourage 2010 ausgelobt, um engagierte Bürger entsprechend würdigen zu können. „Weil wir diese Zeichen für die Gemeinschaft honorieren wollen.“

    Besonderen Mut bewiesen auch Herbert Ripp, Marco Winter, Dennis Becker und Patrick Wolf. Sie retteten im September 2013 eine 89-jährige Frau aus einem brennenden Haus in der Trierer Lindenstraße. Ungeachtet der Gefahr, die durch die starke Rauchentwicklung bestand, sorgten sie sich um die Seniorin, die sonst vermutlich erstickt wäre.

    Dass persönliche Hilfeleistung nicht immer ausreicht, um andere ganz vor Schaden zu bewahren, musste Monika Braband erfahren. Die Angestellte bei der Volksbank Trier-Ehrang riet einer 82-jährigen Kundin ab, all ihr Geld für einen vermeintlichen Neffen von ihrem Sparbuch abzuheben. Die Seniorin war einem so genannten „Enkeltrickbetrug“ aufgesessen. Später musste Braband dann jedoch erfahren, dass ihre Kundin doch einem Komplizen des Betrügers ihren gesamten Schmuck ausgehändigt hatte. Das konnte die Bankangestellte zu ihrem Leidwesen nicht verhindern.

    Doch oft ist der persönliche Einsatz schließlich auch von durchschlagendem Erfolg gekrönt. Christian Andreas und Dominique Predalle verfolgten nach dem Raubüberfall auf die Tankstelle in der Ostallee die Täter und lieferten wichtige Hinweise zu deren späterer Festnahme. Marianne Backes und Hermann-Gerhard Gerdes retteten ihren Nachbarn, weil sie Polizei und Notdienst verständigen, nachdem sie tagelang nichts mehr von dem Mann gesehen oder gehört hatten. Drei Tage hatte der Nachbar hilflos in seiner Wohnung gelegen. „Jetzt geht es ihm wieder gut, er wurde gerettet“, erzählt Gerdes.

    Auch Raimund Wollscheid verfolgte einen Täter, der in der Herzogenbuscher Straße eine Bushaltestelle demoliert hatte. Durch sein beherztes Eingreifen konnte der Randalierer später festgenommen werden. Ebenso wie der Einbrecher, den das Ehepaar Manuela und Jan-Oliver Probst im Mai 2013 in der Trierer Wyttenbachstraße beobachtete. Ihre Personenbeschreibung führte schließlich zur Festnahme des Täters. Markus Becker half einem Zivilbeamten dabei, einen agressiven Randalierer, der bereits mehrere Spiegel von parkenden Autos abgetreten hatte, dingfest zu machen, bis die Verstärkung der Polizei eintraf.

    Diana Ketter ging hohes Risiko, als sie eine betrunkene Autofahrerin auf der B49 mit ihrem Wagen in einer Ortsdurchfahrt stoppte. Die alkoholisierte Frau war zuvor in Schlangenlinien vor ihr gefahren. Ketter überholte, setzte sich mit ihrem Fahrzeug vor das andere, verhinderte so bis zum Eintreffen der Polizei die Weiterfahrt der Betrunkenen und eine mögliche Gefährdung Unbeteiligter.

    Schömann würdigte den beispielhaften Einsatz aller Geehrten, rief aber zugleich zu besonnenem Handeln auf. „Wobei die Grenzziehung, wie und wo man hilft, jedem selbst überlassen sein muss“, sagte der Polizeipräsident. Auch Jensen sprach von einer Gratwanderung. „Hilfeleistung in prekären Situationen ist immer grenzwertig, weil sie auch mit Selbstgefährdung verbunden sein kann“, so der OB. Stets sei persönliches Engagement aber „ein Zeichen für die gelebte Gemeinschaft, für die Verantwortung dem Nächsten gegenüber“. Und das sei zugleich ein wichtiger Beitrag für die Demokratie, wie Schömann betonte. „Polizei und Staat sind auf die Hilfe engagierter Bürgerinnen und Bürger angewiesen – nur so kann Demokratie funktionieren.“ (et)

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    1 KOMMENTAR

    1. Es ist gut, das die Leute alle so gehandelt haben. Aber, mit Verlaub, dies sind alles Fälle, die unter Bürgerpflicht einzuordnen und somit selbstverständlich sind. Im Gegenteil, hätten sich die Bürger nicht so verhalten, hätte die Möglichkeit bestanden, das sie sich selbst Strafbar gemacht hätten. Stichwort: Unterlassene Hilfeleistung.
      Ich denke, das ist eher eine Sache, das der Polizeipräsident und der OB mal wieder in die Presse kommen.

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