Kultur ist, wenn man dennoch lacht

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Will im Sonner das neue Kulturleitbild der Stadt präsentieren: Thomas Egger.

Bildquelle: Eric Thielen

TRIER. Der Bezug zur Quadratur des Kreises ist nicht zu leugnen. Wenn Thomas Egger im Juli dem neuen Stadtrat sein „Kulturleitbild 2025 für Trier“ vorlegt, sind drei Jahre seit der ersten Bestandsaufnahme in die Stadt gegangen. Selten war der Prozess der Bürgerbeteiligung so groß, selten aber auch die Probleme. Nicht weniger war gefordert, als die gesamte Bandbreite des städtischen Kulturlebens unter einen Hut, respektive in ein Papier zu bringen. Erst die Provokation des Dezernenten, die er selbst als Streitschrift verstanden wissen will, öffnete im Prozess die Schleusen: Es hagelte Kritik, aber auch Zustimmung.

Von Eric Thielen

Wenn Thomas Egger auch mit den Händen spricht, dann ist klar: Triers inzwischen parteiloser Dezernent ist in seinem Element. Den gelben Umhang hat er zwar abgelegt, innerlich und programmatisch aber ist er ein Liberaler geblieben. Nicht erst im laufenden Prozess zum Kulturleitbild der Stadt wurde der Ludwigshafener nie müde zu betonen, es dürfe keine Denkverbote geben. Als der Rat im Juni 2011 beschloss, Trier brauche Kulturleitlinien, die bis 2025 und möglichst noch darüber hinaus gültig sein sollen, fiel ihm als oberstem Kulturhüter die undankbare Aufgabe der Ausarbeitung zu.

Vielleicht wucherte Strindberg in Eggers Kopf. Der schwedische Dramatiker hatte „die ganze Kultur“ einst als „eine große, endlose Zusammenarbeit“ beschrieben. Also versuchte er das Problem in großer Runde anzugehen. Doch der Zufluss von allen Seiten verstopfte die Kanäle. Heraus kam ein Wust, der kaum in Form gegossen werden konnte. Egger moderierte ab und legte im April 2013 seinen eigenen Entwurf eines Kulturleitbildes vor.

Was der Dezernent selbst als Streitschrift verstanden wissen wollte, war eine bewusste und auch gewollte Provokation par excellence. Seine Absage an Bestandsgarantien für Institutionen und Strukturen kam einer Revolution gleich. Das Theater konterte mit einer Stellungnahme, ebenso die TuFa und die Europäische Kunstakademie. Die Universität nahm Eggers Entwurf gar mit „einiger Sorge zur Kenntnis“. Doch Egger hatte erreicht, was er erreichen wollte. Er hatte den Staub weggeblasen und die Protagonisten der heterogenen Szene aus dem mollig-warmen Winkel hinter dem Ofen aufgescheucht – mochte der Aufschrei im Spannungsfeld zwischen Theater, TuFa, den Museen und den Hütern der Kassen am Augustinerhof auch noch so groß sein.

Heute steht Egger vor dem Publikum und schlägt moderatere Töne an. Er gibt ein „klares Bekenntnis zum öffentlichen Kulturhaushalt“ ab. Die Stadt stehe zur öffentlichen Kulturfinanzierung – auch wenn darum weiter gerungen werden müsse. Seine Idee der Stärkung der freien und damit hauptsächlich privat finanzierten Szene hat er deshalb keineswegs begraben. Einen Gegensatz zu den großen Institutionen sieht er aber nicht. Das ist auch das Ergebnis einer ganzen Reihe von Treffen mit Kulturschaffenden und Bürgern, die Egger im Sommer letzten Jahres auf die Tagesordnung setzte, um den Prozess über Diskussionen, Workshops und begleitende Veranstaltungen fließend zu halten.

Ein Ergebnis liegt noch nicht vor. Das räumte Egger am Mittwoch während der Abschlussveranstaltung ein. „Wir sind noch nicht so weit.“ Ursprünglich wollte er das Papier dem Stadtrat im April vorlegen, jetzt wird es wohl Ende Juli werden. Was in seinen Augen auch Sinn macht. Weil alle Fraktionen des Rates, die über eine eigene Kommission am Prozess beteiligt sind, das Papier mittragen sollen. Weil die Leitlinien deutlich über eine Legislaturperiode hinaus wirken sollen. Weil Konsens zwischen allen Ecken und Enden der Szene und dem zentralen Steuerungsmodul am Augustinerhof herrschen soll.

Der Kritik, das Papier könne in seiner endgültigen Fassung konkrete Maßnahmen der Kulturförderung vermissen lassen, stellt sich Egger – und kontert sie. Konkrete Maßnahmen seien schließlich aus den Leitlinien heraus zu entwickeln, betonte er am Mittwoch mit Nachdruck. Das aber sei Aufgabe des Rates und der zuständigen Ausschüsse. Auch sei es sinnvoll, das Papier erst im Juli dem dann neugewählten Stadtrat vorzulegen, der daraus konkrete Vorschläge entwickeln und beschließen könne.

Klar scheint allerdings zu sein, dass der status quo nicht zu halten sein wird. Der finanzielle Druck, unter dem die Stadt sich wegen der angespannten Haushaltslage befindet, macht auch vor der Kulturszene nicht halt. So soll, geht es nach Egger, das Theater möglichst rasch in eine neue Rechtsform überführt werden, wobei er eine GmbH unter städtischer Federführung präferiert. Anfreunden kann Egger sich aber auch mit anderen Rechtsformen, sofern dies vom Rat gewünscht werden sollte.

Eggers Forderung, gerade die großen Einrichtungen sollten sich dem Wandel nicht verschließen, dürfte demnach auch in das neue Kulturleitbild einfließen. Ihm schwebt deren Öffnung beispielsweise für die freie Szene vor, eine stärkere Beteiligung der Wirtschaft am Kulturbetrieb – sei es durch Sponsoring oder Fonds, die außerhalb des städtischen Etats angesiedelt sind. Städtische Zuwendungen – auch für die freie Szene – werden künftig noch konkreter als bisher unter dem Gesichtspunkt der Förderungsrichtlinien sowie der Zielvereinbarung stehen.

Eine inhaltliche Einflussnahme soll damit jedoch nicht verbunden sein. „Die Stadt respektiert die Freiheit der Kunst“, betonte Egger. Kultur habe sich in ihrem Eigenwert nie zu rechtfertigen, weil dieser aus sich selbst heraus existiere. Für Egger liegt darin auch eine Wertschätzung der Kulturschaffenden, „die nicht immer so vorhanden ist“. Ein Allgemeinplatz, wie Egger zusammen mit seinem externen Fachmann und Moderator Heiner Schneider zugibt. Auch das Leitbild werde davon nicht frei sein. Zu vermeiden sei das nicht, da es über Jahre hinaus wirken soll.

Eine deutlich verbesserte Kommunikation und weitreichende Kooperationen unter den Kulturschaffenden will Egger mit dem Papier anschieben, die Stadt als Dienstleister und Serviceanbieter ist von ihm gewünscht – vor allem für die freie Szene. Der Umbruch soll so eingeleitet und gelenkt werden. Bis Ende Juni soll die endgültige Fassung der Leitlinien vorliegen – unter erneuter Beteiligung und Diskussion aller im Prozess Involvierter. Damit in einigen Jahren eben nicht das vernichtende Urteil steht: Der Unterschied zwischen unserer Stadt und Joghurt ist, dass Joghurt eine aktive, lebendige Kultur hat. (et)

1 KOMMENTAR

  1. Ich bin und bleibe skeptisch, was die Zukunft des Theaters angeht. Man hätte schon mal überlegen müssen, ob so eine Institution für eine Stadt wie Trier noch zeitgemäß ist und ob die Unsummen, die dort verbraucht werden gerechtfertigt sind. Trier hat andere und größere Baustellen.

  2. „Städtische Zuwendungen – auch für die freie Szene – werden künftig noch konkreter als bisher unter dem Gesichtspunkt der Förderungsrichtlinien sowie der Zielvereinbarung stehen.“
    Das heisst doch nicht anderes, wie dass man langsam aber sicher die städtische Kulturbezuschussung aushöhlt und irgendwann auslaufen lässt, ganz nach dem Motto: macht ihr nicht, was wir euch sagen, gibt’s halt kein Geld mehr. Da kann Herr Egger auch noch so viel von der Freiheit der Kultur sprechen, ich denke, dass genau das das Ziel ist.
    Als Alibiveranstaltung muss jetzt ein sogenanntes neues Kulturleitbild herhalten, damit man hinterher sagen kann, man hätte ja etwas getan, um dann doch den Geldhahn irgendwann zuzudrehen. Ich denke, dass sich die Etablierten wie Theater, TUFA usw. mit ihrer großen Lobby immer durchsetzen werden, und die „Kleinen“ irgendwann in die Röhre schauen, auch wenn Herr Egger jetzt genau das Gegenteil behauptet. Alles wird schön unkonkret bleiben, damit man es später so oder so auslegen kann.

  3. Mit Karl M. Sibelius kommt einer der ganz Großen nach Trier! Seit vielen Jahren gehöre ich zu seinen Fans und habe seine Leistungen und sein Engagement verfolgt! Für mich ist er ein ausergewöhnlicher Mensch und ein großartiger Künstler!!!!! Seine Stücke hinterlassen immer eine Botschaft, die allerdings nicht von allen verstanden werden. Ich wünsche Herrn Sibelius alles Gute für seine neue Aufgabe und die Anerkennung die er verdient.Er wird dem Theater gut tun! Wer, wenn nicht ER?
    Ihr größter Fan

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