Politischer Aschermittwoch der CDU: wenig Angriff, viel Andacht

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TRIER. Traditionsgemäß stellt der Politische Aschermittwoch politischer Parteien eine Gelegenheit dar, einen meist derben rhetorischen Schlagangriff auf den politischen Gegner vorzunehmen. Gastredner Heiner Geißler überzeugte am Tag nach Karneval bei der Trierer CDU dagegen eher mit andächtigen Worten rund um den Moralbegriff in der Politik.

Kreisvorsitzender und Bundestagsmitglied Bernhard Kaster begrüßte zu Beginn der traditionellen Veranstaltung die rund 500 Gäste in der Trierer Arena, unter anderem auch den ehemaligen Beigeordneten der Stadt Trier, Georg Bernarding. Dieser hatte in seiner Amtszeit den Bau der Multifunktionshalle betreut. Dies stamme „aus einer Zeit, in der sich noch was bewegt hat im Trierer Stadtvorstand“, betonte Kaster. Dass er selbst ebenfalls ein „Macher“ ist, versuchte er mit einer geschickten Nebenbemerkung zu unterstreichen. „Morgen früh“ wolle er sich zusammen mit CDU-Landeschefin Julia Klöckner und Bundestagskollege Patrick Schnieder in Saarbrücken mit Vertretern der Deutschen Bahn treffen, um die Abkopplung Triers vom Fernverkehr zu verhindern. Darauf sollte auch Gast Heiner Geißler später noch einmal eingehen.

Entschuldigen musste Kaster außerdem CDU-Oberbürgermeisterkandidatin Hiltrud Zock. Die Trierer Unternehmerin fehlte aufgrund von beruflichen Verpflichtungen. Eigentlich sollte auch die OB-Hoffnung ein Grußwort halten. Es wäre wieder einmal einer dieser Glanzauftritte geworden, die die Trierer Medienfrau so sympathisch wirken lassen. SPD-Gegenkandidat Wolfram Leibe, der bisher gegen die Urtrierin eher blass wirkte, überzeugte gleichzeitig nur ein paar Meter weiter in der Orangerie des Nells Park Hotel beim Politischen Aschermittwoch der SPD (Bericht folgt).

Weniger glanzvoll präsentierte sich Europa-Parlamentskandidatin Simone Thiel anschließend an Kasters Eröffnung. Die 35-Jährige aus Saarburg kandidiert für die CDU Rheinland-Pfalz auf Listenplatz 3 für das Europäische Parlament, das gleichzeitig zu den Kommunalwahlen am 25. Mai gewählt wird.  Die studierte Volkswirtin und Politikwissenschaftlerin schaltete in ihrer Rede in den üblichen Wahlkampfmodus um: weniger Bürokratie, wirtschaftliches Wachstum und die Betonung der europäischen Idee für die Großregion. Mehrmals verhaspelte sich die Saarburgerin und erhielt anschließend nur einen gnädigen Applaus vom Trierer Publikum.

Ein anderes Bild dagegen beim Ehrengast und langjährigen CDU-Bundespolitiker Heiner Geißler. Der am Rosenmontag 84 Jahre alt gewordene ehemalige Bundesminister überzeugte mit Humor und rhetorischer Tiefe. Der Baden-Württemberger widmete seine Aschermittwochsrede nicht dem Angriff auf den politischen Gegner, sondern dem weitreichenden Thema “Moral und Politik”. Kein Mensch, auch kein Politiker sei ohne Sünde, betonte er, aber man müsse sich anstrengen und Vorbild sein. Bundeskanzlerin Angela Merkel lobte er für ihre „uneitle und tadellose Arbeit“, ihr könne niemand moralisch oder ethisch „an den Karren fahren“. Oft würde er auch gefragt, wie loyal man in der Politik sein müsse. Er antworte dann, man solle zunächst den politischen Grundsätzen treu sein und dann den Personen, die ebenfalls loyal seien. Damit spielte Geißler darauf an, dass auch er in seiner aktiven Zeit dafür bekannt war, von der Parteilinie abzuweichen. „Aber zu Grundsätzen gehören nicht das Bekenntnis zur Atomkraft oder die Beibehaltung der Wehrpflicht, sondern die christlichen und demokratischen Werte, zu denen wir uns bekennen“, appellierte er an seine Parteifreunde. Die Energiewende sei beispielsweise eine der wichtigsten politischen Entscheidungen der letzten 60 Jahre gewesen, betonte er.

Vor allem auf das Spannungsfeld zwischen Umwelt und Wirtschaftlichkeit ging der ehemalige CDU-Generalsekretär weiter ein, rekapitulierte beispielsweise die Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima oder erläuterte die verschiedenen Irrwege in den Betriebszielen der Deutschen Bahn. „Lassen Sie sich das nicht gefallen“, mahnte er bezüglich der Fernverkehrsabkopplung Triers, “hier will man Geld sparen auf Ihre Kosten!” Auch der internationalen Bankenwirtschaft unterstellte er fehlende Moral. „Die Gier nach Geld hat ihre Hirne regelrecht zerfressen“, mahnte er an. Fehlende Moral und fehlendes soziales Verantwortungsbewusstsein habe die Welt in verschiedene Krisen geführt. Das christliche Menschenbild der CDU, die sich zwar zur Sozialen Marktwirtschaft bekenne, aber das Prinzip christlicher Nächstenliebe nicht vernachlässige, stelle ein Gegenbild dazu dar.

Die CDU als Partei letzter moralischer Instanz, Geißler selbst als Mahner und Verteidiger eines Wertefundamentes: so sieht er sich gerne. Und auch die Trierer CDU-Mitglieder danken ihm seine eher ungewöhnliche Aschermittwochsrede, die mit nachdenklichen Appellen nur so gespickt war. Zwei Seitenhiebe konnte der Gast sich dann allerdings doch nicht verkneifen. Dem ehemaligen Koalitionspartner FDP unterstellte er „immer ein guter Partner“ gewesen zu sein, „die“ FDP seien aber jetzt „andere Leute“, betonte er und kassierte etliche Lacher. Den zweiten Frontalschlag erhielt die AFD. „Wer die wählt muss doch einen Zwillingsbruder haben. So dumm kann einer alleine nicht sein.“

Von Yvonne Romes

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