„Überall war Blut“

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TRIER. Am Donnerstag, den 20. Februar, begann der Prozess gegen einen russischen Staatsbürger, der gemeinsam mit einem Komplizen am 23. August des vergangenen Jahres ein Trierer Autohaus am Porta-Nigra-Platz überfallen haben soll. Die Verhandlung begann mit einer Stunde Verspätung, da die geladene Dolmetscherin nicht erschienen war und für Ersatz gesorgt werden musste.

Die Tat im Sommer des Vorjahres hatte großes Aufsehen erregt, weil sie tat am helllichten Tag begangen wurde. Laut Anklage vor dem Landgericht Trier hatten zwei Täter, von denen aber bis jetzt nur einer gefasst wurde, den Autohandel in der Nähe des Trierer Wahrzeichens überfallen und auf die dort anwesenden Personen mit „Totschlägern“ eingeprügelt. Die Opfer hatten dabei zum Teil gravierende Verletzungen erlitten.

Vor Gericht musste sich heute der 31jährige Sergej R. verantworten. Er war von mehreren Zeugen identifiziert und am Tattag in Trier festgenommen worden und befindet sich seitdem in Untersuchungshaft. Sein vermutlicher Komplize ist nach wie vor flüchtig. R. machte nur Angaben zur Person, aber nicht zum Tathergang.

Der Angeklagte, ein hünenhafter Mann, wurde in einem Jogginganzug in den Gerichtsaal hineingeführt und war dabei mit Handschellen fixiert. Der gebürtige Moskauer gab an, privater Unternehmer zu sein. Mit Ausnahme der spärlichen Angaben zur Person äußerte er sich lediglich im Flüsterton gegenüber seiner Verteidigerin Swetlana Rosenzweig oder der Dolmetscherin.

Der erste Zeuge, der gleichzeitig als Nebenkläger auftrat, war Michail P., Inhaber des Autohauses R-Company. Seine Schilderung des Überfalls erinnerte an einen Kriminalfilm.

Danach hatten am Tattag zwei Männer zwischen 14.30 und 15.00 Uhr sein Autohaus betreten und ohne ein Wort zu sagen, damit begonnen, auf ihn und einen seiner Angestellten einzuschlagen. Der 35-Jährige, der in der Schweiz wohnt und Geschäfte in Trier, Luxemburg und Moskau betreibt, sprach von vier bis fünf Schlägen, die ihn zunächst am Kopf getroffen hätten. Danach sei mit einem sogenannten „Totschläger“ weiter auf ihn eingeschlagen worden. „Ich wurde überwiegend am Rücken und am Hinterkopf getroffen. Der Angreifer hat nichts gesagt, nur geschlagen. Ich bin mir sicher, dass er von einer rechtsradikalen Organisation aus Moskau beauftragt worden ist.“

Der Geschäftsmann vermutet, dass sein Autohandel, der sich auf den Verkauf hochwertiger Fahrzeuge, die Panzerung von Regierungslimousinen und deren Zubehör spezialisiert hat, ursächlich für den Angriff war. „Ich habe einen Konkurrenten in Verdacht, der in Hamburg wohnt und ebenfalls aus Moskau stammt.“ Bei einem vorherigen Besuch der russischen Hauptstadt soll P. auch bedroht worden sein.

Das Geschehen im Autohaus eskalierte, als der Sohn des Überfallenen im Verkaufsraum auftauchte. Um ihn zu schützen, so P., habe er sich besonders intensiv und aktiv gegen den Angriff gewehrt. Es sei ihm gelungen dem Täter („Ich bin mir sicher, es ist der Angeklagte“) die Stahlrute aus der Hand zu schlagen. Der Angeklagte sei daraufhin geflüchtet, auch weil inzwischen Polizeisirenen zu hören waren.

Dann schilderte das Opfer die beim Überfall erlittenen Verletzungen: „47 Platzwunden am Kopf, ein Riss in der Schädeldecke, Abriss des Bizeps, gebrochener Mittelhandknochen und mehrere Prellungen.“ Demnach wurden die Platzwunden mit 140 Stichen genäht. Trotzdem dauerte der Krankenkausaufenthalt nur eineinhalb Stunden, danach verließ der Autohändler auf eigene Gefahr die Klinik. Zu einem späteren Zeitpunkt unterzog er sich noch zwei Operationen, völlig ausgeheilt sind die Verletzungen aber noch nicht. Bei der polizeilichen Befragung nach dem Überfall konnte er beide Täter anhand vorgelegter Passfotos zweifelsfrei erkennen.

Bei Nachfragen zu dieser Zeugenaussage kam es auch zum Zoff zwischen Staatsanwaltschaft (Eric Samel und Wolfgang Barrot) und der Verteidigerin Swetlana Rosenzweig. Die Rechtsanwältin hatte mehrmals dieselbe Frage gestellt, was Samel auf die Palme brachte: „Sie haben das jetzt schon mehrmals gefragt. Wir kennen die Antwort bereits, also lassen Sie das!“

Der zweite Zeuge war der ebenfalls geschädigte Leonid K., ein Angestellter von Michail P., der an diesem Tag, obwohl in Luxemburg tätig, auch im Autohaus weilte. Der 48-jährige Ukrainer wurde ebenfalls heftig geschlagen, auch er verließ, trotz multipler Verletzungen, noch am Abend das Krankenhaus. Die meiste Prügel bekam er ab, als er sich schützend über seinen 22-jährigen Sohn gelegt hatte. Bei der Befragung konnte er nur einen der beiden mutmaßlichen Täter, den Angeklagten, identifizieren. Auf Nachfrage erklärte Leonid K., dass er die ihm verabreichten Schläge, nicht definitiv zuordnen könne, sondern es sich um eine Schlussfolgerung handle.

Danach trat mit Eleonora P. das dritte Opfer in den Zeugenstand, die Mutter des Geschädigten. Sie war geschlagen worden, als sie ihren damals siebenjährigen Enkel schützen wollte, der schreiend in den Verkaufsraum gelaufen war. Sie musste am Kopf und einer Hand genäht werden. Auch sie verließ auf eigene Verantwortung das Krankenhaus. Ihre Kernaussage lässt Rückschlüsse auf das Geschehen zu. Auf die Frage was sie gesehen habe antwortete sie: „Überall war nur Blut!“ Diese Eindrücke hatten die Folge, dass sie über die Täter keine Angaben machen konnte. Der kleine Junge ist, nach Angaben von Vater und Großmutter, bis heute traumatisiert.

Polizist im Zeugenstand: „Das war eine Auftragstat“

Als letzter Zeuge des Tages kam der Kriminalbeamte Christian S. zu Wort. Er bestätigte alle Zeugenaussagen und gab zu Protokoll, dass alle Zeugen die mutmaßlichen Täter anhand ihrer Reisepässe erkannt hätten. Seine weiteren Aussagen lassen einen filmreifen Ablauf vermuten: „Solche Mengen an Blut habe ich noch selten an einem Tatort gesehen. Auf Grund unserer weiteren Ermittlungen gehen wir fest davon aus, dass es sich hier um eine Auftragstat gehandelt hat. Nach der Motivlage dürfte in das Geschehen auch der Hamburger Geschäftsmann L. involviert sein.“ Weitere Ermittlungen, die noch nicht beendet sind, haben auch die Erkenntnisse über die mutmaßlichen Täter untermauert. So konnten z.B. Telefonnummern aus gefundenen Handys und schriftlichen Unterlagen zugeordnet werden.

Seine letzte Aussage, dass es sich bei dem Angeklagten um einen Angehörigen der Organisation „White Power“ handelt, die der rechtsradikalen Szene zugeordnet wird, und „häufig für Auftragstaten gebucht wird“, unterstreichen seine Tätowierungen (u.a. Hakenkreuze und SS-Runen). Ermittlungsergebnisse, die auch von einem BKA-Mann aus Moskau bestätigt würden. Die Verteidigerin wollte den Namen dieses Polizisten wissen, den Christian S. aber nicht nannte.

Die Verhandlung wird am Dienstag, den 25. Februar, mit weiteren Zeugenaussagen fortgesetzt. (wir)

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1 KOMMENTAR

  1. Lieber Herr Rausch , ich habe mir die mühe gemacht und den Bericht über die gleiche Thematik im TV gelesen! Ich muss Ihnen sagen Ihr Bericht war wesentlich authentischer!!! Als Zuschauer diese Spektakels merkt man schon, daß Sie der einzige Journalist waren, der nach der Pause noch anwesend war und somit auch wesentliche Aussagen wiedergeben konnte! Für den mitlesenden Herrn Lintz , meinen Sie das mit minimalistischen journalistischen Anforderungen?

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