Ehemaliger Trierer Discokönig vor Gericht

0

TRIER. Am Donnerstag, den 20. Februar, wurde vor dem Amtsgericht Trier der Prozess gegen den Italiener Francesco S. eröffnet, dem vorgeworfen wird, 161 Arbeitnehmer im Zeitraum von 2005 bis 2013 unterschiedlich lang als Scheinselbstständige beschäftigt zu haben.

Der mittlerweile in Frankreich wohnhafte Angeklagte habe es als Verantwortlicher von vier Gastronomiebetrieben in Trier unterlassen, die Einzugsstellen von der Tätigkeit abhängig Beschäftigter als Arbeitnehmer zu unterrichten und deren Lohn anzugeben. Er habe die geschuldeten Beiträge auch nicht abgeführt.

Den berechtigten Einzugsstellen soll ein Gesamtschaden in Höhe von 540 343,61 Euro entstanden sein.

Zu Beginn der Verhandlung berichtete der 45-Jährige, dass er in Saarbrücken geboren worden sei. Zudem sei er verheiratet und habe ein 14-Monate altes Kind. An der Fachhochschule Trier habe er Architektur studiert.

Sein Verteidiger Dr. Andreas Ammer betonte, sein Mandant sei in vielen Punkten falsch beraten worden, was letztendlich „zu den Geschehnissen beigetragen“ habe. Ammer weiter: „Personen wie die Sicherheitsbeauftragten, die DJ’s oder die zuständigen Plakatierer wollten selbstständig arbeiten und sind keineswegs dazu gedrängt worden. In dem Bereich, für den die ‚Security‘ beispielsweise zuständig war, hat mein Mandant keine Anweisungen mehr gegeben. Die dafür Zuständigen haben ihre Arbeit ganz alleine ausgeführt.“

Zuletzt sagte er, dass der Angeklagte „natürlich mehr Kontrolle hätte haben müssen“, jedoch sei dies leider nicht der Fall gewesen. Die Zeugen, die am ersten Verhandlungstag aussagten, hatten überwiegend wenig bis nichts an der Praxis auszusetzen. Sie bewerteten nur die Tatsache, dass sie als „Selbstständige“ ein höheres Entgelt im Vergleich zu einer angemeldeten Festanstellung erhielten.

Die erste Zeugin war die 35-jährige Charisma L. aus München. Die Redakteurin war von 2009 bis 2010 im „Forum“ beschäftigt, einer der vier Firmen des Angeklagten. Sie habe in der Garderobe und im Bereich „Promotion“ gearbeitet. Auf Nachfrage des Richters, wie sie darauf gekommen sei, selbstständig zu arbeiten, antwortete sie: „Ich habe von ca. 70 Prozent meiner Kollegen erfahren, dass man einen Euro mehr verdienen kann, wenn man als Selbstständige/r arbeitet. Also habe ich das getan, es war meine eigene Entscheidung. Immerhin konnte ich so für die gleiche Arbeit mehr verdienen.“ Die Zeugin arbeitete insgesamt vier Monate als Selbstständige im „Forum“.

Der nächste Zeuge war Franky S., ebenfalls ein ehemaliger Mitarbeiter des „Forum“. Der 35-jährige sagte, dass er bis März 2008 als Angestellter und dann bis 2010 als Selbstständiger gearbeitet habe. „Ich war für die Security verantwortlich. Als ich davon hörte, dass ich mehr Geld verdienen könnte, wenn ich als Selbstständiger arbeiten würde, habe ich dies natürlich auch gemacht – wie die meisten meiner damaligen Kollegen auch.“ Einen Vertrag habe es jedoch nicht gegeben.

Es folgte Sandra M., die von 2008 bis 2010 bei dem Angeklagten beschäftigt war. Auch sie hatte zunächst nicht als Selbstständige für Francesco S. gearbeitet, dann aber den Gewerbeschein beantragt, da sie „von den Kollegen davon gehört hatte“.

An dieser Stelle betonte Rechtsanwalt Dr. Andreas Ammers noch einmal: „Die Leute sind niemals gefragt worden, ob sie selbstständig arbeiten wollen. Sie wollten es!“

Der 34-jährige Steuerfachangestellte Ronny S. war der nächste Zeuge. Er war von 2007 bis 2012 als selbstständiger Buchhalter für Francesco S. zuständig gewesen. Auch er sagte, dass sich „dieser eine Euro mehr“ einfach gelohnt habe.

Richter Hans-Jürgen Ferring sagte an dieser Stelle, dass ein sehr großes Problem darin bestanden habe, dass niemand die Rechnungen kontrolliert hatte: „Woher wusste man, wer letztendlich als Selbstständige/r gearbeitet hatte und wer nicht?“ Die Antwort von Ronny S.: „Das wusste man einfach zu dieser Zeit.“

Daniel B. hatte ebenfalls erst als Angestellter, dann als Selbstständiger im „Forum“ gearbeitet. Der 42-jährige Landwirt betonte, dass es sich für ihn einfach finanziell gelohnt habe.

Der 61-jährige Versicherungsbeauftragte Dieter L. sowie Herr H., der ebenfalls für Kontrollen zuständig war, konntem genaue Informationen geben. Dieter L. sagte: „Etwa 95 Prozent der Angestellten arbeitete damals in dem Club auf selbstständiger Basis. Ich habe die Rechnungen, die gestellt wurden, überprüft.“ H. berichtete daraufhin: „Es gab Durchsuchungsbeschlüsse, da der Verdacht des Vorenthaltens von Abgaben bestand. Wichtige Unterlagen wurden ausgewertet. Mir ist dabei vor allem aufgefallen, dass man in den Berufsgruppen, in denen die beteiligten Personen gearbeitet haben, überhaupt keine Selbstständigkeit ausführen kann.“ Über einen Schriftverkehr bezüglich des Wechsels der Arbeitnehmer in die Selbstständigkeit sei ihm nichts bekannt.

Der Prozess soll am 8. März fortgesetzt werden. An diesem Verhandlungstag sollen dann weitere Zeugen vernommen werden. (lau)

Jetzt lokalo liken und alle aktuellen News rund um Trier und die Region, inklusive Luxemburg, sofort sehen und KOSTENLOS lesen

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Die Redaktion behält sich vor, Lesermeinungen zu kürzen. Es besteht kein Anspruch auf die Veröffentlichung Ihrer zugesandten Meinungen. Klarname ist nicht erforderlich. Eine E-Mail-Adresse muss angegeben werden, wird aber nicht veröffentlicht.