„Mutti und Möpsi im Puckipuckiland“

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DAUN. Zwei Stunden intelligentes Kabarett zwischen „LoL“ und leisem Schmunzeln: Wilfried Schmickler verpasste der bundesdeutschen Realität eine satirische Breitseite. Seine Kernbotschaft: „Seien Sie zivil, aber ungehorsam!“ Rund 350 Vulkaneifeler waren begeistert.

 

Das Dauner Forum hat schon einige hochkarätige Kabarettisten auf die Bühne gelassen: Jürgen Becker, Dieter Nuhr, Alice Hoffmann, Lisa Fitz oder Konrad Beikircher regten hier die Lachmuskeln an. Auch regionale Humorgrößen wie Hubert vom Venn oder die „Weibsbilder“ sind regelmäßig zu Gast.

Wilfried Schmickler gehört zu den intellektuellen Schwergewichten der Szene, der nicht nur durch seine Auftritte in der – leider – eingestellten ZDF-Sendung „Neues aus der Anstalt“, sondern vor allem als Teil der Kölner „Mitternachtsspitzen“ bundesweiten Bekannheitsgrad erlangt hat.

Mit seinem Programm „Ich weiß es doch auch nicht“ tourt er seit 2013 durch Deutschland und gibt dabei einem verbreiteten Gefühl der Ratlosigkeit Ausdruck: „Das kann nicht wahr sein!“, man lebt in einem „Phantasialand der Schwarzmaler“. Wie der Abend in Daun zeigte: Videos auf YouTube gucken bringt einen nicht auf den aktuellen Stand der Dinge, Schmickler variiert sein Programm.

Das deutsche Grundphlegma jedoch bleibt sich treu… Ein Kontinuum, das er süffisant aufs Korn nahm: Ganz gleich, welche Hiobsbotschaften, Offenbarungen von Unrecht und Ungerechtigkeiten oder Katastrophennachrichten auf das Medienpublikum niederprasseln: Kanzlerin Merkel nimmt an Beliebtheit zu. „Sie kümmert sich um alles und hält sich aus allem raus – ‚Mutti‘ und ‚Möpsi‘ (so nenne man parteiintern Sigmar Gabriel) im Puckipuckiland.“

Schmickler wandte sich der digitalen Welt zu. Ein Patient fragt den Arzt, der ihn abhören will: „Brauchen Sie mein Passwort oder reicht die Mailadresse?“ Oder der CDU, die das „ABC der Alternativlosigkeit“ buchstabiere, in dem „Widerspruch Kieferbruch“ bedeute. Die Zukunft der medizinischen Versorgung? Schmicklers Praxistipp: „Horten Sie Medikamente, Zahnersatz, Gehhilfen und schaffen Sie eine Kühltruhe für Organe zum Transplantieren an!“

Beschleunigung und immer mehr Mobilität? Na klar, schließlich heiße es ja auch Lebenslauf. Zum Abschluss als Zugabe rezitierte er sein Gedicht über die Gier: „Was ist das für ein Tier, die Gier? Es frisst an mir, es frisst in dir, will mehr und mehr, und frisst uns leer…“

Dieser Kabarettist erwies sich einmal mehr sich als Sprachvirtuose mit perfektem Gespür für Rhythmus und Subtexte. Damit spielt er in einer anderen Liga als die so genannten Comedians, die mit Sottisen auf den Alltag für Schenkelklopfer sorgen. Bei Schmickler muss man zuhören und wach sein. Was die Bundestagsabgeordneten, die er karikierte, nach seiner Meinung nicht sind: Er sprach vom „parlamentarischen Wachkoma“ der Delegierten, die das Rauschen der Reden mit glasigen Blicken verfolgen.

Wer den Kabarettabend im Forum verließ, war garantiert für eine Weile geistig geschärft für die Absurditäten der deutschen Gesellschaft. Das Vulkaneifeler Publikum – ländlich und angeblich eher konservativ – ließ sich offensichtlich gern „wachküssen“ von intellektueller Brillanz, die mit dem einschläfernden Mainstream wenig gemein hat. Das hat in Daun eine Tradition, die auch künftig fortgesetzt wird.

Während zum Beispiel Alice Hoffmann alias Vanessa Backes für ihre mit viel „Melissengeist“ getränkte Kritik an Volksfrömmigkeit und katholischer Kirche andernorts erbosten Protest erntete, waren die Dauner hellauf begeistert. Wie jetzt von den gut platzierten Spitzen gegen die Parteien, die Politiker und die tumb mitmachenden Bürger. Angelika Koch

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