„Ich bete zu Gott, dass man nicht mit Panzern auf die Leute zusteuert“

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TRIER. “Das ist Diktatur”, erklärt mir Artur. Ich treffe mich mit ihm, um über die aktuelle politische Situation in der Ukraine zu sprechen. Artur Karas ist 21 Jahre alt und gebürtiger Ukrainer. Seit 2004 lebt er in Deutschland. Zum Wintersemester 2012 zog ihn sein Jura-Studium nach Trier. Er selbst bezeichnet sich als politikinteressiert, ist Mitglied einer Partei. Derzeit verfolgt er vor allem die Situation in seinem Heimatland, der Ukraine.

Täglich verschärfen sich die Meldungen, die über die weltweiten Nachrichten-Ticker laufen. “In den deutschen Medien kriegt man nicht viel mit”, sagt er. Er informiere sich vor allem über Facebook, halte Kontakt zu seinen Verwandten in der Heimat. Telefonieren sei meist allerdings nicht möglich. Vor ein paar Tagen habe er mit einer Verwandten gehabt, die sich in der Stadtmitte der ukrainischen Hauptstadt Kiew aufhielt. “Ich habe sie nicht verstanden. Man hörte nur Schüsse und Explosionen.” Er sei mit vielen Journalisten befreundet, die in der Ukraine sind, um zu berichten und steht mit ihnen über Skype und Facebook in Verbindung. Auch seine Familie sei engagiert. Seine Großmutter und seine Tante kochen in einer der provisorisch eingerichteten Küchen, um Demonstranten zu versorgen. Sein Onkel leistet finanzielle Hilfe.

Ein Großteil seiner Familie und seine Freunde sind Teil der ukrainischen Opposition. Seit Ende des vergangenen Jahres ist in seinem Heimatland nichts mehr, wie es vorher war. Begonnen hat alles am 21. November. Die ukrainische Regierung war nach Litauen gereist, um dort ein sogenanntes Assoziierungsabkommen zu unterschreiben. Dort sollte festgehalten werden, dass sich die Ukraine verstärkt der Europäischen Union öffnet. In einem plötzlichen Kurswechsel verweigerte die ukrainische Regierung allerdings die Unterschrift. Spontan versammelten sich tausende Bürger in Kiew, um gegen des Verhalten ihrer Regierung zu demonstrieren. Die friedlichen Protestveranstaltungen rissen auch in den nächsten Tagen nicht ab.

In der Nacht vom 30. November auf den 1. Dezember kam es erstmals zum Einsatz von Gewalt. Bei einer Studentenkundgebung griffen bewaffnete Polizisten ein, hinderten die jungen Demonstranten an einer Weiterführung ihres Protests. Seit diesem Zeitpunkt fordert die ukrainische Bevölkerung nicht mehr nur einen Pro-EU-Kurs, sondern auch eine Abdankung ihres Präsidenten Wiktor Janukowytsch.

Auch Artur brachte sich ein, organisierte mit Freunden eine Protestaktion vor der Trierer Porta Nigra, um auf die Vorkommnisse in seinem Heimatland aufmerksam zu machen. “Lassen wir uns gemeinsam unser lautes NEIN zu jeder Art von Menschenrechtsverletzungen in der Ukraine, im ganzen Europa und weltweit sagen!”, forderten er und seine Mitstreiter am 15. Dezember bei ihrer Veranstaltung.

Drei Tage zuvor war Artur zum Europäischen Parlament nach Straßburg gereist, um sich dort für die Belange seiner Heimat einzusetzen. Einem Journalistenteam von “Hromadske.tv” aus der Ukraine gab er dort ein Interview. Einen Tag später wurde das Redaktionsbüro des Fernsehsenders polizeilich durchsucht. Unter anderem wurde auch das Interview mit Artur gelöscht. “Das ist Diktatur”, kommentiert der Student die von der Regierung geplanten weiteren Gesetzesverschärfungen, die diese Art von Polizeieinsatz noch weiter legitimieren würden. Geplant sind unter anderem Internetsperren, Informationsweitergabe nur noch mit Regierungserlaubnis und keine politische Einflussnahme durch Nicht-Regierungsorganisationen. Damit wären dann auch alle Demonstranten gemeint, die sich auch jetzt noch tagtäglich in der Stadtmitte Kiews und mittlerweile auch in anderen Städten zu Protesten zusammenfinden. Fünf bis zehn Jahre Haftstrafe sollen zukünftig für diese Art von “Unruhen” verhängt werden.

Angst hat Artur vor allem davor, dass die ukrainische Regierung den politischen Ausnahmezustand verhängt. Dann könnte auch das Militär im Inland eingesetzt werden. “Ich bete zu Gott, dass man nicht mit Panzern auf die Leute zusteuert”, erklärt Artur. Aus der Ferne kann er nicht viel bewirken. Dennoch setzt er sich ein. Vor ein paar Tagen verfasste er Anschreiben an GEMA und YouTube. Die Anbieter hatten die Live-Übertragungen aus der Kiewer Stadtmitte gesperrt, auf denen Artur die Geschehnisse vor Ort fast 24 Stunden verfolgt hatte. Außerdem hat er Bundestagsabgeordnete, insbesondere die Zuständigen für die deutsch-ukrainischen Beziehungen angeschrieben, und um Erklärung gebeten, welche Konsequenzen Deutschland aus den Vorkommnissen ziehe.

Nach seinen Klausuren im Februar will Artur selbst in die Ukraine fliegen, um die Proteste zu unterstützen. Was seine Eltern davon halten, frage ich ihn. “Meine Eltern unterstützen mich in der politischen Mission, haben aber natürlich viel Angst um mich”, erklärt er. Er persönlich wünscht sich Demokratie für sein Heimatland, die Verbesserung der sozialen Verhältnisse. Aber er ist auch realistisch: die Revolution könnte niedergeschlagen werden. “Der Kampf um politische Freiheit wird dann zum Kampf um das eigene Leben”, befürchtet er. Trotzdem nimmt er die Reise nach Kiew auf sich, will seine Freunde nicht alleine lassen.

In Trier wird es auch nach einer möglichen Revolution in seinem Heimatland für ihn weitergehen. An der Universität hat er zusammen mit Freunden die Hochschulgruppe “Osteuropäischer Dialog” gegründet, die Veranstaltungen rund um die Beziehungen in die osteuropäischen Länder anbietet, zuletzt mit dem Bundestagsabgeordneten Bernhard Kaster und dem russischen Botschafter.

Als ich das Interview beende, bin ich zunächst geplättet von der Fülle an Informationen über die politische Situation in der Ukraine und gebe Artur Recht. In Deutschland empfindet man die Situation als bei Weitem nicht so angespannt, wie sie augenscheinlich ist. Ich habe Respekt vor Artur, vor seinem Mut, sich vor Ort für seine Ideale einzusetzen, aber vor allem vor seinem Einsatz, den er auch hier in Trier zeigt. (rom)

 

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