900 Trierer wollen Nico und Jörg das Leben retten

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    TRIER. Diese Resonanz machte selbst die Mitarbeiter der Stefan-Morsch-Stiftung, die sich der Hilfe für Leukämie- und Tumorkranke verschrieben hat, sprachlos. Rund 900 Menschen strömten am gestrigen Sonntag, den 5. Januar zwischen 12 und 17 Uhr in den Pfarrsaal St. Matthias, um sich typisieren zu lassen und damit in die Stammzellspenderdatei aufgenommen zu werden.

    Zirka fünf Liter Blut verteilt auf fast 900 Entnahme-Röhrchen sind gestern Abend im Labor der Stefan-Morsch-Stiftung in Birkenfeld eingetroffen. Es ist das Blut der Trierer, die am Sonntag die Ärmel hochgekrempelt haben, um Nico und Jörg, zwei an Leukämie erkrankten Menschen aus ihrer Heimatstadt vielleicht eine Chance zu geben, den Blutkrebs zu besiegen.

    Seit Wochen hatten Jessica Simon und Anja Lehnertz gemeinsam mit der Birkenfelder Stammzellspenderdatei die Typisierungsaktion vorbereitet. Freunde, Verwandte, Arbeitskollegen haben Plakate gedruckt, Flyer verteilt, Kuchen gebacken und Spenden gesammelt. Über Facebook und die Trierer Medien (auch lokalo berichtete) wurde der Hilferuf verbreitet. Und viele haben ihn gehört. Die Bundesliga-Basketballer der TBB, die Handballerinnen der DJK/MJC, die Fußballer von Eintracht Trier, Geschäftsleute, Schulkinder, Pfadfinder, Krankenschwestern oder Rentner – alle haben ihren Teil zur Hilfe beigetragen. Fast 900 haben sich typisieren lassen, um im Ernstfall vielleicht einem an Leukämie erkrankten Menschen durch eine Stammzellspende das Leben zu retten. Die Vereine haben den Aufruf veröffentlicht und einen Teil ihrer Eintrittsgelder gespendet um die Laborkosten für die Spenderregistrierung zu finanzieren.  Andere haben sich als Blutabnehmer zu Verfügung gestellt, Kuchen oder Crèpes verkauft.

    „Als wir den Aufruf gestartet haben, haben wir damit gerechnet, dass vielleicht 200 oder 300 Menschen sich typisieren lassen“, erzählt Emil Morsch, Vorstandsvorsitzender der Stammzellspenderdatei. „Doch was Jessica Simon, die Schwester des an Leukämie erkrankten Jörg, und Anja Lehnertz, die Hebamme des 13-jährigen Nico auf die Beine gestellt haben, hat alle unsere Erwartungen übertroffen“, lobt der 70-jährige Stiftungsgründer das Engagement der beiden Frauen.  Er freut sich aber auch über die Solidarität, die die Trierer gezeigt haben – in dem sie die Aktion finanziell und ideell unterstützt haben. Dass so viele Menschen die Ärmel hochgekrempelt haben und sich typisieren ließen, findet er sensationell.  Auch der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer dankt er, dass sie ganz spontan die Schirmherrschaft übernommen hat.

    Die Transportbehälter mit den Blutproben sind sicher in Birkenfeld angekommen. Hier werden in den kommenden Tagen, die Gewebemerkmale aller registrierten Spender analysiert und dann anonymisiert in das Zentralregister eingetragen, wo sie für weltweite Suchanfragen zur Verfügung stehen. Jede einzelne dieser Blutproben ist eine neue Chance – eine neue Hoffnung für einen  Leukämie-Kranken. Fast 11 000 Menschen erkranken jährlich an Blutkrebs – allein in Deutschland. Wenn Chemotherapie und Bestrahlung nicht helfen, bietet nur eine Stammzelltransplantation eine Heilungschance. Durch sie wird dem Patienten ein neues blutbildendes System eingepflanzt. Dazu braucht der Patient aber einen Spender, dessen Gewebemerkmale weitestgehend mit den eigenen übereinstimmen. Dann wird – manchmal weltweit – nach einem genetischen Zwilling gefahndet.  In den Knochenmark-und Stammzellspenderdateien wie der Stefan-Morsch-Stiftung sind weltweit fast 25 Millionen Menschen registriert und trotzdem ist es manchmal nur ein Glücksfall, dass sich für einen Patienten ein passender Spender findet.

    Was passiert bei einer Stammzelltransplantation?

    Wird ein passender Spender gefunden, kontaktiert die Stefan-Morsch-Stiftung den Spender. Er oder Sie werden erneut gefragt, ob sie freiwillig und unentgeltlich für einen unbekannten Patienten spenden möchten. Dann folgt eine Reihe von Voruntersuchungen, die dazu dient, herauszufinden, ob er wirklich der optimale Spender ist. Gleichzeitig soll ausgeschlossen werden, dass der Spender ein gesundheitliches Risiko eingeht.  Die Mitarbeiter der Stiftung beraten und begleiten den Spender während dieser ganzen Vorbereitungsphase. Jegliche Kosten für die Untersuchungen, die Versicherung, An- und Abreise zum Entnahmeort werden übernommen.
    Dann beginnt die entscheidende Phase vor der Transplantation: Mit der Übertragung von Stammzellen bekommt der Patient ein neues blutbildendes System. Die Stammzellen befinden sich im Knochenmark. Um sie zu übertragen, gibt es zwei Möglichkeiten: Die Entnahme peripherer Blutstammzellen aus dem Blut – ähnlich wie bei einer Plasmaspende oder Dialyse. Dazu wird dem Spender einige Tage lang ein körpereigener Botenstoff verabreicht, der die Stammzellen aus dem Knochenmark in das Blut übergehen lässt. In einer Entnahmestation werden dann die Stammzellen aus dem Blut herausgefiltert bzw. zentrifugiert. Apherese heißt dieses Verfahren, das heute am häufigsten angewandt wird.

    Bei der klassischen Methode – der Knochenmarkspende – entnehmen Mediziner etwa 0,8 bis 1,5 Liter Knochenmark-Blut-Gemisch aus dem Beckenknochen des Spenders – niemals aus dem Rückenmark. Dieser Eingriff dauert zirka eine Stunde. Über die Art der Spende entscheidet der Stammzellspender. Weder der Spender noch der Patient erfahren zu diesem Zeitpunkt, wer der andere ist. Spender und Empfänger bleiben in jedem Fall bis zum Ablauf von zwei Jahren anonym. Erst danach besteht die Möglichkeit, je nach Gesetzeslage des Landes, in dem der Patient lebt, dass Spender und Patient einander kennenlernen können.
    Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg: Parallel zur Vorbereitung des Spenders wird in der behandelnden Transplantationsklinik der Patient vorbereitet. Das bedeutet: Sein Immunsystem wird komplett ausgeschaltet – durch Bestrahlung oder/und Chemotherapie. Wenn er sich jetzt mit einem Virus infiziert oder es aus irgendeinem Grund mit der Stammzellspende nicht klappt, ist sein Leben massiv gefährdet. Emil Morsch, Vorstandsvorsitzender der Stefan-Morsch-Stiftung: „Eine Transplantation ist immer eine letzte Chance. Für den Patienten ist dies eine hoch belastende Therapie.“ (wir/red)

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