Uni Trier hilft Afrika

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TRIER. An vier Wochenenden in der Vorweihnachtszeit konnte man den  Stand „Uni Trier hilft Afrika“ Stand vor der Trier-Galerie entdecken. Die lokalo-Redaktion hat nachgeforscht, was es mit dem Projekt auf sich hat.

Mehr als 1000 Liter weißer und roter Glühwein wurden von insgesamt 23 Weingütern für den Stand gespendet. Er wurde von Freiwilligen betrieben, die fast alle schon mindestens einmal in Kenia waren oder im kommenden Jahr hinfliegen werden. Sogar Kathy ist mit dabei, eine Kenianerin, die in den Slums von Nairobi aufgewachsen ist. Seit einigen Jahren wird sie von Geldern aus Deutschland direkt finanziell unterstützt, zum Beispiel mit dem Erlös des Weihnachtsmarktstandes. Fleißig schenkt sie mit den anderen Glühwein aus und freut sich, dass sie selbst mit anpacken kann. „Ich weiß, dass das Geld von diesem Stand direkt sieben Kenianern, die meine Freunde sind, zu Gute kommt. Wir können dank dieser Unterstützung unser Studium fortsetzen, was für uns ansonsten unbezahlbar wäre.“

Kathy engagiert sich für die Stärkung der Rolle der Frau in ihrem Heimatland. Sie erzählt mir, wie enorm die Unterschiede zwischen Deutschland und Kenia sind. „Die Situation ist überhaupt nicht vergleichbar. In Kenia ist die Bildungssituation sehr schlecht und der Alltag von Frauen vollkommen anders.“ Frauen haben kaum die Möglichkeit eigenständige Entscheidungen zu treffen, obwohl sie den Großteil des Alltags in den Familien managen.“ Sie spürt aber, dass gerade ein Generationenwechsel vonstatten geht und damit auch ein Umdenken vollzogen wird. Ein Prozess, zu dem sie so viel wie möglich beitragen möchte.

In Kenia ist es Frauen nicht gestattet ein eigenes Bankkonto zu eröffnen oder Land zu kaufen. Es ist also kaum möglich eigenständig, ohne männliche Unterstützung, den Lebensalltag zu meistern. Frauen sind oft schlechter ausgebildet, weil sie seltener die Schulen besuchen können, stattdessen ihren Familien helfen, indem sie Kilometer weit laufen, um Wasser zu besorgen. Vermehrt gibt es nun Projekte, die die Besetzung öffentlicher Führungspositionen und Firmengründungen durch Frauen unterstützen. In Kenia soll es demnächst sogar eine neue Verfassung geben, durch welche 30 Prozent der Plätze an Frauen vergeben werden sollen. Jedoch wird die niedrigere Bildungsquote von Frauen im Vergleich zu Männern dabei zu erheblichen Problemen führen.

15 Trierer Studenten werden im kommenden Jahr von Februar bis April die Möglichkeit haben, vor Ort im Projekt „Woman Empowerment“ (Anm. d. Red.: Stärkung von Frauen) Erfahrungen zu sammeln. Dieses Projekt knüpft an das Engagement von Kathy an und soll Probleme und Notwendigkeiten vor Ort aufdecken und bekannt machen. Gemeinsam mit 15 kenianischen Studenten werden die jungen Akademiker vier Wochen lang interdisziplinär Themen diskutieren, erforschen  und nach Lösungen suchen, um die Situation möglicherweise zu verbessern.

Das Netzwerk soll und muss hier im Vordergrund stehen, erklärt Dr. Michael Johannes Nebe, der Initiator des Projekts und selbst seit Jahren in der Entwicklungshilfe engagiert, wobei er selbst diesem Begriff zutiefst kritisch gegenüber steht. In seinen Augen ist die Entwicklungshilfe ganz klar ein Geschäft, von dem die Industrieländer wie Deutschland profitieren. Für jeden Euro, den Deutschland als Kredit an diese Länder gibt, erhält es 1,80 Euro. Das geht aus einem Bericht des ehemaligen Entwicklungshilfeministers Dirk Niebel hervor, den er in der abgelaufenen Legislaturperiode des Bundestages veröffentlicht hat.

„Was wir vor Ort machen, ist ein Zusammenbringen von unterschiedlichsten Ethnien. Um die Probleme der sich bekriegenden Stämme zu lösen, muss zuallererst miteinander gesprochen werden. Bei 42 verschiedenen Sprachen ist an eine nationale Einigkeit, wie sie für uns Deutschland normal ist, nicht einmal ansatzweise zu denken. Zumal die Sprachen in Kenia, anders als die Dialekte hierzulande, sich nicht im Geringsten gleichen“, sagt Nebe. Durch das Erforschen von Zusammenhängen und die Veröffentlichung der Ergebnisse werden in Kenia möglicherweise Debatten angestoßen, die das Land voranbringen, allein, weil die Probleme thematisiert werden. Erfolge gibt es meistens nur im ganz Kleinen. Das muss den Helfern reichen.

Auch Lisa Grüner, Psychologiestudentin aus Trier, wird im Frühjahr mit nach Kenia fliegen. Sie hat von Freunden erfahren, wie engagiert Nebe ist und will das Land nun selbst kennenlernen. „Ich mache mir schon Sorgen, wie die Realität dort in den Slums aussieht. Aber ich möchte mit den Menschen dort sprechen und herausfinden, was sie wirklich benötigen.“ Sie war nach eigenen Angaben zwar schon einmal in Afrika, das Entwicklungshilfeprojekt ist jedoch für sie eine neue Herausforderung. „Ich werde versuchen vorurteilslos und mit offenen Augen in das Land reisen, um die Situation möglichst objektiv beurteilen zu können.“

Tobias Kranz und Michael Lopatynski, Studenten der Volkswirtschaftslehre, haben diese Erfahrung schon hinter sich. Im Sommer 2012 nahmen sie am Projekt mit dem Titel „Microfinance“ teil. Im Rahmen dessen wurden Interviews mit Anbietern von Krediten geführt und nachgeforscht, wie solche Kredite überhaupt eingesetzt werden. „Ein funktionierendes Kreditsystem trägt maßgeblich dazu bei, Entwicklung voranzubringen. Für viele Kenianer wären größere Anschaffungen ohne Kredit gar nicht möglich. Oft ist auch Aufklärungsarbeit notwendig, um den Menschen dort die Möglichkeiten aufzuzeigen, die sie mit ‚Microfinance‘ nutzen können,“ erklärt Tobias.

Michael kannte solche Initiativen in Afrika schon aus Erzählungen seines Vaters und Großvaters, die als Arzt oder Seemann bereits dort waren. Aus altruistischen Gründen, wollte er diese Tradition dann fortsetzen. Seine Erwartungen, vielen Menschen helfen zu können, wurden allerdings enttäuscht. Ebenso änderte sich seine Meinung über Entwicklungshilfe an sich. Er steht dem westlichen Bild über Afrika viel kritischer gegenüber. Auf die Frage, was ihn am meisten überrascht hat, geht er auf den vorherrschenden Rassismus vor Ort ein. „Als Weißer wird man dort völlig anders behandelt. Automatisch werden dir Attribute wie Reichtum, Bildung und generell Bilder einer besseren Welt zugeschrieben. Im Alltag kann sich diese Einstellung durchaus negativ auswirken. Als Weißer sollte man in der Öffentlichkeit bei Dunkelheit vorsichtig sein.“

Trotz zunehmendem Wohltätigkeitstourismus in Entwicklungsländer durch Abiturienten, um den eigenen Lebenslauf aufzumotzen, hält Michael die Reise nach Afrika für sinnvoll. „Je früher der Kontakt zu diesem Kontinent und seinen Bewohnern hergestellt wird, desto besser. Die Eindrücke, die man von dort mitnimmt, prägen den eigenen Charakter stark. Man überdenkt sein ganzes, vorgefasstes Bild über Afrika. Vor allem aber, weiß man die Annehmlichkeiten des Lebens, die für uns als solche schon gar nicht mehr wahrgenommen werden, wieder zu schätzen, wenn man zurück in Deutschland ist. Luxusprobleme verlieren zunehmend an Bedeutung, dafür werden Freunde, Familie und Beziehungen viel wichtiger.“ Marilena Häring

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1 KOMMENTAR

  1. Hallo Marilena,
    diesen Artikel hast du wieder sehr gut geschrieben. Er ist ausgewogen und bringt die kritischen Themen auf den Punkt! Weiter so…

    Viele Grüße
    Daniel

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