Essen Zigeuner wirklich Igel an Weihnachten?

    7

    FLIESSEM. „Ich habe gehört, dass Zigeuner an Weihnachten Igel in Beton gießen, den Klumpen im Feuer garen, anschließend den Beton abklopfen und dann den Igel essen… Stimmt das?“ Diese Frage ist tatsächlich im Forum „Cosmiq“ gestellt worden und ich konnte nicht umhin, Tränen über diese Frage zu lachen, aber es bedarf hier zunächst einmal ein wenig mehr an Hintergrundinformation.

    Unlängst wurde eine hitzige Debatte über die Verwendung des Begriffs Zigeuner geführt (lokalo berichtete). Ich denke, die Frage wurde ausführlich beantwortet. Es sei mir erlaubt in diesem Artikel den Begriff wertfrei einzusetzen, da ich mich selbst als Zigeuner bezeichne. Nun wurde an mich die Frage gestellt: „Wie feiern eigentlich Zigeuner Weihnachten?“ Bei der Recherche stieß ich auch auf die eingangs gestellte Frage. Doch nun zum Thema.

    Die Frage zu beantworten, wie Zigeuner Weihnachten feiern, erfordert zunächst einmal die Antwort, welche Religion Zigeuner haben – und schon da scheiden sich die Geister. Es gibt „Sinti, Roma, Jenische und andere Minderheitsgruppen nomadisierenden Charakters“. Während die beiden Erstgenannten gerne als „Sinti & Roma“ bezeichnet werden möchten, wünschen die anderen das nicht. Das Problem ist, dass die Angehörigen solcher Minderheiten nicht kategorisiert werden können. Es gibt unzählige „Clans“ unterschiedlicher Wurzeln mit ganz unterschiedlicher ethnischer Entwicklung, deswegen kann ich auch hier nur über eine mir bekannte Gruppe, nämlich der aus der Reihe „Goran de Goja“ schreiben.

    Es gibt keine „Religion der Zigeuner“, das hat damit zu tun, dass Zigeuner von der Gesellschaft lange verfolgt und diskriminiert wurden und dadurch – selbst wenn sie es gewollt hätten – keinen Zugang zu den Religionen bekamen. Im Wesentlichen beruht die „Gläubigkeit“ der Zigeuner auf Überlieferungen mystischen Wissens, Ahnenkult und vor allem von Sitten und Ritualen, die für Außenstehende als „Hokuspokus“ und Aberglauben angesehen werden – im Mittelalter gar als Hexerei. Für die Zigeuner aber, die in der Regel ein Leben auf der Straße unter härtesten Bedingungen bestreiten, essentiell wichtig waren, um das Überleben zu sichern. Gerne hat man sich den Regeln gebeugt in der Erkenntnis, dass ein Überleben im Clanverbund unter den besagten Bedingungen nur mit strengen Regeln überhaupt möglich war.

    Es gibt eine einfache Unterscheidung zwischen „rein“ und „unrein“, welches man in östlicher Weisheit vielleicht als Jin und Jang bezeichnet. Dass gewisse Dinge nicht an bestimmte Orte gehören, regelt insbesondere die Situation, wenn Menschen auf kleinem Raum zusammen leben. Zigeuner glauben an einen Schöpfer und an ein Universum, welches alles durch Ordnung und Rhythmus in Bipolarität (Tag/Nacht, Ebbe/Flut etc.) regelt. Wer im Wagen und im Clan lebt, unterwirft sich dieser Gesetzmäßigkeit. Von dieser ist man nur dann befreit, wenn man den Wagen verlässt und sesshaft wird. So kam es auch dazu, dass Zigeuner in unterschiedlichste Religionen eingetreten sind. Daher gibt es Zigeuner in jeder bekannten Religion.

    Doch zurück zu Weihnachten. „Ciu Feston fajro phalon“ (Jede Feier ist ein Feuer im Kopf) ist ein Zigeunerspruch aus dem vielleicht das Zitat „Man muss die Feste feiern, wie sie fallen“ abgeleitet ist. Zigeuner haben sich immer angepasst und alles mitgefeiert was es zu feiern gab, nicht zuletzt auch weil viele unter ihnen „Spielleute“ (Musikanten) waren.
    Zigeunerfeste müssen einer Sinnhaftigkeit unterliegen und es müssen Regeln bedacht werden. So ist es zum Beispiel die Aufgabe der Frauen, den Wein auszuschenken. Was auf den ersten Blick vielleicht diskriminierend wirkt, zeigt sich in der Realität so, dass die Frauen demnach auch entscheiden, wann es nichts mehr zu trinken gibt. Trinkbräuche werden sehr wichtig genommen. Es darf kein Alkohol ohne einen „Bondirante“ (Trinkspruch) getrunken werden, was ausschließt, dass sich jemand alleine betrinkt. „Pravy do lewego“ (von rechts nach links) ist ein Lied, wenn es erklingt, wird von rechts nach links (Schnaps) ausgeschenkt, geprostet und getrunken bis das Lied vorbei ist.

    Wenn der Herbst beginnt wird „angefeuert“. Der „Goran“ (Clanführer) bringt die „reine Flamme“ (meist in Form einer Kerze) in den Wagen. Damit wird der Ofen angefeuert. Dieses Feuer darf bis zur ersten Schneeschmelze nicht erlöschen. Alle Wagen werden mit ein und derselben „reinen Flamme“ angefeuert und auch die abendlichen Lagerfeuer. Erde, Feuer, Wasser und Luft gehören zu jedem Fest. „Mole“ ist ein Wort, das sowohl „Wasser“ als auch „Wein“ bedeutet. Den Unterschied hört man in der Betonung, wird das „o“ betont, ist Wasser gemeint, wird das „e“ betont geht es um „farbiges“ Wasser, also Wein. Für das Element „Luft“ stehen Rauchopfer, sei es Tabak oder Räucherwerk (Nadelholzzweige im Feuer). Für die „Erde“ stehen Tongefäße und hier kommt in der Tat der Igel ins Spiel.
    Es mag vielleicht befremdlich klingen, dass wirklich Igel gegessen wurden, aber wer sich einen Winter unter sibirischen Verhältnissen vorstellt, kann wohl verstehen, dass dies oft die einzige „Fleischquelle“ war. Zum Jahresende hat der Igel seinen Winterspeck angelegt und ist dann am nahrhaftesten. Zwischen Neujahr und Ostern dürfen keine Igel gegessen werden (Schonzeit). Traditionell wurde der Igel erlegt und dann mit Ton umwickelt. Dieser „Tontopf“ wird dann in einem Erdloch mit Glut begraben, darauf wird ein Feuer gemacht. Nach einigen Stunden wird der Igel ausgegraben, die Stacheln stecken im Ton fest und dann wird er verspeist. Das ist aber keine Weihnachtstradition.
    Es gibt keinen Weihnachtsbaum, das würde im beengten Wagen auch keinen Sinn geben. Bei den Geschenken gibt es genauso Regeln. Grundsätzlich darf man nur etwas verschenken, was man bei einem Clanmitglied erworben hat. Schuhe verschenkt man nicht, es sei denn man möchte, dass der Beschenkte geht. Messer zerschneiden die Freundschaft. Tabu sind Werkzeuge und Instrumente. Schmuckflaschen sind eine alte Tradition. Es wird ein kostbarer Wein ausgewählt und die Flasche wird (vom ältesten Sohn) bunt angemalt. Die Familienmitglieder legen alle zusammen und das Geld bekommt der Künstler. Die Flasche ist für das Familienoberhaupt bestimmt, das sie ein Jahr lang stehen lässt.
     Am Heiligabend wird immer die Schmuckflasche des Vorjahres geöffnet. Kerzen, Rauchwerk, Duftöle sind beliebte Geschenke. Backwerk, welches verschenkt wird muss am gleichen Abend gegessen werden, was übrig bleibt wird dem Wald geopfert. Der letzte Schluck Wein aus der Flasche gehört dem Boden. Die Jahreswende wird in jedem Fall gefeiert. Nach Mitternacht werden verstorbene Angehörige gefeiert. Wer ein Glas Wein trinkt, muss für jeden Verstorbenen ein weiteres trinken. An Neujahr gibt es einen Kuchen, in dem eine Silbermünze eingebacken ist. Wer das Stück Kuchen mit der Münze bekommt wird ein Jahr in Wohlstand leben. Geburtstage werden übrigens auch gefeiert, allerdings wird nicht das Geburtstagskind beschenkt und gefeiert, sondern die Mutter.

    Der Tisch gilt als „rein“, auf ihn darf nichts „Unreines“ gelegt oder gestellt werden, denn das bringt Unglück. Einen Schlüssel darf man nie auf den Tisch legen, da man ihn meist in der Hosentasche trägt, die unterhalb der Gürtellinie ist und alles was dort ist zählt als „unrein“. Vor, während und zwei Stunden nach dem Essen darf nicht gestritten werden, am Tisch an dem gegessen wird, darf grundsätzlich nicht gestritten werden und es darf keine „böse Post“ (Rechnungen, Schreiben von Behörden, Mahnungen etc.) dort geöffnet werden. Es gilt als unhöflich, wenn man den Teller nach dem Essen nicht ableckt. Prinzipiell gilt es höchsten Respekt vor dem Essen, demjenigen der es bezahlt, und demjenigen der es zubereitet hat, zu bekunden.

    Fari bona, belkonto bona. (Tue Gutes, ernte Gutes) ist ein grundsätzliches Sprichwort, was im Grunde die Basis des Zusammenlebens regelt. Vergleichbar mit dem deutschen Sprichwort: „Was du nicht willst, was man dir tu …“ Wer sich daran hält ist auch als „Gadsche“ (Nichtzigeuner) ein immer gern gesehener Gast. Harry Fröhlich

    7 KOMMENTARE

    1. Sie haben wohl einiges vergessen nämlich das es bei den Zigeunern auch UNREINE MENSCHEN gibt-die sind wie in Indien(wo die Z. sehr wahrscheinlich herkommen)ausgestossene der untersten Kaste.Z. bescherten sich sogar das ihre Kinder mit denen der Unreinen in einen Kindergarten gehen sollten.In der Slowakei Degesi(Hundeesser)genannt.

      Und da man mit „Unreinen“ Sachen nicht in Berührung kommen will geht man auch lieber in den Busch als aufs Klo.Klingt komisch ist aber so.Die EU gab Gelder für Häuser und WCs in Bulgarien,bei der Überprüfung stellte man fest das in den meisten Häusern kein WC eingebaut wurde…

      Wenn jemand stirbt wird alles verbrannt(von einem Deutschen Gericht erlaubt obwohl sonst verboten wegen Umweltverschmutzung)oder verschenkt.

    2. Zum Igelessen sollte man vielleicht einmal „Jenö war mein Freund“ von Wolfdietrich Schnurre lesen, bedrückend schön und schrecklich!

    3. Erstens. Sinti sind keine Roma und umgekehrt genauso!!! Zweitens. Sind wir Christen. Zumindest die sinti!
      Roma leben in der ganzen Welt , vor allem in Osteuropäischen Ländern. Aber natürlich auch in der Türkei, Spanien usw.
      Wir sinti sind seit über 600 Jahre hier in Deutschland sässig. Zahlen unsere Steuern, schicken unsere Kinder zu Schule und gehen Arbeiten. Und alles andere was man hört, ist alles Hokus Pokus!!!!

      • Und was ist mit denen in der Riverisstaße? Hier wird selbst von der Stadtverwaltung der begriff Zigeuner ( = ziehende Gauner) verwand.
        Wer sich in diesem Rechtsfreien Raum mal umsieht, wird wohl vermuten warum die Leute der Verwaltung den begriff verwenden.

    4. ja und wenn schon, die Franzosen essen Seeigel , hauptsache es schmeckt .
      Vielleicht sollten wir uns auch mal daran erinnern dass die Römer davon ausgingen dass die Christen kleine Kinder essen, allerdings hat sich hier kein Rezept überliefert .

    5. Hallo Zusammen

      Sinti’s wohnen seit über 600 Jahren in Deutschland. Roma’s nicht !

      Bei uns wird kein Teller abgeleckt! Es machen nur Schweine !!!
      Gast Freundlichkeit selbstverständlich !!!
      Wir sind meist alle Christen – freie Christen / Katholiken !
      Moslime gibt es bei den deutschen sintis KEINEN. Soweit uns bekannt … Also wovon hier geschrieben wurde , Weihnachten hokos pokus und die Mutter wird beschenk an MEINEM Geburtstag ist alles falsch. Wir Feier genau wie deutsche. Jedoch 10x größer und 20x mehr Fleisch 😛 und dazu gehört die weihnachts ganz und manche mögen auch leckeren Hasen!
      Geschmacksache ! Aber viele haben ein gräul dagegen. Moderne Zeit halt ^^.

      Hokos Pokus
      Abrakadabra
      Lästert nicht sonst Niere Weg xD

    6. Hört Mal auf euch Gedanken darüber zu machen was andere Kulturen essen und was nicht.
      Zigeuner ist eine Beleidigung und wenn man es richtig sagen möchte heisst das Deutsche Sinti schliesslich sind wir seit 600 Jahren hier in Deutschland sesshaft und wir Deutsche Sinti haben nichts mit Jenischen und Roma zu tun. Aber jeder unwissende Mensch schmeißt alle in einen Topf und nennt diese kleine Volksgruppen Zigeuner wirklich Lachhaft .
      Bitte informiert euch vorher im Internet schließlich will ja jeder Mal die Wahrheit wissen.
      Wenn nicht kann man mir gerne schreiben Versuche es dann zeitnah zu beantworten.
      Aber im Endeffekt kennen 90% der deutschen Einwohner die Unterschiede nicht.

      Schade wirklich weil wir kennen ja auch die Unterschiede zwischen Deutschland Österreich und der Schweiz 🙂 obwohl dort auch deutsch gesprochen wird

      Was euch wirklich Mal interessiert fragt ruhig.:-)

    HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

    Please enter your comment!
    Please enter your name here

    Die Redaktion behält sich vor, Lesermeinungen zu kürzen. Es besteht kein Anspruch auf die Veröffentlichung Ihrer zugesandten Meinungen. Klarname ist nicht erforderlich. Eine E-Mail-Adresse muss angegeben werden, wird aber nicht veröffentlicht.