Glaswüste im Touristenparadies?

0

MEHREN. Nach dem Aus für eine geplante Mega-Legehennenfarm in Birresborn ist die Vulkaneifel erneut im Visier niederländischer Agrarindustrieller. In Höhe der Autobahnabfahrt Mehren bei Daun will die Firma Jacobs Rieter aus Belfeld ein gigantisches Gewächshaus für Tomaten bauen. Eine Bürgerinitiative aus dem Ort wehrt sich gegen die Pläne der Ende November gegründeten „Gemüseland Vulkaneifel GmbH“.

Die Gegend rund um Schalkenmehren und Mehren ist bislang berühmt für drei der schönsten Eifelmaare. Verkehrstechnisch ist sie zugleich das Tor zur Vulkaneifel, denn die Ferienregion wird zumeist über die A 1 und A 48 angefahren, die hier ein Autobahnkreuz bilden. „Soll das erste, was Touristen von uns sehen, ein riesiges Gewächshaus sein?“, fragen Melanie Bley und Wolfgang Neis. Die beiden Mehrener haben eine Bürgerinitiative gegründet, die sich gegen Pläne niederländischer Investoren wendet, auf bisher landwirtschaftlich genutzter Fläche eine geschätzt sieben Hektar große Tomatenanbauanlage zu errichten. Es drohe eine Verschandelung des Landschaftsbildes und eine abschreckende Wirkung auf Touristen mit entsprechenden Verlusten an Arbeitsplätzen in der Gastronomie. Mehren ist ein Fremdenverkehrsort mit überdurchschnittlich hohem Gästeaufkommen. Als Teil der Verbandsgemeinde Daun gehört der Ort zum GesundLand Vulkaneifel.

Normalerweise würden die sonnenhungrigen Nachtschattengewächse im rauen Eifelklima gar nicht gedeihen. Zumindest kommen hier in der Regel keine Tomaten auf natürlichem Wege zur Reifung. Sie brauchen sehr viel Licht, sehr viel Wärme sowohl im Boden wie in der Luft, und eine gleichmäßige Bewässerung – nichts davon bietet die Vulkaneifel auf einer Höhe von rund 450 Metern über dem Meeresspiegel. Es sei denn, der Mensch hilft nach. „Wir befürchten, dass die in Gewächshäusern übliche 24-stündige Beleuchtung für die Anwohner eine unablässige Lichtbelästigung mit sich bringt und dass bei Nebel oder feuchter Witterung ein kilometerweit sichtbarer ‚Lichtdom’ entsteht“, heißt es in einer Mitteilung der frisch gegründeten Bürgerinitiative.

„Es stellen sich weitere Fragen nach dem Einsatz und Auswirkungen von Pestiziden, Toxinen und Abwässern auf unsere heimische Natur und die Gesundheit.“ Unüberschaubar sei auch das Risiko des im industriellen Tomatenanbau üblichen Einsatzes nicht-heimischer Insekten zwecks Bestäubung. Die so genannten Nützlinge könnten, so lautet die Befürchtung, bei geöffneten Glashausdächern entweichen und die Eifeler Fauna und Flora negativ beeinflussen. Sorgen macht auch die erwartete Geruchsbelästigung aus der integrierten Kompostieranlage und Ausbringfläche am Ortsrand von Mehren. „Die niederländischen Erzeuger bezeichnen bereits den Anbau gemäß der Global-GAP-Zertifizierung als biologisch. Doch der Standard wird beispielsweise von WWF und Greenpeace als nicht ausreichend abgelehnt“, so Neis.

Last but not least: „Das 2012 neu beschlossene Gewerbegebiet Berenderpfad wird verhindert, da der größte Teil der Fläche für die Gewächshausanlage verbraucht wird.“ Damit werde die Chance auf eine nennenswerte Anzahl qualitativer Arbeitsplätze vertan: „Erfahrungsgemäß arbeiten in derartigen Betrieben fast ausschließlich eigens angeworbene Osteuropäer. Zwar hat Investor Jacobs angekündigt, sich an Mindestlöhne zu halten, aber die wären selbst nach einer flächendeckenden Einführung ab 2017 und ohne Ausnahmen gerade im Agrarsektor in Deutschland niedriger als in den Niederlanden.“ 

Für Irritation sorgen bei den Kritikern des Projektes auch weitere bislang unbeantwortete Fragen. „Mal ist die Rede von vier Hektar, dann wiederum wird deutlich, dass sich die Investoren bis zu 13 Hektar sichern wollen“, schildert Neis die Unsicherheit darüber, wie groß die Anlage tatsächlich werden soll. Der Nebenerwerbslandwirt selbst wurde nachdrücklich gebeten, 2,3 Hektar seines eigenen Landes an die Investoren zu verkaufen – wozu er nicht bereit ist. Als gelernter Bauingenieur zweifelt Neis auch an technischen Aspekten des Vorhabens: „Für Gewächshäuser braucht man absolut ebene Flächen. Doch aufgekauft werden stark geneigte Lagen – welchen Sinn macht das? Wer kommt für die Kosten der Planierung auf?“

Auch die langfristige Perspektive wirft nach seinen Angaben mehr Fragen auf. Die Beheizung des Gewächshauses soll über das benachbarte Biomasse-Kraftwerk eines Holzunternehmens funktionieren. „Was ist, wenn das nicht permanent gewährleistet ist und wenn das EEG nicht mehr fördert? Haben wir in etwa 15 Jahren eine riesige Fläche unter Glas, ohne etwas damit anfangen zu können?“

Bislang hat Bürgermeister Josef Ring (CDU) auf die Anfrage der lokalo-Redaktion keinerlei Stellungnahme zum Projekt abgegeben. Auf der Homepage der Gemeinde wurde ein bereits eingestellter Bericht über einen Delegationsbesuch aus Mehren vor Ort im niederländischen Venlo „zur Bearbeitung“ wieder heruntergenommen.

Währenddessen hat nach den Ereignissen rund um die geplante niederländische Legehennen-Farm in Birresborn der Gerolsteiner Verbandsgemeinderat eine Resolution beschlossen, die Gemeinden und Verwaltungen dazu aufruft, der agrarindustriellen Landwirtschaft keine Zukunft zu geben.

Markus Pfeifer, Geschäftsführer der „Regionalmarke Eifel“, hatte – wie auch die Landtagsabgeordneten Dietmar Johnen und Astrid Schmitt – ebenfalls deutliche Kritik an der Mega-„Eierfabrik“ geübt. Die Pläne, Tomaten im großen Stil in Mehren anzubauen, sind neu für Pfeifer – nähere Informationen dazu hat er bislang nicht. Zum Portfolio der Regionalmarke gehören bislang überdies keine Tomaten. Auf Anfrage der lokalo-Redaktion äußert er sich daher lediglich allgemein: „Wir als Regionalmarke stehen für regionale Lebensmittel, nachhaltige Forstwirtschaft, qualifiziertes Handwerk, gelebte Gastlichkeit und für Naturschutz. Wir sehen in der möglichst gleichzeitigen Zielverfolgung und wechselseitigen Entwicklung dieser fünf Bereiche mittel- bis langfristige positive Effekte für unsere wertvolle Natur- und Kulturlandschaft der Eifel. Wir wollen dazu beitragen, dass wir mit den gewachsenen Strukturen der Eifel und deren fleißigen und typischen Familienbetrieben die bisherige positive Entwicklung hin zu einer ganzheitlich lebenswerten Region von innen heraus weiter vorantreiben.“ Angelika Koch

Jetzt lokalo liken und alle aktuellen News rund um Trier und die Region, inklusive Luxemburg, sofort sehen und KOSTENLOS lesen

1 KOMMENTAR

  1. Aber billige Tomaten und Pizza aus Wittlich (Ja, da sind auch viele Tomaten drauf) wollen alle essen.
    Oh heiliger St.Florian, schütz unserer Haus, zünd andere an.

  2. „Soll das erste, was Touristen von uns sehen, ein riesiges Gewächshaus sein?“

    Ja, vielleicht wäre das besser als verfallende Eifeldörfer ohne jegliches wirtschaftliche Rückgrat?
    Ich sehe sie schon vor mir, die Scharen von Touristen, die – wie Stubenfliegen um eine Lampe – tagelang geblendet und verwirrt um die Gewächshäuser kreisen…

    Da gibt es also ein benachbartes Holzkraftwerk, das nun auf aktueller „Geschäftsgrundlage“ anderthalb Jahrzehnte Wärme liefern kann…aber danach? Nee, lassen wir besser alles bleiben, was nicht mindestens(!) eine Ewigkeitsgarantie in sich trägt.

    Und dass der Investor in Deutschland Löhne nach (dann) deutschem Recht zahlen will….Skandal!

    Diese obskure „Bürgerinitiative“ scheint ein Manifest gesättigtem Irrsinns zu sein.

  3. @Biene: Auf welche Quelle beziehen Sie sich? Aus welchem Grund?
    geht den Niederländern etwa das Wasser aus, das sie in die Tomaten packen?

  4. Das wirklich Bemerkenswerte ist doch, dass Deutschland mittlerweile auch im Ausland das Image eines Billiglohnlandes hat. Nirgendwo sonst kann man mit staatlicher Hilfe seine Mitarbeiter besser ausbeuten als im schönen Deutschland. Und zur Not hilft der Staat dem armen Arbeitgeber mit Hartz 4 Aufstockungen für die Mitarbeiter.

  5. @Mario: Guter Einwand! 🙂 Der Investor sollte schleunigst das Weite suchen…bevor jetzt irgend jemand für sein Geld zumindest anteilig eine Leistung erarbeiten muss, ist „rein Hartz4“ bestimmt die viel bessere Lösung.

  6. @Sven: Nein, ich seh das schon auch so dass man sich eine Leistung erarbeiten sollte. Das Problem dabei ist, dass sich die einen die Tasche voll machen auf Kosten der anderen. Und wenn Väterchen Staat armen Arbeitgebern dabei hilft Löhne mit Hartz aufzustocken, dann kostet uns das alle Geld. Im Endeffekt zahlt der Steuerzahler die Löhne für den niederländischen Tomatenproduzenten – und genau da sollte sich jedem vernünftigen Mensch die Frage stellen, was verkehrt läuft in diesem schönen Land…

  7. @Mario: Im Artikel war vom (dann gültigen) deutschem Mindestlohn die Rede…müsste eigentlich OK sein.
    Selbst den Aufstocker-Löhnen kann ich generell etwas abgewinnen: nicht jede Tätigkeit, die erbracht wird, ist ca. 16-20 Euro pro Stunde wert. Das ist mindestens das, was die Stunde einbringen muss, um jemandem für diese Tätigkeit 8,50 Euro auszuzahlen.

    Was jetzt tun, wenn eine Tätigkeit dies einfach nicht hergibt? Erste Möglichkeit: Tätigkeit nicht erbringen lassen mit dem Resultat, dass diese (sicherlich irgendwie nützliche) Leistung keinem zur Verfügung steht, jemand gar nicht arbeitet und irgendjemands Leben VOLLSTÄNDIG aus Transfereinkommen gezahlt wird.
    Alternative: Die Leistung anbietetn, demjenigen zahlen was möglich ist und nur den Rest aus Transfer zahlen. Resultat: die Leistung wird erbracht, jemand arbeitet zumindest anteilig für seinen Unterhalt und der (von der Allgemeinheit getragene) Transferanteil ist geringer als bei einer Vollfinanzierung.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Die Redaktion behält sich vor, Lesermeinungen zu kürzen. Es besteht kein Anspruch auf die Veröffentlichung Ihrer zugesandten Meinungen. Klarname ist nicht erforderlich. Eine E-Mail-Adresse muss angegeben werden, wird aber nicht veröffentlicht.