„Man hätte den Baum sofort fällen müssen!“

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TRIER. Der zweite Verhandlungstag im Prozess gegen Gerhard T., einen Mitarbeiter des Grünflächenamts der Stadt Trier im Zusammenhang mit dem Baumsturz des vergangenen Jahres im Wilhelm-Rautenstrauch-Park stand ganz im Zeichen der Aussage eines Sachverständigen und der Mitarbeiter der zuständigen Behörde der Stadt. Der lange Tag vor Gericht, der um 9 Uhr begonnen hatte, war erst nach 18 Uhr beendet.

Zunächst wurde der Notarzt Dr. Gerhard B., der als einer der Ersten am Unfallort war, zu seinen Eindrücken und seinen Maßnahmen befragt, die er am 22. November 2012, dem Unfalltag, vorgenommen hatte. B. bestätigte als erster Arzt vor Ort gewesen zu sein. Ein „Kollege“, der wie sich später ergab ein ehemaliger Krankenpfleger war, habe ihm gesagt, dass die Frau, die vom Baum begraben worden war, bereits tot sei. „Ich habe unter die Decke geschaut, die sie vor den Blicken der Passanten verbarg, und konnte die Meinung des anderen Mannes bestätigen. Frau Gisela S. war wie ein Taschenmesser zusammengeklappt und hatte diesen Unfall bestenfalls um einige Sekunden überleben können. In der Folge habe ich mich um den Verletzten Karl-Heinz R. gekümmert und bei ihm die Individualversorgung vorgenommen. Er hatte Verletzungen am Fuß, im Brust- und Rückenbereich erlitten und litt unter starken Schmerzen. Ich habe ihn für den Transport ins Krankenhaus vorbereitet und ihn auch dorthin begleitet.“

Zweiter Zeuge war Dr. Harald M., der einen Tag nach dem Unfall die Leichenschau an Frau S. vorgenommen hat. Er hatte sich vor der Leichenschau – eine Obduktion wurde nicht vorgenommen – selbst ein Bild von der Unfallstelle gemacht. Den Todeszeitpunkt, 13.23 Uhr, damit drei Minuten nach dem Sturz des Baumes, hat er von den Einsatzkräften vor Ort übernommen. Michels gab an, dass die verunglückte Frau wohl nur noch sehr kurze Zeit gelebt haben könne, da sie mehrere Verletzungen im Bereich der Wirbelsäule, Serienfrakturen der Rippen und „vermutlich auch einen Schädelbasisbruch“ erlitten hatte.

Der Arzt, den Dr. B. beim Eintreffen an der Unfallstelle vermutet hatte, war Jürgen W., ein Krankenpfleger aus Bitburg. „Ich war zehn Meter vom Baum entfernt, als er umstürzte. Ich habe ein Knirschen gehört, und dann lag er auch schon da.“ W. war als erster bei Frau S., um sie zu versorgen. „Ich habe keinen Puls mehr fühlen können. In Kombination mit ihrer Lage war mir klar, dass diese Frau tot ist.“

Daraufhin trat Martin P., Baumsachverständiger aus dem pfälzischen Blaubach, in den Zeugenstand. Seine Aussage, „man hätte diesen Baum schon im Sommer 2012 sofort fällen müssen“, zog sich wie ein roter Faden durch seine Vernehmung. Er bezog sich dabei auf eine Kontrolle, die am 23. Juli 2012 vorgenommen worden war. Nach den Rückschlüssen des Fachmanns, der seit mehr als zwanzig Jahren Baumgutachten erstellt, bestanden die Schäden, die er einen Tag nach dem Sturz dokumentierte, weitestgehend schon im Sommer, als die Rostkastanie überprüft wurde. Er führte dies auf die erhebliche Fäulnis und Morschung sowie die Höhlung des Stammes zurück. Außerdem hätte man den Stammfuß zwischen zwei Fingern zerreiben können und „die Wurzeln waren bereits weggefault“, so der Sachverständige. Er wurde intensiv nach den Richtlinien für Kontrollen befragt. Seine Aussage machte deutlich, dass es keine gesetzlich verbindlichen Vorschriften gibt. Der 53-Jährige gab an, erste Prämisse sei die Verkehrssicherungspflicht. Daraus ergebe sich „nach meinem Dafürhalten“, dass eine Kontrolle pro Jahr bei einem gesunden Baum ausreiche – bei vermuteten Schäden aber kürzere Intervalle gewählt werden müssten. „Zumindest, wenn es sich um einen innerstädtischen Standort handelt. „Auf Nachfrage von Richter Wolf-Dietrich Strick, welche Maßnahme er bei dem Unglücksbaum angesichts des Bündels an Problemen für angemessen erachtet hätte, antwortete der Gärtnermeister erneut: „Der Baum hätte sofort gefällt werden müssen.“ 

Danach sagten zunächst zwei Mitarbeiter des Grünflächenamts aus.  In der Gesamtbewertung waren ihre Aussagen wenig erhellend und auch nicht immer glaubhaft. Walter S., der Witwer der verunglückten Gisela S., schüttelte während der Aussagen mehrfach ungläubig den Kopf.

Der erste befragte Arbeiter des Grünflächenamts, Hans-Dieter S., konnte sich im Wesentlichen nur daran erinnern, dass er das Auto mit dem Häcksler gefahren habe. Was die weiteren beiden Kollegen der dreiköpfigen Kolonne gemacht hätten, habe er nicht gesehen. Noch weniger hilfreich war dann die Vernehmung des am Unglückstag noch in der Probezeit befindlichen Jörg W., der sich an viele Details – selbst unwichtige erinnern konnte – aber nicht, ob der Angeklagte nach der Überprüfung der Kastanie vor Ort gewesen sei. Auch die mehrfachen Ermahnungen von Richter Strick („was Sie hier sagen ist wenig glaubhaft und lebensfremd“) änderten nichts an seinen Erinnerungslücken. Auch zur Überraschung der Prozessbesucher blieb er dennoch unvereidigt.
Der Vormittag endete mit der Aussage des Vermessungstechnikers Andreas Herschbach, der beim Grünflächenamt für die Betreuung der EDV-Anlagen zuständig ist – vornehmlich für den Aufbau und Pflege des Baumkatasters. Er schilderte die schwierigen Anfänge von der Umstellung von hand- oder maschinengeschriebenen Aufzeichnungen auf EDV. Das 2007 gekaufte Programm hat immer noch seine Tücken, zudem ist ein immenser Datenwust einzugeben, womit er noch längst nicht fertig ist. „Wir haben rund 33 000 Bäume in der Stadt. Zu jedem Baum gehören bis zu 36 Daten. Das dauert seine Zeit.“ Zumal zuvor nur kranke Bäume erfasst waren. Durch die Verstärkung durch externe Kontrolleure, die die Daten über den Baumbestand vor Ort in Laptops eingeben und per USB-Stick an Herschbach übermitteln, prognostiziert er: „Bis Januar sollten wir auf dem aktuellen Stand sein.“

Der Nachmittag war drei weiteren Zeugen aus dem Grünflächenamt vorbehalten, die etwas mehr Licht ins Dunkel bringen sollten. Valentin B., ein zertifizierter Baumkontrolleur, der aber, wie Anne Bosch, Vertreterin des Nebenklägers Walter S. anmerkte, „seltsamerweise ’nur‘ Vorarbeiter ist“, während Manfred F., der später aussagte, als Kontrolleur arbeitete, obwohl er nicht über die Zusatzqualifikation verfügt. B. deckte auf, dass zum Zeitpunkt des Unglücks nur Dreier-Kolonnen mit der Baumpflege betraut waren. „Seit dem 1. August 2012 sind wir zu fünft.“ Da war die Überprüfung der Kastanie, die er im Übrigen nicht auf Anweisung, sondern in Eigeninitiative vorgenommen hatte, aber schon vorüber. B. hatte aber Handlungsbedarf gesehen. So nachdrücklich, dass er den Angeklagten, seinen Vorgesetzten, noch während der Kontrolle in den Rautenstrauch-Park rief. Er hatte bei seiner „Spontan-Kontrolle“ Astungswunden im Kronenbereich und neben anderen Auffälligkeiten eine Höhlung des Stamms festgestellt. Zudem hatte er in eine Öffnung des Baumes gegriffen und dabei eine mehlige Konsistenz des Stammfußes registriert. Demzufolge hätte es eine sogenannte Zweitkontrolle des zweifellos kranken Baumes geben müssen.

Wie das Amt und seine Kontrolleure danach vorgingen, sorgte für Verwirrung. Der als Kontrolleur eingesetzte Manfred F., der sich einen Rüffel von Staatsanwalt Arnold Romer einfing („in etwas anderem Ton bitte“), war am 20. September im Park, hatte aber wegen des nahenden Feierabends, den Anne Bosch ihm immer wieder ein wenig süffisant aufs Brot schmierte, die Begutachtung des verdächtigen Baumes nicht beendet. Wann er erneut im Park auftauchte, um die Angaben zu vervollständigen, blieb im Dunkeln. Mal nannte er den 20., dann den 30. September, mal war es der 1. Oktober. Im Kataster stand aber immer noch der 20. September, „weil sich ja an den Eintragungen und der Bewertung des Zustands nichts geändert hatte.“ Klar war nach seiner Vernehmung aber, dass die Vitalität des Baumes von 2,5 auf der „Roloff-Skala“ keineswegs einen Mittelwert darstellte. „Null ist gut, Eins beschreibt leichte Auffälligkeiten, Zwei auf dem Weg zum Abgang und Drei ist…“ Den Rest musste er nicht mehr beschreiben. Da ein Indiz für kranke Bäume unter anderem an einer dürftigen Belaubung festgemacht wird, ergab sich für Strick die Frage, warum denn ausgerechnet Bäume vorrangig im September, Oktober und November überprüft würden, wo die Belaubung jahreszeitgemäß immer spärlicher werde. Auch diese Frage blieb zunächst unbeantwortet. Am Ende der Verhandlung, wurde F., dessen Status zunächst noch offen geblieben war, als unvereidigter Zeuge entlassen.

Sie klärte sich dann aber von selbst durch die Aussagen, die der Leiter des Grünflächenamts, Franz K. machte. „Meine Mitarbeiter werden ja auch noch im Winterdienst eingesetzt. Da sie dort oft nachts und am Wochenende arbeiten, fallen eine Menge Überstunden an. Die werden dann nach Ende des Winters ausgeglichen.“ Somit fehlt es vom Frühjahr bis zum Frühsommer an Personal. Der Antrag von K. auf Personalaufstockung wurde abgelehnt. Auf Nachfrage von Otmar Schaffarczyk, der den seinerzeit schwer verletzten Nebenkläger Karl-Heinz R. anwaltlich vertrat, warum er die Aufträge nicht an Fremdfirmen vergeben habe, antwortete er: „Ich wusste, dass unsere Personalsituation kritisch ist, aber ich hatte nicht die Befugnis dafür. Ich habe einen entsprechenden Antrag gestellt, der aber gar nicht beantwortet wurde.“ Nach dem schweren Unfall war auf einmal alles anders. Jetzt leistet sich die Stadt für 250 000 Euro pro Jahr Fremdfirmen, die die Leistungen erbringen, die allein von den Angestellten nicht durchgeführt werden können und hat das Budget auch schon für 2014 genehmigt. Wie K. auf Nachfrage aussagte: „Es wäre schlimm, wenn es keine Veränderungen gegeben hätte.“ Wie es langfristig weitergehen soll, vermag er auch nicht zu sagen: „Wir wollten dieses Verfahren abwarten, um uns eventuell neu aufzustellen.“

K. stellte dem Angeklagten ein gutes Leumundszeugnis aus („ich kenne ihn seit vielen Jahren. Er ist ein sehr verlässlicher Mitarbeiter“). Was Schaffarczyk nochmals auf den Plan rief: „Wie wollen Sie das beurteilen, wenn Sie doch die Arbeit, die er machen soll, nicht kontrollieren?“ Und weiter: „Ich muss auch fragen, wieso sie klaren Vorgaben machen, in welchem Rhythmus und Zeitraum Erstkontrollen erfolgen müssen, aber keine Vorgaben für die Zweitkontrollen.“ Die Schlussfolgerung des Rechtsanwalts endete in einer rhetorischen Frage: „Herr T. sitzt als Angeklagter hier. Ich frage mich aber, ob er allein für dieses schreckliche Unglück verantwortlich ist.“

Bevor Richter Strick allen Anwesenden einen guten und unfallfreien Nachhauseweg wünschte, wurden noch zwei Anträge gestellt. Roderich Schmitz, der Verteidiger des Angeklagten gab den Vorsitzenden die Anregung mit, ob das Verfahren nicht ohne Urteil enden könne. Schaffarczyk regte eine Überprüfung des Baumkatasters vor der Umstellung auf EDV an, „weil uns diese Unterlagen nicht vorliegen und wir daher nicht wissen, welchen Kenntnisstand die Behörde schon zu dieser Zeit über den Baum hatte.“ Strick will am kommenden Donnerstag (ab 14 Uhr) die Plädoyers hören „und vielleicht schon sein Urteil sprechen“, räumte aber „allen Prozessbeteiligten noch die Möglichkeit an, bis dahin Anträge zu stellen „Deshalb werde ich die Beweisaufnahme vorsorglich noch nicht schließen.“ Laura Dolfen/Willi Rausch

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1 KOMMENTAR

  1. Und es ist wie immer :Eine Krähe hackt der anderen Krähe kein Auge aus.
    Oder besser gesagt:Die Frau ist Tot was solls hauptsache ich habe meinen Job noch.Und mir kann nichts passieren.

  2. Wo bleibt die Gerechtigkeit.
    Der Baum war 1962 schon so hohl, dass mann ihn als Kind durch eine Öffnung betreten konnte. Diese wurde dann kurze Zeit später mit einer Betonmasse geschlossen.
    Mittlerweile ist dies bekanntgegeben.
    Meiner Meinung nach, sind die Verantwortlichen zu dieser Zeit zu suchen und nicht bei dem Angeklagten.

  3. Nochmal ganz langsam für alle die es noch nicht verstanden haben; es gibt keinen Mitarbeiter im öffentlichen dienst der überlastet ist! Basta!!!!!

  4. Lieber Indianer, wenn man keine Ahnung hat, einfach mal den Mund halten!!!
    Ich denke nicht, dass man in diesem Prozess die Schuld bei einem einzelnen Angeklagten suchen kann!! Und auch denke ich, dass hier eine tragische Verkettung unglücklicher Umstände mit dazu kommt! Aber sich dann einen rauszupicken, der als Buhmann für herhalten muss??? Sehr fragwürdig

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