Trierer Alexander Brittnacher berät DFB in Sicherheitsfragen

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TRIER. Seit Wochen wird über Menschenrechtsverletzungen in Katar diskutiert, dem Land, das 2022 die Fußball-WM  ausrichten soll. Darüber sind die Probleme in Brasilien, wo in wenigen Monaten (12. Juni bis 13. Juli 2014) um die höchste Trophäe des Weltfußballs gekickt wird, fast in den Hintergrund gerückt.

Dabei ist es noch nicht lange her, dass Drogenbanden eine „WM des Terrors“ angekündigt haben. Wie steht es um die Sicherheit im größten südamerikanischen Land und was können der DFB und jeder einzelne Fan tun, um die Risiken zu minimieren. lokalo sprach mit Alexander Brittnacher, der den DFB in Sicherheitsfragen berät.

Herr Brittnacher, woher kommen die Leidenschaft für und das Wissen über Brasilien?

Brittnacher: Nach meinem Wechsel von der Universität Frankfurt nach Trier wollte ich die Gelegenheit nutzen, eine neue Fremdsprache zu lernen. Ich entschied mich für einen Kurs der brasilianischen Variante des Portugiesischen. 2002 war es mir dann möglich, für sechs Monate ein Praktikum in Rio bei der Konrad-Adenauer-Stiftung zu absolvieren. Wenn man sich längere Zeit in Rio aufhält, kommt man zwangsweise mit der Gewaltproblematik in Kontakt, den die Favelas, die Elendsviertel der brasilianischen Gesellschaft, findet man überall über das Stadtgebiet verteilt, selbst an den Hängen der reichen Stadtteile wie Copacabana, Ipanema oder Leblon. Man kann die Augen davor nicht verschließen, aber irgendwie übten die Favelas auch eine Faszination auf mich aus. Im Anschluss an mein rechtwissenschaftliches Studium hatte ich die Chance, über den Zusammenhang der sozialen Ungleichheit und Kriminalitätsentwicklung in Rio zu promovieren. Zwecks Forschung vor Ort war ich daher zwei weitere Male in Rio und beobachte auch von Deutschland aus die Entwicklung sehr genau.

Wie kam der Kontakt zum DFB zustande?

Brittnacher: Ich habe 2010 bei einem Forschungsaufenthalt für die KAS (Anm. d. Red.: Konrad-Adenauer-Stiftung) in Rio eine Analyse der Änderungen in der Sicherheitspolitik in Rio de Janeiro aufgrund der anstehenden sportlichen Großereignisse erstellt. Es findet ja nicht nur 2014 die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien statt, sondern auch die Olympischen Spiele 2016 in Rio. In Rio begann man viele Favelas zu befrieden und erstmals eine permanente Polizeipräsenz zu schaffen. Das Verjagen der lokalen Drogenbanden erschien jedoch zu leicht, und ich vermutete damals, dass bald eine Reaktion der Drogenbanden folgen wird. Das dies bereits eine Woche später der Fall war, war für mich persönlich selbst überraschend. Aber es gab mir die Möglichkeit, vor Ort über diese Themen zu schreiben und Reaktionen aus erster Hand zu bekommen. Diese Publikationen habe ich letztes Jahr an den DFB mit dem Angebot gesandt, einen Vortrag zu dieser Thematik zu halten. Vor einigen Monaten kam dann die Einladung, dem jetzt der Vortrag folgte.

Ist die Lage vor Ort denn so besorgniserregend?

Brittnacher: Man muss differenzieren. Brasilien ist wahnsinnig groß, mehr als 25 Mal so groß wie Deutschland. Wir reden von einem Land mit einem stark europäisch geprägten Süden, Megametropolen an der Ostküste, und einem Amazonasgebiet, in dem immer noch unentdeckte Urvölker leben! Der Süden unterhalb von Sao Paulo gilt als relativ sicher. In Rio erreichte man durch die Befriedungspolitik einen starken Rückgang der Tötungsdelikte. Dies war jedoch auch notwendig, denn man fand sich in dieser wenig schmeichelhaften Statistik in der Weltspitze wieder! Leider ist der Polizeiapparat sehr korrupt, was es für die Bewohner in den Favelas nicht unbedingt besser macht als vorher. Der lokale Drogenhandel hat vorher viele staatliche Aufgaben übernommen, Medikamente bezahlt, Bolzplätze gebaut, Feste veranstaltet und sich somit den Rückhalt in der Bevölkerung erkauft. Man muss das Ganze auch historisch betrachten: im Anschluss an die Militärdiktatur hat der Staat sein Gewaltmonopol in den Favelas verloren. Und dies nun schon für mehrere Jahrzehnte. Ein verlorenes Gewaltmonopol wieder zurückzugewinnen ist schwer! Jahrelang hat der Staat durch Bulldozering, Umsiedlungen und blutige Großrazzien das Vertrauen der Einwohner der Favelas komplett verspielt. Dies zurückzugewinnen ist eine große Herausforderung.

Bulldozering?

Brittnacher: Ja. Man hat mit Hilfe riesiger Bulldozer einfach alles platt gemacht. Die Wellblech- und Holzhütten, die Steinhäuser und alles was es an sogenannter „Infrastruktur“ gab, wurden buchstäblich dem Erdboden gleichgemacht und die Bewohner an den Stadtrand umgesiedelt. Die Rechtfertigung dafür ist die illegale Landnahme, in Brasilien „Informelle Siedlung“ genannt.

Wie kann das Vertrauen denn zurückgewonnen werden und ist es überhaupt möglich?

Brittnacher: Man hat es versäumt, im Anschluss an die Militärdiktatur eine umfassende Polizeireform durchzuführen. Die „Policia Militar“ ist zwar keine Militärpolizei im eigentlichen Sinn, ist aber hierarchisch so strukturiert und besitzt eben auch diesen Korpsgeist. Der Grad der Korruption ist sehr hoch, und auch ich musste schon an die Polizei zahlen, obwohl ich nichts getan hatte. Die Bezahlung der Polizisten ist so schlecht, dass sie entweder am äußersten Stadtrand oder selbst in einer Favela leben. Leider wissen viele zu gut, wie sie nebenbei ihr Einkommen verbessern können. So werden oft beschlagnahmte Waffen und Drogen einfach weiterverkauft. Bei einer Großrazzia im Dezember 2010 wurden in einer Favela 400 Tonnen Marihuana beschlagnahmt. Viele Polizisten versuchten offenbar einen Teil davon zur Aufbesserung des schmalen Gehalts sogar im Dienst zu nutzen, bis der Polizeichef das Tragen von Rucksäcken während der Arbeitszeit verboten hat. Dieser Polizeichef musste übrigens inzwischen auch gehen, denn man konnte ihm nachweisen, dass er mit seinem Handy vor Razzien Kontakt mit den Drogenbanden aufnahm. Das zeigt, dass sich die Korruption bis in die höchsten Kreise ausgebreitet hat.

Wie muss man die Proteste während des Confed-Cups im Juni dieses Jahres einordnen?

Brittnacher: Im Oktober 2007 wurde die WM an Brasilien vergeben. Der damalige Präsident Lula da Silva versprach Milliardeninvestitionen in die Infrastruktur, insbesondere in den öffentlichen Verkehr, Bildung und bessere Krankenhäuser. Geld fließt seitdem reichlich, aber leider nicht in Bildung und medizinische Versorgung, sondern in Stadien. Die Kosten explodieren und liegen inzwischen bei ca. 13 Milliarden Euro. Oft wurde berichtet, der Protest richte sich gegen den Fußball – dies ist aber nicht der Fall! Der Protest richtet sich gegen die Verschwendung von Steuergeldern und die Korruption! Wieso wurden zwölf Stadien geplant? Wieso werden im Landesinneren Stadien für 50 000 Menschen gebaut, wo nicht einmal ein Erstligist spielt? Der Auslöser der Proteste war eine erneute Fahrpreiserhöhung für die öffentlichen Verkehrsmittel in Sao Paulo. Daraus entwickelte sich ein Massenprotest am 20. Juni mit mehr als 1,4 Millionen Demonstranten in 120 Städten in ganz Brasilien. Mieten und Fahrpreise und damit die Lebenshaltungskosten steigen explosionsartig. Die Inflationsrate  liegt bei 7 Prozent! Die Brasilianer verfügen historisch bedingt nicht über eine ausgeprägte Protestkultur. Dass so viele Menschen auf die Straße gingen, war für mich verwunderlich, aber diese Reaktion war überfällig. Problematisch wird es aber immer, wenn Demonstrationen einer Polizei gegenüberstehen, wie das in Brasilien der Fall ist, die in einer regelrecht sadistischen Art und Weise Tränengas und Gummigeschosse gegen das Volk einsetzt. Die Proteste finden übrigens immer noch statt, aber nicht mehr vor den Augen der Weltöffentlichkeit.

Kann man trotz all dieser Probleme als Fan ohne Angst zur WM reisen?

Brittnacher: Fest steht dass die Brasilianer ein fußballverrücktes Volk sind! Es wird eine riesige Party werden! Fest steht aber auch dass die Gefahr groß ist, Opfer eines Raubüberfalls oder Diebstahls zu werden, wenn man sich nicht an gewisse Regeln hält. Daher ist es für Fans wichtig, sich im Vorfeld über städtespezifische Gefahren zu informieren, bevor es nach Brasilien geht. Besorgniserregend ist derzeit die Situation insbesondere in Sao Paulo. Dort hat das größte Drogenkommando (PCC)  im letzten Jahr 103 Polizisten hingerichtet, mehrheitlich außerhalb deren Dienstzeit. Dies war eine Reaktion gegen das härtere Vorgehen der Polizei. Auch nun droht  wieder mit Terrorakten, auch während der WM. 2006 war eine ähnliche Situation in Sao Paulo. Eine Gewaltwelle schwappte durch die Stadt, insbesondere gegen Polizisten aber auch Zivilisten. Gerüchten zufolge wurde diese Gewaltwelle am Verhandlungstisch gestoppt. Klar ist: Der Drogenhandel ist nicht politisch motiviert und will eigentlich nur eines – in Ruhe seinen Geschäften nachkommen. Die brasilianische Regierung möchte auf der anderen Seite nicht als unfähig dastehen, eine sichere WM austragen zu könne. Die Verbindungen der Drogenmafia mit der Polizei werden schon dafür sorgen, dass es während der WM einigermaßen ruhig bleiben wird. Das betrifft aber ausdrücklich nicht die Straßenkriminalität in Form von Raub und Diebstahl!

Ist eine weitere Zusammenarbeit mit dem DFB geplant?

Brittnacher: Jetzt wo die Qualifikation geschafft ist, beginnt die Quartiersuche. Neben klimatischen Umständen spielt auch hier die Frage der Sicherheit eine große Rolle. Der als sicher geltende Süden ist zu dieser Jahreszeit recht kalt, ich vermute daher, es wird die Delegation samt Team eher in nördlichere Gefilde verschlagen. Anschließend plant der DFB einen großen Informationstag in Frankfurt, wo ich einen weiteren Vortrag halten werde. Außerdem erstellen wir gemeinsam so etwas wie Verhaltensrichtlinien für Fans, um das Risiko zu minimieren, Opfer einer Straftat zu werden.

Werden Sie bei der WM selbst vor Ort sein?

Brittnacher: Dies ist natürlich ein Traum! Ob das zu realisieren ist, kann ich heute noch nicht sagen. Aber ist ja noch ein bisschen hin…

Neben Ihrer Tätigkeit als Jurist betreiben Sie das Cateringunternehmen „Next Level Cocktails“ und sind dreimaliger Weltrekordler im Cocktailmixen. Wie passt das zusammen?

Brittnacher: Naja, Brasilien, Strand, Sonne und natürlich Caipirinhas. Was könnte besser passen?
Das Interview mit Alexander Brittnacher führte lokalo-Chefredakteur Willi Rausch

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