„Bäume rufen nicht!“

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TRIER. Am heutigen Dienstag, den 19. November, begann vor dem Amtsgericht Trier der mit großer Spannung erwartete Prozess um die Trierer Baumsturz-Affäre vom 22. November des vergangenen Jahres im Wilhelm-Rautenstrauch-Park. Rund zwanzig Medienvertreter und ein vollgepackter Gerichtssaal zeugen vom großem Interesse an diesem Verfahren. Im Mittelpunkt des heutigen Vormittags standen die Beweisaufnahme und erste Zeugenvernehmungen.

Bei der Eröffnung des Verfahrens erläuterte Richter Wolf-Dietrich Strick, weshalb es überhaupt zu einer Verhandlung gekommen sei: „Es hat einen Antrag auf Strafbefehl gegeben, dem ich nicht zustimmen konnte. In diesem Verfahren geht es auch darum, festzustellen, ob der Angeklagte die alleinige Verantwortung und Schuld an diesem Unglück trägt oder ob es ursächlich auch mit strukturellen Problemen bei der Stadtverwaltung zusammen hängt. Hier sitzt sonst niemand auf der Anklagebank, aber wir werden prüfen, ob die Zuständigkeiten bei der Stadtverwaltung geordnet oder nicht geordnet sind.“

Bei dem Unglück war eine 70-jährige Frau getötet und ein Mann schwer verletzt worden, der vor Gericht als Nebenkläger auftritt. Angeklagt ist der 54-jährige Gerhard T. – nach eigenen Angaben kein Sachgebietsleiter, sondern Sachbearbeiter beim Grünflächenamt der Stadt Trier.

Die Anklage wirft ihm vor, den Sturz des Baumes fahrlässig verursacht zu haben, da er trotz der Anzeige eines Mitarbeiters die Zweitkontrolle am Baum unterlassen habe, die den Sturz möglicherweise hätte verhindern können. Die Folgen waren jedenfalls gravierend! Der Baum, der quer über die Rautenstrauch-Straße fiel, tötete Gisela S. und verletzte Karl-Heinz R. äußerst schwer.

T. äußerte sich umfangreich zu den Vorwürfen. Er gab zu, bereits am 23. Juli 2012 Hinweise zu dem schlechten Zustand des Baumes erhalten zu haben. Weiterhin räumte er ein, dass es seine Pflicht gewesen wäre, eine Zweitkontrolle vorzunehmen, die alleine schon aufgrund der ihm zur Verfügung stehenden Technik weitaus gründlicher gewesen wäre. Er habe jedoch lediglich eine Notiz angefertigt, die er in eine für solche Fälle vorgesehene Mappe abgeheftet habe. Dort lag sie auch noch, als der Baum umfiel. 

Auf Nachfrage von Richter Strick gab er an, aus Zeitmangel beziehungsweise Überlastung durch zu viele Aufgaben diese Kontrolle nicht habe ausführen können. „Wir haben 24 000 Bäume im Stadtgebiet, die unserer Obhut unterliegen. Diese Aufgabe muss von mir und einem meiner Mitarbeiter wahrgenommen werden. Am 23. Juli 2012 hatten wir mehr als 100 Fälle, die zur Zweitkontrolle anstanden. Bei unserem Personalstand war das bis zum Unglückstag nicht zu bewältigen.“ Auf Nachfrage, wie viele Zweitkontrollen er denn bis zum 22. November durchgeführt habe, antwortete T.: „20 bis 30.“ Eine weitere Frage, warum der Baum im Park nicht dabei gewesen sei, beantwortete T. schon fast philosophisch: „Bäume rufen nicht.“ Eine besondere Priorität für die 80-90 Jahre alte Kastanie mit einer Höhe von 15 Metern und einem Durchmesser von einem Meter habe es nicht gegeben.

Die Problematik der Prioritäten zog sich wie ein roter Faden durch die Vernehmung. Letztlich ergab sich die Erkenntnis, dass es eine solche Einteilung selbst im Baumkataster der Stadt Trier nicht gibt. Eine direkte Schuld am Unglück räumte T. nicht ein: „Ich hätte mehr Zeit haben müssen, denn die Zweitkontrolle hat Priorität.“ Gleichzeitig mahnte er an, dass es keine zeitlichen Vorgaben dafür gibt. „Sie sind unerlässlich und werden vielleicht in Zukunft auch greifen, denn jetzt gibt es regelmäßige Einsatzbesprechungen und auch mehr Personal für die Baumpflege.

Strittig blieb lange Zeit, ob der Angeklagte den Baum persönlich in Augenschein genommen hatte: „Ich kann mich nicht mehr daran erinnern“, sagte der Gärtnermeister. Erst gegen Ende der Vernehmung ergab sich der Eindruck, dass es wohl nicht geschehen war. Rechtsanwalt Otmar Schaffarczyk, Rechtsbeistand des Nebenklägers Karl-Heinz R.: „Ist es normal, dass Sie auf den Anruf Ihres Mitarbeiters B. nicht sofort reagierten?“ Anwort von T.: „Eine Notiz wird entweder am selben oder am nächsten Tag gemacht.“ Weitere Frage von Schaffarczyk: „Wer kontrolliert das weitere Vorgehen?“ Antwort: „Niemand“. Fest steht, dass nach diesem Unglück mehr als 50 Bäume im Stadtgebiet gefällt wurden, darunter auch eine weitere Kastanie und ein Ahornbaum im Wilhelm-Rautenstrauch-Park.

Die Frage seines Verteidigers Roderich Schmitz, ob es bei einer Vitalitätsstufe von 2,5 (Anm. d. Red.: diese reicht von 0 bis 5 für den umgestürzten Baum) einen unmittelbaren Handlungsbedarf gebe, beantwortete T. mit „nein“.

Im Rahmen der Vernehmung eröffnete sich auch noch, dass der Baum eine sogenante Plombe hatte. T. gab an, dass fast alle alten Bäume in der Stadt eine Höhlung haben, die oft mit Beton ausgefüllt wird – einer Plombe.

Die 17-jährige Laura J. war die erste Zeugin. Sie war am Unglückstag mit dem Schrecken davon gekommen. Die Schülerin berichtete sichtlich mitgenommen, dass der Baum hinter ihr auf die Straße gekracht sei, sie bis auf die beine nichts von der toten Frau gesehen habe und von dem verletzten Mann nur ein Murmeln wahrgenommen hatte. Ihre ebenfalls 17-jährige Freundin Susanne W., die den Notruf betätigt hatte, hatte die verunglückte Frau unmittelbar vor dem Unglück gesehen, konnte jedoch sonst keinerlei Angaben machen.

Interessant waren die Aussagen des Zeugen Johannes S., der in der Rautenstrauch-Straße Nummer 7 wohnt. Ein dicker Ast war mitten in sein Wohnzimmer gekracht. Auch er rief sofort die Feuerwehr an und lief dann nach unten, um erste Hilfe zu leisten. Er gab an, Schreie gehört und geschockten Unfallzeugen geholfen zu haben.

Eine möglicherweise richtungweisende Aussage kam von Birgit M., die in ihrer Kindheit in der Nähe des Parks gewohnt hatte. Sie berichtete, dass der Baum Ende der 1950er bis Anfang der 1960er Jahre innen hohl gewesen sei. Sie habe mit ihrem Bruder damals „im Baum gespielt“, bis dieser „1962 bis 1963“ mit einem Gitter versehen und mit einer Masse ausgefüllt worden sei.

Zum Abschluss des Vormittags kam Nebenkläger Karl-Heinz R. zu Wort. Seine Erinnerung an den Unfall ist nur bruchstückhaft. Er hat womöglich bei dem Unglück eine retrograde Amnesie erlitten. Er gab an, „Hilfe, Hilfe“-Schreie gehört zu haben, wusste jedoch nicht, von wem diese ausgestoßen worden waren. Außerdem konnte er sich nur daran erinnern, schlimme Schmerzen im Bein- und Beckenbereich verspürt zu haben. „Dann wurde ich freigesägt und danach vermutlich bewusstlos.“ Willi Rausch/Laura Dolfen

Weiterer Bericht folgt. 

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1 KOMMENTAR

  1. „In diesem Verfahren geht es auch darum, festzustellen, ob der Angeklagte die alleinige Verantwortung und Schuld an diesem Unglück trägt oder ob es ursächlich auch mit strukturellen Problemen bei der Stadtverwaltung zusammen hängt. Hier sitzt sonst niemand auf der Anklagebank, aber wir werden prüfen, ob die Zuständigkeiten bei der Stadtverwaltung geordnet oder nicht geordnet sind.“

    Chapeau, Herr Richter! Exakt das ist der springende Punkt. Die Frage nach der politischen Verantwortung für diese – vermeidbare – Katastrophe muss in der Verhandlung auf den Tisch. Denn der Angeklagte ist in der eindimensionalen Struktur des nach unten Treten und nach oben Buckeln der Trierer Verwaltung, die sich in ihrer Hierarchie nicht von anderen Behörden unterscheidet, nur Befehlsempfänger. Die Verantwortung tragen andere, die nun wohl auf ein Bauernopfer hoffen, das der Angeklagte bringen soll.

    Wer bei besagter Pressekonferenz vor einem Jahr anwesend war, weiß, welche Märchen der Trierer Öffentlichkeit damals schamlos aufgetischt wurden. Das Lügengeflecht aufzudröseln, ist heuer ebenfalls Aufgabe der Justiz. Zu beneiden ist sie darum allerdings nicht.

  2. Wenn ich als Sachbearbeiter der Meinung bin, dass ich sehr wichtige Aufgaben nicht bewältigen kann, muss ich tätig werden. Eine Notiz dazu einfach abheften ist wohl kaum der richtige Weg damit umzugehen.

  3. Den letzten beißen die Hunde.
    Es ist sehr schlimm, das ein Mensch ums Leben kam, ein anderer schwer verletzt wurde.
    Aber wo waren die anderen Verantwortlichen, die seit 1962 den Baum beobachten, oder auch nicht.

  4. Frau Zacherias, laut einem Radiobericht im SWR zur Verhandlung wurde berichtet, das der Angeklagte mehr Personal gefordert habe, dieses aber vom Dezernat abgelehnt worden sei.
    Und solche Entscheidungen werden im Dezernat nicht von Lischen Müller getroffen, sondern von der Leitung.
    Frau Kaes-Torichani sollte nicht zurücktreten. Sie sollte zurück laufen!

  5. Ich erinnere mich an das Interview mit Frau Kaes-Torchiani vor einem Jahr bzgl. des Unfalls: Keine Mitleidsbezeugung, keine Kondolenz – lediglich ein Zurückweisen der Schuld mit den Worten, dass „man ja jeden Tag von einem Dachziegel getroffen werden und tot sein könnte“.

    Wenn dieser Sachbearbeiter überfordert war und von seinen Vorgesetzten nicht kontrolliert wurde, dann besteht dort, meinem Verständnis nach, mindestens eine Mitschuld!

    Liebe Frau Kaes-Torchiani, meine Wut über Ihre damalige Aussage kocht gerade wieder hoch und ich bin der Meinung, dass Sie in keiner verantwortungsvollen Position, weder in Trier noch sonst wo, etwas zu suchen haben!

  6. Unverschämt, eine einzige Person für dieses Unglück verantwortlich zu machen!!

    Die ganze Stadt sollte auf der Anklagebank sitzen!

  7. Bla ,bla, bla,ich kenne keinen einzigen Bediensteten der Stadtverwaltung der überlastet wäre! Also schön den Ball flach halten, nicht so viel krankfeiern, nicht so viel Wandertage und Personalversammlungen machen , dann reicht die zur verfügungstehende Zeit locker aus.

  8. Auch ich war vor vielen Jahren fast täglich in diesem Park und kannte den Baum mit dem vergitterten „Eingang“.

    Wenn ich mich recht erinnere, sprach kurz nach diesem grässlichen Unglück einer der Bediensteten der Stadt davon, dass es nicht in seinen „Zuständigkeitsbereich“ falle, nachzuprüfen, ob auf seine Info hin, diesen Baum betreffend, gehandelt wurde. Bedeutet diese Aussage, dass er dachte, sich seit dem nicht weiter darum kümmern zu brauchen ?

    Eine für mich schwer nachvollziehbare Äußerung.
    JEDER, ob „Zuständiger“ oder „einfacher Bürger“, hat die unumstößliche Pflicht, auf eine für die Allgemeinheit drohende Gefahr aufmerksam zu machen, damit diese abgewendet, beziehungsweise beseitigt wird !

  9. Ohne Zweifel trifft den Angeklagten eine Schuld an den Geschehnissen. Und dafür muss er zur Verantwortung gezogen werden.
    Bestraft werden müssten aber auch alle, die in der Hierarchie über ihm stehen. Bis hin zu dieser unsägliche Dezernentin, die hinreichend nachgewiesen hat, dass sie unfähig ist. In ihrer Position spielt das aber bereits keine Rolle mehr. Leider wird auch hier wieder der Grundsatz gelten: Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen. Der Ehemann der toten Frau, der schwer verletzte Karl-Heinz R. und ein bisschen auch der Angeklagte können einem leid tun. Frau K.T.: Schämen Sie sich!

  10. @insider:einfach nur effizient arbeiten,daß würde schon ausreichen.das alles hat allerdings nichts mit der Unfähigkeit der Dezernentin zu tun!wie froh muss man in wittlich sein,diese Dame nicht mehr auf der Lohnliste zu haben.

  11. @ S.Michels : Es gibt in der Verwaltung ( in Trier ganz besonders ausgeprägt) den eisernen Grundsatz: Zuerst die Zuständigkeit prüfen.
    Ein kleines Beispiel: In der Dasbachstraße hat jemand ein Verkehrsschild umgefahren.
    Kommt vor. Jetzt ist aber, 8 Wochen lang 2 mal die Woche die Stadtreinigung da durch. Und was haben die gemacht? Ums Schild drumrumgekehrt. Auf die Idee, das ihrem Vorgesetzten zu melden, der das wiederum dem entsprechenden Mitarbeiter weitermeldet sind die nicht gekommen. Weil: Nicht für zuständig.

    Sehr geehrter Herr Richter Strick: Danke für Ihren Ansatz. Hängen Sie bitte den kleinen Gärtnermeister nicht zu hoch. Hängen Sie die Dezernentin höher.(Bildlich gesprochen)

    Immerhin hat diese Dezernentin es mal wieder geschafft, das in Kürenz ein umstrittenes Bauprojekt, entgegen der Baugenehmigung nun doch gebaut werden darf, weil die Stadt mal wieder eine Untätigkeitsklage am Hals und auch verloren hat.(Quelle: Bürgerhaushalt)

  12. @ Mathias J. Fischer

    Diese, wie Sie richtig feststellen, in Trier besonders ausgeprägte Weltanschauung ist bekannt. Mit anderen Worten: Niemand ist für etwas verantwortlich.

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