Trier im Schatten der Vergangenheit

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    TRIER. Am heutigen Samstag drehte sich in Trier alles um ein historisches Datum: Vor genau 75 Jahren, am 9. November 1938, überfielen Nationalsozialisten deutschlandweit ungehindert jüdische Geschäfte, Wohnungen und Synagogen. Oberbürgermeister Klaus Jensen (SPD) gedachte am Abend vor mehr als hundert Anwesenden an der Stätte der ehemaligen Trierer Synagoge, an der Stele am Zuckerberg, der Opfer. Die NPD um Safet Babic präsentierte sich am Hauptbahnhof mit einer Kundgebung unter dem Motto „Wir sind das Volk“ mit gerade mal 10 Gesinnungsgenossen.

    Erneut war im Vorfeld versucht worden, die NPD an einer Kundgebung an diesem geschichtsträchtigen Datum zu hindern, wie in den Vorjahren schafften es die Rechtsradikalen über einen Gerichtsbeschluss, sich und ihr Gedankengut öffentlich zu präsentieren – dieses Mal unter dem Motto „Wir sind das Volk“. Das „Volk“ bestand am heutigen Samstagnachmittag aus zehn Neonazis, die ungefähr eine Stunde lang circa 50 Gegendemonstranten gegenüberstanden. Safet Babic begrüßte in seiner Ansprache seine Kameraden und Freunde, worauf sich die meisten Anwesenden suchend umblickten. Der schwergewichtige NPD-Mann betonte die historische Wichtigkeit des 9. November und hob dabei besonders den Fall der Berliner Mauer 1989 sowie die Ausrufung der Republik durch den Sozialdemokraten Philipp Scheidemann und den Kommunisten Karl Liebknecht hervor. „Die Verhältnisse werden sich ändern, der Sieg ist uns sicher“, rief er ins Mikrofon. Gastredner Roland Wuttke aus München hielt einen Exkurs über diverse geschichtliche Themen und stellte in seinem recht langatmigen Vortrag das „weiße Europa“ in den Vordergrund, währenddessen erinnerten die Gegendemonstranten über eine Lautsprecheranlage an die Verbrechen des Nationalsozialismus und hielten Bilder von in der Reichspogromnacht umgekommen Juden empor. Nach etwas mehr als einer Stunde war die Kundgebung am Hauptbahnhof bereits wieder beendet, zuvor hatten die Rechten zum Abschluss alle drei Strophen des Deutschlandliedes gesungen, von den im Text erwähnten „Deutschen Frauen“ war auf Seiten der NPD übrigens keine Einzige zu sehen.

    Deutlich ruhiger und nachdenklicher ging es ab 18 Uhr am Zuckerberg zu: Vor der Stele, die an die ehemalige Trierer Synagoge erinnert, hatten sich über hundert Besucher versammelt, um der Opfer der Reichspogromnacht zu gedenken. Oberbürgermeister Klaus Jensen, der während der Veranstaltung eine jüdische Kippa auf dem Kopf trug, sprach in seiner Rede von der Verantwortung, die jeder Einzelne noch heute habe: „Das Geschehene darf sich nicht wiederholen!“, betonte er in seiner Begrüßungsrede, nachdem er, wie viele andere, Blumen an der Stele niedergelegt hatte. Er sprach zudem allen Diskriminierten seine Solidarität aus. Jaram Moyal von der jüdischen Kultusgemeinde nannte die Ereignisse der Reichsprogromnacht 1938 aus heutiger Sicht „unvorstellbar“ und warnte ebenfalls vor wieder aufkeimendem Fremdenhass und Antisemitismus. Kantor Daniel Wertenschlag trug ein Gebet in hebräischer Sprache vor – einige der Anwesenden waren sichtlich ergriffen. (jow)

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