Mit Dialogen und Toleranz zur neuen Wendezeit

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TRIER. „Wendezeiten“ – unter diesem Schlagwort betrachtet die öffentliche Ringvorlesung der Universität Trier das deutsch-russische Verhältnis. Den Untertitel „Russland und Deutschland im Dialog“ interpretierte das ausrichtende Fach Slavistik programmatisch und konnte den Botschafter der russischen Föderation in Deutschland, Wladimir Grinin, für einen Dialog mit Russland-Experten gewinnen.

Wie lässt sich der Status der russisch-deutschen Beziehungen beschreiben: intensiv wie nie, verzerrt, problembeladen, auf einem guten Weg? Nimmt man die Podiumsdiskussion im Audimax der Universität zum Maßstab, treffen alle Attribute zu.

Universitätspräsident Prof. Michael Jäckel markierte in seiner Einführung die Wendepunkte in der langen Geschichte der russisch-deutschen Beziehungen und griff damit dem allgemein geäußerten Wunsch nach einer neuen „Wendezeit“ vor. Der Trierer Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende der deutsch-russischen Parlamentariergruppe, Bernhard Kaster, sieht im russisch-deutschen Miteinander vieles auf einem guten Weg. „Aber es gibt auch immer wieder ein Zurück“, legte Kaster die Finger in Beziehungswunden. Dazu wurden an diesem Abend ­die Modifizierung des russischen Wahlrechts, die Behinderung von Nicht-Regierungsorganisationen wie der Konrad Adenauer Stiftung, ein Drift auf der Wertebene (Umgang mit Homosexualität) oder der Umgang mit Pressefreiheit aufgezählt.

Dem hielten sowohl Botschafter Grinin als auch Philosophie-Professor Alexei Krouglov von der staatlichen Moskauer Universität RSUH eine verzerrte Berichterstattung deutscher Medien über Russland entgegen. Krouglov persiflierte die Medienarbeit in einem von ihm spontan verfassten Artikel über die Diskussionsrunde, der negative Stereotype und Ressentiments gegen Russland widerspiegelte. „Wenn ich in deutschen Medien Berichte über Russland lese, denke ich oft, sie berichten über ein anderes Land, das ich gar nicht kenne“, spitzte Krouglov seine Kritik zu. „Wir waren in den Medien schon ein autoritäres Land, ein homophobes Land – wir waren schon alles Mögliche“, pflichtete Grinin bei. Die Presse müsse Probleme verfolgen und kritisieren, aber nicht in diesem Maß. Er könne den Eindruck nicht völlig zur Seite schieben, dass eine Politik dahinterstecke, so Grinin.

Ein gewisses Verständnis für diese Sicht brachte sogar Christian Mihr von „Reporter ohne Grenzen“ auf. „Ich bin auch manchmal unzufrieden, wie Kritik an Russland geübt wird. Ich beobachte zunehmend eine unwissende Berichterstattung in Deutschland“, monierte er mit einem Hinweis auf das immer dünner werdende Korrespondentennetz in Moskau. Den Vorwurf einer gesteuerten Politik hinter der Berichterstattung wehrte er jedoch entschieden ab.

„Irritationen in den Beziehungen“ bestätigte Juniorprofessorin Caroline von Gall von der Universität Köln. Andererseits seien die Verbindungen so intensiv wie nie. Sie warb trotz der Verunsicherung, wo Russland gerade stehe, um Verständnis: „Es gibt nicht das eine Russland, es ist ein sehr heterogenes Land.“

Ein Land, das sich auf den Westen zubewege, beobachtet Alexander Rahr, Forschungsdirektor des Deutsch-Russischen Forums. Außenpolitisch sei die Hinwendung zu Europa und den USA für Russland die vorteilhafteste Alternative. Diese Strategie entspreche dem russischen Außenpolitik-Konzept, bekräftigte Botschafter Wladimir Grinin. Darin würden Deutschland und die Europäische Union als erste Kooperationspartner genannt. Man wolle auf einen gemeinsamen politischen und wirtschaftlichen Raum mit der EU hinarbeiten, auch eine partnerschaftliche Kooperation mit den USA sei von primärer Bedeutung. Mit Applaus wurde sein abschließendes Statement bedacht: „Wir brauchen mehr Toleranz und Verständnis füreinander. Wir Russen werden nie Deutsche sein und Deutsche nie Russen. Wir brauchen eine moralische und psychologische Annäherung.“

In der Auslegung dieser Worte könnte der Titel der Ringvorlesung Pate stehen für die politische und gesellschaftliche Arbeit an einer besseren Beziehung: Durch intensivere und tolerantere Dialoge zwischen Russland und Deutschland eine neue Wendezeit vorzubereiten. (red)

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